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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago XXV Heft 2"

Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Begründet von Sigm. Freud 



XXV. BAND 1940 Heft 2 

Das Medusenhaupt 

(Aus dem Nachlass) 
von 

Sigm. Freud 

Die Deutung einzelner mythologischer Gebilde ist von uns nicht oft versucht 
worden. Sie liegt für das abgeschnittene, Grauen erweckende Haupt der Meduse 
nahe. 

Kopfabschneiden = Kastrieren. Der Schreck der Meduse ist also Kaatrationa- 
achreck. der an einen Anblick geknüpft ist. Aus zahlreichen Analysen kennen wir 
diesen Anlasa, er ergibt sich, wenn der Knabe, der bisher nicht an die Drohung 
glauben wollte, ein weibliches Genitale erblickt. Wahrscheinlich ein erwachsene«, 
von Haaren unsaumtes, im Grunde das der Mutter. 

Wenn die Haare des Medusenhauptes von der Kunst so oft als Schlangen ge- 
bildet werden, so stammen diese wieder aus dem Kastrationskomplex und merk- 
würdig, so schrecklich sie an sich wirken, dienen sie doch eigentlich der Milderung 
des Grauens, denn sie ersetzen den Penis, dessen Fehlen die Ursache dea Grauem 
ist. — Eine technische Regel: Vervielfältigung der Peniasymbole bedeutet Kastra- 
tion, ist hier bestätigt. 

Der Anblick des Medusenhaupts macht starr vor Schreck, verwandelt den 
Beschauer in Stein. Dieselbe Abkunft aus dem Kastrationakomplez und deraelbt 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



106 Sigm. Freud 



Affektwandel! Denn das Starrwerden bedeutet die Erektion, also in der ursprung- 
lichen Situation den Trost des Beschauers. Er hat noch einen Penis, versichert 
sich desselben durch sein Starrwerden. 

Dies Symbol des Grauens trägt die jungfräuliche Göttin Athene an ihrem 
Gewand. Mit Recht, sie wird dadurch zum unnahbaren, jedes sexuelle Gelüste 
abwehrenden Weib. Sie trägt doch das erschreckende Genitale der Mutter zur 
Schau. Den durchgängig stark homosexuellen Griechen konnte die Darstellung 
des durch seine Kastration abschreckenden Weibes nicht fehlen. 

Wenn das Medusenhaupt die Darstellung des weiblichen Genitales ersetzt, 
vielmehr dessen grauenerregende Wirkung von seiner lusterregenden isoliert, so 
kann man sich erinnern, dass das Zeigen der Genitalien auch sonst als apotropä- 
ische Handlung bekannt ist. Was einem selbst Grauen erregt, wird auch auf den 
abzuwehrenden Feind dieselbe Wirkung äussern. Noch bei Rabelais ergreift der 
Teufel die Flucht, nachdem ihm das Weib ihre Vulva gezeigt hat. 

Auch das erigierte männliche Glied dient als Apotropäon, aber kraft eines 

anderen Mechanismus. Das Zeigen des Penis — und all seine Surrogate will 

sagen: Ich fürchte mich nicht vor dir, ich trotze dir, ich habe einen Penis. Das ist 
also ein anderer Weg zur Einschüchterung des bösen Geistes. 

Um nun diese Deutung ernstlich zu vertreten, müsste man der Genese dieses 
isolierten Symbols des Grauens in der Mythologie der Griechen und seinen 
Parallelen in anderen Mythologien nachgehen. 

Anmerkung der Redaktion: Das Manuskript ist vom 14.V.1922 datiert und i,t 
unveröffentlicht geblieben. Anscheinend handelt es sich hier um eine Skizze für eine ausführlicher 
geplante Arbeit. Den gleichen Gegenstand hat S. Ferenczi in einer kurzen Notiz (Zur Symbolik 
des Medusenhauptes in Int.Ztschr.f.Psa., IX, 1923) behandelt. 



Zur Theorie des hysterischen Anfalles 

von 

Dr. J. Breuer und Dr. Sigm. Freud 

in Wien 

Es gibt, soviel uns bekannt ist, noch keine Theorie des hysterischen Anfalles, 
sondern bloss eine von C h a r c o t herrührende Beschreibung desselben, welche 
sich auf die selten vorkommende, unverkürzte „grande attaque hysterique" 
bezieht. Ein solcher „typischer" Anfall besteht nach Charcot aus vier Phasen, 1) 
der epileptoiden, 2) den grossen Bewegungen, 3) der Phase der „attitudes passio- 
nelles", 4) dem „delire terminal". Indem sich einzelne dieser Phasen selbständig 
machen, verlängern, modifizieren oder ausfallen, entstehen nach Charcot alle jene 
mannigfaltigen Formen von hysterischen Anfällen, die man als Arzt häufiger als 
die typische grande attaque zu beobachten Gelegenheit hat. 

Diese Beschreibung bietet keinerlei Aufklärung über einen etwaigen Zusammen- 
hang der einzelnen Phasen, über die Bedeutung des Anfalles im Gesamtbilde der 
Hysterie oder über die Modifikation der Anfälle bei den einzelnen Kranken. Wir 
gehen vielleicht nicht irre, wenn wir vermuten, dass bei der Mehrzahl der Ärzte 
die Neigung vorherrscht, im hysterischen Anfall eine „periodische Entladung der 
motorischen und psychischen Centren der Hirnrinde" zu sehen. 

Wir sind zu unseren Anschauungen über den hysterischen Anfall dadurch 
gelangt, dass wir Hysterische mit hypnotischer Suggestion behandelten und durch 
Ausfragen in der Hypnose ihre psychischen Vorgänge während des Anfalles 
erforschten. Wir stellen folgende Sätze über den hysterischen Anfall auf, denen 
wir noch die Bemerkung vorausschicken, dass wir die Annahme einer Dissociation 
Spaltung des Bewusstseinsinhaltes — für unentbehrlich zur Erklärung hyste- 
rischer Phänomene erachten. 
1.) Konstanter und wesentlicher Inhalt eines (wiederkehrenden) hysterischen 

Anfalles ist die Wiederkehr eines psychischen Zustandes, den der Kranke 

bereits früher einmal erlebt hat, mit anderen Worten, die Wiederkehr 

einer Erinnerung. 

Wir behaupten also, dass das wesentliche Stück des hysterischen Anfalles 

in der C h a r c o t'schen Phase der attitudes passionelles enthalten ist. In 



7 Vol. 25 



108 f Breuer und Sigm. Freud 



vielen Fällen ist es ganz offenkundig, dass diese Phase eine Erinnerung aus 
dem Leben des Kranken, und zwar häufig immer die nämliche, enthält. In 
anderen Fällen aber scheint eine solche Phase zu fehlen, der Anfall besteht 
anscheinend nur aus motorischen Phänomenen, epileptoiden Zuckungen, 
einem kataleptischen oder schlafähnlichen Ruhezustand, aber auch in diesen 
Fällen gestattet die Ausforschung in der Hypnose den 
sicheren Nachweis eines psychischen Erinnerungsvor- 
ganges, wie er sich sonst in der phase passioneile augenfällig verrät. 

Die motorischen Erscheinungen des Anfalles sind nie ausser Zusammenhang 
mit dem psychischen Inhalt desselben; sie stellen entweder den allgemeinen Aus- 
druck der begleitenden Gemütsbewegung dar oder entsprechen genau jenen 
Aktionen, welche der halluzinatorische Erinnerungsvorgang mit sich bringt. 
2.) DieErinnerung, welche den Inhaltdes hysterischen An- 
falles bildet, ist keine beliebige, sondern ist dieWieder- 
kehr jenes Erlebnisses, welches den hysterischen Aus- 
bruch verursacht hat — des psychischen Traumas. 

Dieses Verhältnis ist wiederum augenfällig in jenen klassischen Fällen 
traumatischer Hysterie, wie sie C h a r c o t bei Männern kennen gelehrt, in 
denen das früher nicht hysterische Individuum von einem einzigen grossen 
Schreck an (Eisenbahnunfall, Sturz etc.) der Neurose verfällt. Hier bildet der 
Inhalt des Anfalles die halluzinatorische Reproduktion jenes mit Lebensgefahr 
verbundenen Ereignisses, etwa nebst den Gedankengängen und Sinnesein- 
drücken, die das bedrohte Individuum damals angesponnen. Aber diese Fälle 
verhalten sich nicht abweichend von der gemeinen weiblichen Hysterie, son- 
dern sind geradezu vorbildlich für dieselbe. Erforscht man bei letzterer den 
Inhalt der Anfälle auf dem angegebenen Wege, so stösst man auf Erlebnisse, 
welche gleichfalls ihrer Natur nach geeignet sind als Trauma zu wirken 
(Schreck, Kränkung, Enttäuschung). In der Regel wird das vereinzelte grosse 
Trauma hier ersetzt durch eine Reihe von kleineren Traumen, die durch 
Gleichartigkeit oder indem sie Stücke einer Leidensgeschichte bilden zusam- 
mengehalten werden. Solche Kranke haben dann auch häufig verschiedene 
Arten von Anfällen, jede Art mit besonderem Erinnerungsinhalt. — Man wird 
durch diese Tatsache dazu veranlasst, dem Begriff der traumatischen Hysterie 
eine grössere Ausdehnung zu geben. 



Zur Theorie des hysterischen Anfalles 109 



In einer dritten Gruppe von Fällen rindet man als Inhalt der Anfälle Erin- 
nerungen, denen man an und für sich einen traumatischen Wert nicht zuge- 
stehen würde, die denselben aber offenbar dem Umstände verdanken, dass sie 
sich durch Zusammentreffen mit einem Moment krankhaft gesteigerter Dis- 
position associiert haben und so zu Traumen erhoben worden sind. 
3.) Die Erinnerung, welche den Inhalt des hysterischen 
Anfalles bildet, ist eine unbewusste, correcter gespro- 
chen: sie gehört dem zweiten, bei jeder Hysterie mehr 
oder minder hoch organisierten B e wu ss tseinszus tan d e 
a n. Demgemäss fehlt sie auch dem Gedächtnis des Kranken in seinem Normal- 
zustande gänzlich oder ist nur summarisch in demselben vorhanden. Wenn 
es gelingt, diese Erinnerung gänzlich ins normale Bewusstsein zu ziehen, hört 
deren Wirksamkeit zur Erzeugung von Anfällen auf. Während des Anfalles 
selbst befindet sich der Kranke völlig oder teilweise im zweiten Bewusstseins- 
zustand. Im ersten Falle ist er in seinem normalen Leben für den ganzen 
Anfall amnestisch; im zweiten nimmt er seine Zustandsveränderung und 
motorischen Äusserungen wahr, während der psychische Vorgang während 
des Anfalles ihm verborgen bleibt. Derselbe kann aber jederzeit durch die 
Hypnose geweckt werden. 
4.) Die Frage nach der Herkunft des Erinnerungsinhaltes hysterischer Anfälle 
fällt zusammen mit der Frage, welche Bedingungen dafür massgebend seien, 
dass ein Erlebnis (Vorstellung, Vorsatz etc.) anstatt ins normale ins zweite 
Bewusstsein aufgenommen wird. Wir haben von diesen Bedingungen bei 
Hysterischen zwei mit Sicherheit erkannt. 

a) Wenn der Hysterische ein Erlebnis mit Absicht ver. 
gessen will, einen Vorsatz, eine Vorstellung gewalt. 
sam von sich weist, hemmt und unterdrückt, so gera- 
ten dadurch diese psychischen Akte in den zweiten 
Bewusstseinszustand, äussern von dort aus ihre per- 
manenten Wirkungen, und die Erinnerung an sie 
kommt als hysterischer Anfall wieder. (Hysterie der Non- 
nen, der enthaltsamen Frauen, der wohlerzogenen Knaben, der Personen , 
welche Hang zur Kunst, zum Theater in sich verspüren etc.) 
b)In den zweiten Bewusstseinszustand geraten auch 



110 J. Breuer und Sigm. Freud 



jene Eindrücke, welche während eines ungewöhn- 
lichen psychischen Zustandes (Affekt, Ekstase, Auto- 
hypnose) empfangen worden sind. 

Wir fügen hinzu, dass diese beiden Bedingungen sich häufig durch 
inneren Zusammenhang combinieren und dass ausser ihnen noch andere 
anzunehmen sind. 
5.) "Wenn man von dem übrigens weiter tragenden Satze ausgeht, dass das 
Nervensystem bestrebt ist, etwas in seinen Funktions- 
verhältnissen, was man die „Er r eggu n gssu mme " nenne n 
mag, constant zu erhalten, und dass es diese Bedingung 
der Gesundheit durchsetzt, indem es jeden sensibeln 
Erregungszu wachs associativ erledigt oder durch ent- 
sprechende motorische Reaktion abführt, gelangt man zxi 
einer gemeinsamen Eigentümlichkeit derjenigen psychischen Erlebnisse, die 
man als Inhalt hysterischer Anfälle vorfindet. Es sind durchwegs Eindrücke, 
denen die adaequate Abfuhr versagt i s t, sei es weil die Kran- 
ken aus Furcht vor peinlichen Seelenkämpfen die Erledigung von sich weisen, 
sei es weil (wie bei sexuellen Eindrücken) Schamhaftigkeit und soziale Ver- 
hältnisse sie verbieten, oder endlich weil diese Eindrücke in Zuständen emp- 
fangen worden sind, in denen das Nervensystem der Aufgabe der Erledigung 
unfähig war. 

Man gewinnt auf diesem Wege auch eine für die Lehre von der Hysterie 
brauchbare Definition des psychischen Traumas. Zum psychischen 
Trauma wird jeder Eindruck, dessen Erledigung durch 
associative Denkarbeit oder motorische Reaktion dem 
Nervensystem Schwierigkeiten bereitet. 

Anmerkung der Redaktion: Diese Arbeit findet sich — in der Handschrift Freuds 
geschrieben— unter seinen nachgelassenen Schriften. Einzelne Abschnitte sind in seiner vorläu- 
figen Mitteilung „Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene" (Neurologisches 
Centralblatt, Jahrgang 1893; „Studien über Hysterie" 1895) enthalten. Das Manuskript trägt das 
Datum Ende November 1892. Der Abdruck erfolgt mit Zustimmung der Erben Breuers. 






Chronische Schweiger in der Analyse 1 

von 

J. Marjasch 

Zürich 

Das Problem, worauf ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, ist zum Teil 
technischer Natur und gehört zum Kapitel „Widerstand". 

Der Kampf mit den verschiedenen Arten und Äusserungsformen des Wider- 
standes ist bekanntlich eine der wichtigsten Aufgaben der klinischen Psychoana- 
lyse. Jeder Analytiker weiss, wie reich an Waffen das Arsenal des Widerstandes 
ist, wie verschieden die Quellen sind, von denen diese Waffen geliefert werden, 
und wie mannigfaltig die Motive sein können, die den Widerstand veranlassen, 
von seinen Waffen Gebrauch zu machen. Eine der Waffen, mit der der Widerstand 
uns häufig entgegentritt, ist die Verletzung der psychoanalytischen Grundregel. 
Diese Waffe ist zwar nicht immer die gefährlichste, sie ist aber auch nicht immer 
die harmloseste. Denn wir können auf die Einhaltung der Grundregel nur dann 
verzichten, wenn wir uns mit einem sogenannten praktischen Erfolg begnügen 
wollen, der doch nur ein Ubertragungserfolg ist. 

Es ist deshalb begreiflich, dass der Analytiker immer bestrebt ist, den Patienten 
früher oder später so weit zu bringen, dass er die Grundregel respektiert. Dass 
auch der vernünftigste und vom Genesungswillen beseelteste Patient im Verlaufe 
seiner Analyse sich gelegentlich weigert, alles, was ihm in den Sinn kommt, 
auszusprechen, ist eine dem Analytiker wohlbekannte Tatsache. Wir wissen, dass 
es anders auch nicht gehen kann. Ganz besonders nicht am Anfang der Analyse, 
da das schwache Ich des Patienten sich noch in ziemlicher Abhängigkeit von 
anderen, dynamisch stärkeren psychischen Instanzen befindet. 

Unter diesen Instanzen spielt oft das Uber-Ich die Hauptrolle. Mit ein wenig 
Geduld und etwas Takt gelingt es dem Analytiker, wenn auch nicht immer leicht, 
den Patienten für den weiteren Kampf gegen den Widerstand zu gewinnen. 

Schwieriger gestaltet sich die Aufgabe des Analytikers, wenn der Patient nicht 
gelegentlich, sondern chronisch sich weigert frei zu assoziieren. Der Wider- 
stand ist hier in seiner Struktur komplizierter und in seiner Dynamik viel inten- 
siver. Zu den Quellen des Uber-Ichs gesellen sich in solchen Fällen auch Ich- 
Instanzen hinzu, charakterliche Formationen, die, vom Es her gespeist, den Sinn 
für die äussere Realität beim Patienten trüben, seinen Genesungswillen schwächen 

1) Nach einem in der Schweizer Psychoanalytischen Gesellschaft in Zürich am 14. Mai 1938 
gehaltenen Vortrag. 



112 7- Marjasch 



und nicht selten ganz lahmlegen. Unter dem Druck der Verhältnisse sieht sich der 
Analytiker in solchen Fällen gezwungen, den Kampf gegen den Widerstand auf 
der Ebene der psychoanalytischen Regel aufzugeben, um „eine von der Front 
unangreifbare Stellung von der Flanke her zu stürmen," wie sich L a fo r g u e (1) 
in seiner Abhandlung: „Ausnahmen von der psychoanalytischen Grundrege l" 
ausdrückt. Die von Laforgue vorgeschlagene, lockere Handhabung der Grund- 
regel darf aber, meiner Meinung nach, nur vorübergehender Natur sein. Sie ist 
ein taktischer, der Situation angepasster Rückzug. Sobald aber der Widerstand 
indirekt gebrochen ist, muss man zu der strengen Einhaltung der Regel zurück- 
kehren. 

Nun gibt es unter den nicht-psychotischen Patienten, die sich systematisch 
weigern frei zu assoziieren, auch solche, die diese Weigerung durch Schweigen 
zum Ausdruck bringen. Diese Patienten sprechen in der Sitzung nicht nur das, 
w a s sie wollen, sondern sie schweigen auch, w a n n und s o 1 a n g e sie wollen. 
Ihr Schweigen hat mit einem bewussten Verschweigen irgendwelcher Gedanken 
oder Gefühlsregungen unmoralischer resp. unästhetischer Natur nichts zu tun. 
Denn diese Schweiger geben ohne weiteres zu, dass ihnen während des Schweigens 
wohl manches durch den Kopf geht, dass sie es aber unmöglich aussprechen 
können, trotzdem es sich um Gedanken harmlosester Art handelt. 

Es ensteht somit die Frage: Wie soll man diese Patienten dazu bringen, ihr 
Schweigen zu brechen? Wie soll man den Widerstand zwingen, das stumme 
Agieren aufzugeben und sich der Wortsprache zu bedienen? 

Die vorher erwähnte, von Laforgue vorgeschlagene lockere Handhabung 
der Grundregel kann höchstens bei solchen Schweigern Anwendung finden, die 
mehr sprechen als schweigen. Dort gibt es noch genügend Raum, um dem Gegner 
ausweichen zu können. Wie soll man aber bei jenen Patienten vorgehen, die in 
der Sitzung überhaupt nicht oder kaum sprechen? Es gibt nämlich unter 
den chronischen Schweigern nicht nur partielle, sondern auch absolute 
Schweiger. Bei diesen letzteren muss technisch ein anderer Weg als der des Aus- 
weichens eingeschlagen werden. 

In seinen technischen Ratschlägen streift Freud (2) das Problem der Von- 
anfang-an-schweigenden. „Man wird gelegentlich Patienten begegnen", schreibt 
Freud, „die ihre Kur mit der ablehnenden Versicherung beginnen, dass ihnen 
nichts einfalle, was sie erzählen könnten, obwohl das ganze Gebiet der Lebens- 
und Krankheitsgeschichte unberührt vor ihnen liegt" . . . „Die energisch wieder- 
holte Versicherung", meint Freud weiter, „das es solches Ausbleiben aller Einfälle 
zu Anfang nicht gibt, und dass es sich um einen Widerstand gegen die Analyse 
handle, nötigt den Patienten bald zu den vermuteten Geständnissen oder deckt 
ein erstes Stück seiner Komplexe auf." 



Chronische Schweiger in der Analyse 113 

Diese von Freud vorgeschlagene Technik führt leider nicht bei allen 
Schweigern zum Ziel. Es gibt nämlich Schweiger, die dem energischen Drängen 
des Analytikers einen nicht minder energischen Widerstand entgegensetzen und 
ihrem Schweigen auch weiterhin treu bleiben. 

Ferenczi (3) hat seinerzeit vorgeschlagen, in hartnäckigen Fällen dem 
Schweigen des Patienten das eigene Schweigen entgegenzustellen. Er hat sich 
dabei von der richtigen Beobachtung leiten lassen, dass die Patienten das 
Schweigen des Analytikers schwer ertragen können. Diese der Form nach passive, 
in ihrer dynamischen Auswirkung höchst aktive Technik eignet sich aber nur 
für solche Fälle, die es schon zu einer genügenden echt positiven Übertra- 
gung gebracht haben. Wo aber eine solche fehlt, kann diese Technik eher schaden. 
Denn das hartnäckige Schweigen des Analytikers wird vom Patienten oft als 
Liebesentzug gewertet. Der Kranke vermutet — und vielleicht nicht mit Unrecht 
— dass der Analytiker sich an ihm rächt. Die Reaktion des Analysanden kann 
unter solchen Umständen ganz anders ausfallen, als es vom Analytiker gewünscht 
ist. Man muss deshalb mit diesem Schockverfahren sehr vorsichtig umgehen, ganz 
besonders bei Patienten, die von Anfang an zu schweigen beginnen. Nun sind 
gerade die Patienten, von denen hier die Rede ist, fast ausschliesslich Von-anfang- 
an-schweiger. Es gibt zwar unter ihnen solche, die in den ersten Sitzungen noch 
halbwegs reden. Dieses Reden ist aber von einem freien Assoziieren weit entfernt 
und dauert nur solange, bis das bewusste Krankheitsmaterial dem Analytiker 
mitgeteilt wurde. Bald darauf stellt sich das Schweigen ein und damit auch die 
Frage: „Was tun?" 

In seinen Arbeiten über Charakteranalyse betont Reich (4), dass man ein 
Agieren schrittweise abbauen kann, wenn es dem Analytiker intuitiv gelingt, den 
aktuellen Sinn dieses Agierens zu erraten und ihn dem Patienten klar zu machen. 
Dies Vorgehen ist aber bei den Von-anfang-an-schweigern nicht immer möglich, 
da man dabei leicht Gefahr läuft, auf die schiefe Ebene einer wilden Analyse zu 

geraten. 

Kaiser (5) schlägt in seiner Abhandlung „Probleme der Technik" vor, die 
analytische Technik im allgemeinen so zu gestalten, dass man auf Inhaltsdeutungen 
während der ganzen Dauer der Analyse überhaupt verzichten und sich nur mit 
der Auflösung jeweiliger Rationalisierungen begnügen soll. Zur Auflösung von 
Rationalisierungen ist aber, wie auch Kaiser bemerkt, zu allererst eine positive 
Übertragung notwendig und gerade diese fehlt beim chronischen Schweiger 
allzuoft. Deshalb verharren diese Patienten in ihrem Schweigen selbst dann noch, 
wenn es dem Analytiker auch gelingt, ihnen klar zu beweisen, dass die Motivie- 
rungen ihres Benehmens einer objektiven Kritik nicht standhalten können. In 
solche Situationen verschanzt sich der Schweiger hinter den einen, kein weiteres 

S Vol. 25 



114 J. Marjasch 



„Warum" zulassenden Ausspruch: „Es geht halt nicht!" Nicht selten bricht er 
dabei die Behandlung ab. Tut er es nicht, so kann man oft die Beobachtung machen, 
dass er sich immer und immer wieder vornimmt, in der nächsten Sitzung nicht 
mehr zu schweigen, und trotzdem verstummt, sobald er auf dem Sofa liegt. 
Mancher dieser Patienten bezeichnet spontan sein Schweigen als einen ihm un- 
erklärlichen Zwang. Zweifellos bedeutet das Schweigen hier ein Symptom, das 
sich in der Behandlung als Widerstand auswirkt. Die Frage des praktisch-tech- 
nischen Vorgehens in solchen hartnäckigen Fällen steht nun wieder vor uns. 

Von vornherein sei hier bemerkt, dass meine weiteren Ausführungen nicht als 
Lösung, sondern vielmehr nur als klinischer Beitrag zur Lösung dieses kompli- 
zierten Problems aufzufassen sind. Es sind Niederschläge von Erfahrungen, die 
ich im Verlaufe mehrerer Jahre bei chronischen Schweigern gemacht habe und 
die keineswegs Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. 

Wenn man etwas schematisch vorgehen will, dann kann man bei chronischen 
Schweigern hinsichtlich ihren Einstellungen zu den Forderungen der analytischen 
Technik ein verschiedenes Verhalten beobachten. Das Benehmen der einen ist 
friedlich -passiv, das der anderen eher aktiv-aggressiv. Die „Passiven" haben 
gegen die analytische Technik nichts einzuwenden. Sie klagen nur, dass sie ihr 
in bezug auf das Sprechen nicht gewachsen sind. Dagegen protestieren die 
„Aktiven" bald gegen diese, bald gegen jene technische Massnahme und verlangen 
hartnäckig nach Abänderungen. Wenden wir uns zunächst den „Passiven" z u . 
Sie machen unter den Fällen meiner Beobachtung die überwiegende Mehrzahl 
der chronischen Schweiger aus. Es zeigte sich, dass bei denjenigen dieser 
Schweiger, bei denen man mit dem von Freud vorgeschlagenen technischen 
Vorgehen nicht weiter kommt, es besser ist auf das weitere Drängen in dieser oder 
jener Form überhaupt zu verzichten. Denn das Schweigen drückt auf die Stim- 
mung dieser Patienten je länger, desto mehr. Kommt noch das — übrigens vergeb- 
liche — Drängen des Analytikers hinzu, so werden die ohnehin intensiven 
Minderwertigkeitsgefühle dieser Patienten noch stärker. Zugleich wächst auch 
ihre Abneigung gegen die Behandlung, ganz besonders, wenn man mit Zureden, 
Anspornen und mit Appellieren an den Genesungswillen beginnt. In solchen 
Fällen ist also das weitere Drängen nur Wasser auf die Mühle des Widerstandes. 

Dagegen ändert sich diese unerquickliche analytische Situation, sobald der 
Analytiker den Patienten vom weiteren direkten Kampf mit dem Schweigen 
befreit, indem er ihm erklärt, dass sein Schweigen in der Behandlung eine neue 
Form seiner Neurose darstellt, die seinen Hemmungen ausserhalb der Analyse 
ähnlich ist. (Die meisten dieser Schweiger waren Impotente.) Durch dieses 
Vorgehen beginnt das bis dahin in jeder „ Kampf sitzung" immer wieder aufge- 
frischte Insuffizienzgefühl des Schweigers abzuklingen. Auch die sekundäre 



Chronische Schweiger in der Analyse 115 

Abneigung des Patienten gegen die Analyse nimmt daraufhin ab. Dies ist zugleich 
der erste Schritt zu Herstellung einer tragbaren positiven Übertragung, deren 
Höhe bis dahin, wenn auch nicht gerade unter Null, aber nicht viel über dem 
Nullpunkt stand. Ist der optimale Grad des positiven Kontaktes mit dem Kranken 
hergestellt — wobei das Benehmen des Analytikers eine sehr wichtige Rolle 
spielt — dann ist es nicht mehr so schwer, den Begriff „Widerstand" in der Vor- 
stellung des Patienten herauszukristallisieren und den Schweiger dazu zu bringen, 
den Kampf gegen diesen Feind gemeinsam aufzunehmen. All dies geht selbst- 
verständlich sehr langsam vor sich und hängt letzten Endes von einer glücklichen 
Regulierung der verschiedenen Übertragungen ab. 

Gehen wir nun zu den „aktiven" Schweigern über, die dadurch charakterisiert 
sind, dass sie hartnäckig vom Analytiker irgendeine Änderung seiner üblichen 
Technik verlangen, um das Sprechen in der Analyse in Gang zu setzen. Der eine 
verlangt, anstatt auf dem Sofa zu liegen, dem Analytiker gegenüber zu sitzen, der 
andere wünscht, dass die Sitzung nicht von ihm, sondern regelmässig vom Analy- 
tiker „eröffnet" werden soll, der dritte möchte in die Sitzung sein seit Jahren 
geführtes Tagebuch mitbringen, um kapitelweise daraus vorzulesen u.s.w. Dem 
Rat Freuds folgend versucht man zuerst diesen Forderungen nicht nach- 
zugeben, um den Kampf mit dem Widerstand sofort aufzunehmen. Es gibt aber 
Fälle, wo diese Technik, wie bereits erwähnt, versagt. Die Patienten brechen die 
Behandlung beim Scheitern dieser Technik zwar nicht immer ab, geben aber 
auch ihr Schweigen nicht auf. Es kann sogar so weit kommen, dass der infolge der 
Nichterfüllung seiner Wünsche gekränkte Patient auf die harmloseste Frage des 
Analytikers, die nur mit „ja" oder „nein" beantwortet werden könnte, überhaupt 
nicht reagiert. Die Erfahrung zeigte mir, dass es in solchen Situationen besser ist — 
nachzugeben. Dieses Nachgeben hat den Zweck, den Patienten zuerst für eine 
weitere regelrechte analytische Mitarbeit reif zu machen. Es ist klar, dass diese 
„Reife" nur auf der Basis einer erst zu schaffenden positiven Übertragung 
zustande kommen kann, was bei diesen Patienten allerdings nicht leicht zu er- 
reichen ist. Denn es handelt sich hier meist um sehr trotzige Charaktere, die das 
Schweigen als Angriffs- und Verteidigungswaffe auch sonst im Leben mit „Erfolg" 
geübt haben. Daher spielt hier das Benehmen des Anal3'tikers eine viel grössere 
Rolle als bei den passiven Schweigern. Dieses Benehmen zu schildern ist nicht gut 
möglich. Jeder Analytiker verlangt ja von sich selbst, dass er immer taktvoll, 
wohlwollend, ruhig und sachlich dem Patienten gegenübersteht. Was also — könnte 
man mit Recht fragen — muss hier noch hinzukommen? Nun, ich glaube, es muss 
wirklich nichts besonderes hinzukommen, um den Patienten in Übertragung zum 
Analytiker und in Distanz zu seinem Symptom zu bringen. Allerdings muss hier 
der Analytiker nicht nur seine eben erwähnten „Umgangsqualitäten", sondern 



116 J. Marjasch 



auch seine G e d u 1 d im höchsten Grade entwickeln. Dass der Erfolg sich trotz- 
dem nicht immer einstellt, ist zu erwähnen kaum nötig. Übrigens ist es ohne 
weiteres klar, dass es kaum möglich sein wird, eine einheitliche Technik fur 
chronische Schweiger auszuarbeiten. Ist doch der Begriff „Chronischer Schweiger" 
nur ein symptomatischer, der mehrere Gruppen von Patienten umfasst, die der 
Struktur ihrer Krankheit nach ganz verschieden sind. 

Im folgenden sei nun eine Schilderung derjenigen psychischen Regungen 
gegeben, die die Patienten mit Hilfe des Schweigens abwehren, zugleich aber auch 
zu befriedigen streben. 

Es ist jedem Analytiker wohlbekannt, wie sinnreich die Sprache des Schweigens 
ist. In der psychoanalytischen Literatur hat sich meines Wissens besonders R e i k 
(6) mit diesem Problem auseinandergesetzt. 2 Allerdings hat Reik hauptsächlich 
das Schweigen des Analytikers und nicht das des Analysanden zum Objekt seiner 
Forschung gemacht. Da ich nicht die Absicht habe, das wichtige Problem des 
Schweigens in seiner ganzen Vielfältigkeit hier aufzurollen, werde ich mich nur 
mit der Schilderung dessen begnügen, was ich bei meinen Patienten erschliessen, 
bezw. erraten und vermuten konnte. 

Es ist klar, dass man über den Sinn des Schweigens bei denjenigen Patienten am 
wenigsten erfahren kann, die von Anfang an absolute Schweiger waren und als 
solche die Analyse nach einigen Sitzungen verliessen. Das Schweigen dieser 
Patienten bedeutete eine „stille Beerdigung" der Analyse. 

Unter den Ursachen für diese negative Einstellung zur analytischen Behandlung 
spielt eine unbewusste masochistische Tendenz — neben Mangel an Intelligenz 
sowie Misstrauen zum analytischen Verfahren — eine grosse Rolle. Es ist die 
gleiche rätselhafte Macht, die manche Neurotiker davon abhält, überhaupt den 
Arzt aufzusuchen. Wenn man solch einen Kranken gelegentlich fragt, warum er 
solange, manchmal sind es Jahre, ja sogar Jahrzehnte, gewartet habe, bekommt 
man die optimistisch klingende Antwort: „Ich habe immer gehofft, das lästige 
Ding würde eines Tages von selbst verschwinden". Diese Hoffnung ist eine 
masochistische Maske. Auch der ungeheure Trotz des Schweigers steht nicht 
selten im Dienste des Masochismus. Anstatt dem Leid zu trotzen, ertrotzt sich 
der Schweiger sein Leid. Anstatt eine gesunde Reaktion auf die Schläge des Lebens 
zu entwickeln, reagiert der Schweiger so spontan-affektiv, dass man aus den daraus 
entstehenden Folgen nicht schwer das geheime Spiel der masochistischen Tendenz 



2) Ich möchte hier noch auf die Arbeiten von E. Bergler: The Patient is silent (Psychoanalytic 
Review, vol. XXV, 1938) und Fenichel: Problems of Psychoanalytic Technique. (Psychoanalyse 
Quarterly, vol. VII, 1938, und VIII, 1939) verweisen, auf die ich nach meinem Vortrag aufmerksam 
gemacht worden bin und auf die ich aus äusseren Gründen leider nicht eingehen kann. 









Chronische Schweiger in der Analyse 117 

erkennen kann. Dass das Schweigen vom Patienten angewendet wird, um maso- 
chistische Lust zu erleben, kann man gelegentlich daraus ersehen, dass manche 
Schweiger den Analytiker direkt dazu auffordern, mit ihnen strenger umzugehen 
und sie für ihr Schweigen zu bestrafen. 

Es ist wohl kaum nötig zu bemerken, dass der Schweiger nicht nur unter dem 
Druck des Masochismus steht. Auch feindselige, aggressive Impulse finden im 
Schweigen ihren Ausdruck. Ein chronischer Schweiger, dessen Krankengeschichte 
manche aggressive Tat aufwies, die in bedenklicher Nähe von Mord- und Tot- 
schlag stand, meinte eines Tages, das Schweigen in der Analyse habe ihm mitunter 
grosse Freude bereitet, da er annahm, dass sein Benehmen dem Analytiker auf die 
Nerven gehe. 

Ein anderer Schweiger — ein wohlerzogener und im Leben überhöflicher 
Mann — erlaubte sich in der Analyse den folgenden Scherz: Er unterbrach für 
einen Moment sein Schweigen, zog aus der Tasche ein Spielzeug heraus und 
übergab es mir selig lächelnd. Ich sollte, meinte er, den darauf enthaltenen „netten" 
Satz lesen. Ein ungarischer Freund habe ihm dieses drollige Ding geschenkt, 
damit er sich in gewissen Situationen eine heitere Stimmung verschaffe. Die 
Inschrift auf dem Spielzeug war die berühmte Aufforderung Götz von Berli- 
chingens. In diesem Scherz hat sich also der anale Trotz, sowie der anale und 
indirekt auch der orale Sadismus dieses Mannes, der übrigens strenger Vegetarier 
war, explosionsartig durchgesetzt. 

Weiter führt uns dieser Scherz zu denjenigen dynamisch sehr wichtigen Quellen 
des chronischen Schweigens, auf die F r e u d (7) in seinen technischen Rat- 
schlägen aufmerksam macht. Es heisst dort: „ . . Frauen, die nach dem Inhalt ihrer 
Lebensgeschichte auf eine sexuelle Aggression vorbereitet sind, Männer mit 
überstarker verdrängter Homosexualität werden am ehesten dem Analytiker eine 
solche Verweigerung der Einfälle vorausschicken". 

In der Tat waren die hartnäckigsten Schweiger meiner Beobachtung Männer, 
deren intensive homosexuelle Triebkomponente von ihrem bewussten Denken 
und Fühlen sehr weit entfernt war. Nur Einzelne darunter waren sich ihrer homo- 
sexuellen Regungen bewusst. So z.B. phantasierte ein Schweiger während des 
Onanierens, dass er von Männern coitiert werde. Diese Phantasie hatte er nur 
dann, wenn er auf dem Rücken liegend onanierte, dagegen waren seine Onanie- 
phantasien heterosexueller Natur, wenn er stehend sich befriedigte. Ein weiterer 
Schweiger war manifest homosexuell. 

Zu der Homosexualität der Schweiger möchte ich noch bemerken, dass es sich 
hier hauptsächlich um eine passive Form dieses Triebes handelt. Im Schweigen 
dieser Patienten liegt eine Verneinung und zugleich eine Bejahung dieser Trieb- 
regung. Die Verneinung äussert sich in dem Sichabsperren vom Analytiker, die 



118 J. Marjasch 



Bejahung liegt in der Provokation, den Analytiker mit Hilfe des Schweigens zu 
zwingen, den Patienten aus seinem Schweigen herauszureissen, ihn aufzurütteln, 
mit einem Worte, ihn zu vergewaltigen. Von dieser Ebene aus gesehen, hat das 
Schweigen des Mannes die gleiche Bedeutung wie das der Frau. Beide sind vom 
unbewussten Drang beseelt erobert zu werden. Dieser Wunsch findet nicht selten 
seinen Ausdruck im Verlangen mancher Patienten, der Analytiker möge doch 
seine „passive Technik" aufgeben und endlich „aktiv" werden. 

Fragt man diese Patienten, was sie wohl mit dem Aktivwerden meinen, so 
bekommt man zur Antwort: hypnotisiert, suggeriert, irgendwie beeinflusst zu 
werden. Den wohlbekannten Sinn dieses Verlangens illustriert besonders krass 
folgende Beobachtung. Eine Patientin, eine ältere Dame, langjährige Witwe, hatte 
mit nächtlichen Halluzinationen zu kämpfen. Sobald sie im Bett lag und ein- 
schlafen wollte, sah sie vor sich einen Mann auftauchen, der sich auf sie stürzte und 
sie zu vergewaltigen suchte. Die Patientin wehrte diese Angriffe dadurch ab, dass 
sie sich auf den Bauch legte. Der Mann liess aber — in der Phantasie — nicht 
nach und schlug sie heftig auf den Hintern. Um den Coitus unmöglich zu machen, 
tamponierte die Patientin die Vagina mit Watte aus. Sie entfernte die Tamponade 
auch tagsüber nicht. Ein praktischer Arzt, der die Krankes der Analyse zuführte, 
schlug ihr vor, die Tamponade zu entfernen, worauf sie nicht einging. Nachdem 
sie aber kurze Zeit in der Analyse war, berichtete sie eines Tages spontan, dass sie 
die Watte aus der Vagina herausgenommen habe. Auf meine Frage, warum, ant- 
wortete sie verschmitzt lächelnd: „Sie wollen mich doch beeinflussen". Mit diesem 
Lächeln zeigte die Patienten, dass sie den tieferen Sinn ihres Verlangens selbst 
erraten hatte. Hier ist die Situation klar und einfach. Beim Manne dagegen sind 
die Verhältnisse infolge ambivalenter Strömungen komplizierter. 

Beim passiv-femininen Schweiger stossen wir zuerst auf den negativen Ödipus- 
komplex. Unter diesem lebt aber weiter der nicht überwundene positive mit allen 
seinen Begleitaffekten. Das Schweigen des Mannes bedeutet deshalb nicht nur 
ein Sich-anlehnen an den Vater, sondern zugleich auch ein Sich-auflehnen gegen 
ihn. So träumte z.B. ein chronischer Schweiger folgendes: „Ich bin in der Analyse, 
im Sprechzimmer sind aber noch andere Leute anwesend. Ein kleiner Bub sitzt 
auf Ihrem Schoss und verzerrt das Gesicht zum Weinen. Sie wenden sich an mich 
mit der Bemerkung, ich solle zuschauen, wie sie den Kleinen durch Hypnose 
beruhigen werden. Das Experiment gelingt, und der Bub wird ruhig. Bald darauf 
beginnt der Kleine eine heftige Diskussion mit Ihnen. Er spricht dabei so über- 
legen und bissig, dass Sie von ihm sehr schnell in die Enge getrieben werden. 
Alles lacht, besonders aber ich." 

Soweit der manifeste Trauminhalt. Als Assoziation zu diesem Traum kam 
dem Patienten, der sich bereits im Auflockerungsstadium des Schweigens befand, 






Chronische Schweiger in der Analyse 119 



in den Sinn, daus er am Abend vor dem Traume in einem Kaffeehaus war. Nicht 
weit vom ihm sass ein in seiner Gemeinde angesehener Mann, den er flüchtig 
kannte. Dieser Mann lud ihn ein, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Patient wurde 
verlegen und lehnte die Einladung ab, mit der Begründung, er wolle lieber allein 
sein und seine Zeitung lesen. Nachträglich ärgerte er sich über sein ungeschicktes 
und unhöfliches Benehmen. 

Diese Episode im Kaffeehaus war eigentlich eine Kopie seines Benehmens in 
der Analyse, in der er seine „seelische Zeitung" für sich allein liest. Und ebenso 
wie dort, ist seine Selbstisolierung in der Analyse ambivalenter Natur. Im Leben 
ist dieser Patient sehr zuvorkommend und höflich. Erst im Traum lässt er sich 
gehen und wird aggressiv. Er rächt sich dort am Analytiker für die Hypnose, die 
er teils herbeiwünscht, teils verwünscht. Das, was im Traum als ein Nacheinander 
dargestellt wurde: zuerst die passive Hingabe („Hypnose"), dann die Aggression, 
ist in der analytischen Situation zu einem Ineinander, zu einem einzigen Symptom 
verdichtet worden, nämlich zum Schweigen. 

Der Schweiger bedient sich also der passiven Homosexualität nur als Waffe, 
um der drohenden Kastration zu entgehen. Der Kampf mit dem Vater geht weiter, 
allerdings auf einer anderen, für den Sohn nicht so gefährlichen Front. Diese 
Front liegt auf dem Gebiete des regressiven Exhibitionismus, auf den aber wiederum 
der Schatten des nicht überwundenen Ödipuskomplexes fällt und zu Hemmungen 
auch im Sprechen führt. 

Ein weiterer Kampfplatz, auf dem der Schweiger hart zu ringen hat, ist die 
Onanie. Manchmal ist es gerade dieser chronische Kampf, der den Kranken in 
die Analyse führt. Bekanntlich ist die Onanie ein Ventil für seelische Regungen 
verschiedenster Art. Der stark ausgeprägte doppelte Ödipuskomplex mit seinen 
vielfachen Ambivalenzen und reichhaltigen Vermengung von Aktivität und 
Passivität drückt dem Onaniekampf des Schweigers seinen Stempel auf. Das 
Schuldgefühl ist hier besonders schwer und die Kastrationsangst, bezw. der 
latente Kastrationswunsch, überaus stark. Nicht weniger stark ist aber auch der 
Drang, das Verbotene erst recht zu tun. Das nach Gleichgewicht strebende Ich 
des Kranken wird bald von Es- bald von Über-Ichregungen hart bedrängt und 
sucht deshalb Kompromisswege einzuschlagen. Aus den zahlreichen derartigen 
Kompromissen möchte ich hier nur zwei erwähnen, die mit unserem Thema eng 
verbunden sind. 

Die eine Kompromissform hat zum Ziele, nur die physische Aktivität beim 
Onanieakt auszuschalten. Das Lustmoment wird dabei auf die üppigen erotischen 
Phantasien verlegt, die nicht selten offen inzestuöser Natur sind. Bei der zweiten 
Form bleibt der physische Onanieakt bestehen, dafür aber wird den Begleit- 
phantasien ihre erotische Färbung genommen. 



120 J. Marjasch 



Aus diesen beiden Kompromissformen entsteht durch eine weitere Verdrän- 
gungsarbeit eine neue Kombination, wobei der physische Onanieakt sowie die 
erotische Begleitphantasie von der Oberfläche völlig verschwinden. Aus dem 
ganzen Komplex bleibt nur ein blasses, nichtssagendes, zwanghaftes Hinphan- 
tasieren. Der Phantasierende glaubt dann, er habe nun endlich im Onaniekampf 
gesiegt. Bald aber bekommt er die Macht des Zwanges zum belanglosen Hin- 
phantasieren in der Form einer ausgesprochenen Arbeitshemmung zu spüren. 
Ähnlich wie seinerzeit im Entwöhnungskampf in bezug auf die Onanie nimmt er 
sich jetzt täglich vor, von nun an energischer zu werden und nicht mehr zu phan- 
tasieren, was ihm aber nicht gelingt. 

Nun kann man dieses indifferente Phantasieren auch bei chronischen Schweigern 
beobachten und zwar in der Sitzung selbst. Patient erwacht aus diesen Träume- 
reien wie aus einem Schlaf, entschuldigt sich nicht selten mit der Bemerkung, er 
habe vergessen, dass er in der Analyse sei. Der erfolglose Kampf des Kranken mit 
diesen stummen Phantasien und überhaupt mit dem Schweigen in der Analyse 
erinnert lebhaft an sein ehemaliges Ringen mit der Onanie. 

Mehrfache Beobachtungen, auf deren Schilderung ich hier nicht eingehen kann, 
sprechen dafür, dass Patienten dieser Art mit Hilfe des Schweigens eine Inzest- 
onanie in der Sitzung ausleben, diesie einerseits vor dem Vater verheimlichen, ander- 
seits gerade vor dessen Augen ausführen möchten, um sich auf diese Art an ihm 
für die Urszene zu rächen. Die Rache besteht nicht nur in der Inzesttat selbst, 
sondern vielmehr darin, den Vater jetzt in die gleiche ohnmächtig-passive Rolle 
des Zuschauers zu versetzen, in der sich einst der Sohn bei der Urszene befand. 

Wir haben bis jetzt den chronischen Schweiger hauptsächlich im Lichte des 
Ödipuskampfes gesehen. Es werden aber bei ihm infolge seines permanenten 
Rückzuges aus diesem Kampfgebiet seelische Regungen auch praeödipaler Natur 
wach, die im Schweigen ihren Ausdruck finden. 

Bei einem Patienten, der unter Hemmungen verschiedenster Art zu leiden hatte, 
stellte sich in der Analyse ein passageres Schweigen ein. Dieser Mann konnte mit 
der Frau überhaupt keinen Kontakt finden. Er war nicht imstande, von der 
Onanie, die er unter verschiedenen Zeremonien ausführte, zu lassen. Das Haupt- 
motiv seiner Onaniephantasien war: Jemand wird von einer Ärztin behandelt. 
Die Behandlung bestand aus einem Gemisch von zärtlichen Worten und schmerz- 
lichen Eingriffen. Zuerst tröstete die Ärztin die kranke Person, nachher gab sie 
ihr bald die Brust, bald die Hand in den Mund und zuletzt führte sie ziemlich 
brüsk die Hand in den After dieser Person ein, wo sie solange herummanipulierte, 
bis ihr Opfer erbrechen oder defäzieren musste. In diesem Augenblick stellte 
sich bei dem Onanierenden die Ejakulation ein. Diese Phantasien waren mehrfach 
determiniert. Ich möchte mich aber mit der Erwähnung nur derjenigen praeödi- 



Chronische Schweiger in der Analyse 121 

palen Determinanten begnügen, die von der praegenitalen Libido dieses Patienten 
herrühren. 

Meine Vermutung, dass der Patient in der frühesten Kindheit mit Klystieren 
behandelt worden war, wurde von seiner Mutter bestätigt. Sie gab an, dass er im 
Säuglingsalter an Obstipationen litt, wogegen Klystiere angewendet wurden. Die 
Mutter teilte weiter mit, dass sie den Sohn nur zwei Wochen lang stillte. Den 
Schoppen bekam er bis zum fünften Lebensjahr. Sowohl der Lutscher als auch 
der Kissenzipfel mussten mit sauren oder bitteren Substanzen bestrichen werden, 
um ihn davon zu entwöhnen. 

Das passagere Schweigen dieses Patienten hatte unter anderem den Sinn, die 
alte anale und orale Lust in der Analyse wieder zu erleben. Dabei bediente sich 
dieser Wunsch der Formeln: Mutterbrust-Mutterhand-mütterlicher Penis und 
Muttermilch-Sperma-Kot-Flatus-Wort. 

Wie einst die Mutter dem Kinde die Brust in den Mund gab, so sollte es jetzt 
auch der Analytiker tun. Auf das Wort verschoben will es heissen, nicht der 
Patient, sondern der Analytiker soll nun reden, d.h. ihm das Wort in den Mund 
legen. Und wie einst die Mutter ihm den Kot abnahm, so sollte jetzt der Analy- 
tiker die Worte aus ihm herausziehen. Dieser Patient stand überhaupt unter dem 
Wunsch ewig bemuttert zu werden. Als einziges Kind hat er es verstanden, sein 
Leben im elterlichen Hause so einzurichten, dass er mit 23 Jahren von seiner 
Mutter noch wie ein kleines Kind behandelt wird. Die Mutter nennt ihn jetzt 
noch „de Chli" (der Kleine). Allmorgendlich muss ihn die Mutter mehrmals 
wecken, ihm fast jedes Kleidungsstück reichen und ihn fortwährend zum Sich- 
Anziehen anspornen. Der 23-jährige „Chli" benimmt sich dabei recht kindisch 
und führt — n?ch seinem eigenen Ausdruck — jeden Tag ein „Theater" auf, mit 
der Absicht, die Mutter um sich zu haben. 

Es war nicht schwer, diesem Manne die Ursachen klar zu machen, die ihn zum 
Schweigen in der Analyse zwangen. Er wollte in der Analyse, wenn auch unbe- 
wusst, mit Hilfe des Schweigens das gleiche „Theater" aufführen, wie er es zu 
Hause mit der Mutter tat. Das Akzeptieren dieser Deutung war, abgesehen von 
anderen Momenten, für diesen Patienten deshalb leicht möglich, weil ihm die 
infantilen Züge seines Charakters bekannt waren. Dieser Faktor fehlt aber beim 
chronischen Schweiger vollständig. Es fehlt ihm noch mehr, nämlich die 
Bereitschaft, auf infantile Ansprüche zu verzichten. Im Gegenteil, der chronische 
Schweiger ist hartnäckig bestrebt, seine im Leben nicht in Erfüllung gegangenen 
kindlichen Wünsche in der Analyse zu realisieren, denn nicht jeder Schweiger ist 
immer von der Mutter so verwöhnt worden, wie der eben erwähnte Patient. 

Bei einigen Schweigern konnte ich eher ein Zu-kurz-kommen des Bemuttert- 
werdens in der Kindheit feststellen. Der Schweiger fühlt sich deshalb oft sehr 



122 J. Marjasch 



einsam. Er ist unbewusst bestrebt, mit Hilfe des Schweigens die Mutter zu 
zwingen, sich mit ihm zu beschäftigen. Die Angst allein zu bleiben und die grosse 
Sehnsucht von der Mutter geliebt zu werden, wollen in der Seele des Schweigers 
nicht untergehen. 

Unter den verschiedenen Ursachen, die zu einer Erschütterung des kindlichen 
Ich-Gefühls führen, spielt die inadäquate Pflege des Kindes keine geringe Rolle. 
In der Diskussion zu seinem Vortrag: ,,Die Sinnlosigkeit der Reinlichkeitserzie- 
hung" hat Blum 3 auf den Zusammenhang zwischen dem Schweigen in der 
Analyse und der Erziehung zur Reinlichkeit kurz hingewiesen. 

In der Tat muss das Kind der zweifelhaften Tugend, frühzeitig zur Rein- 
lichkeit erzogen worden zu sein, ganz besonders sein narzisstisches Allmachts- 
gefühl sowie seinen urethralen und hauptsächlich seinen analen Exhibitionismus 
zum Opfer bringen. Das schwache noch in Entwicklung begriffene Ich des Kindes 
ist dieser Opferbereitschaft nicht immer gewachsen. Unter dem Druck der 
äusseren sowie der inneren Realität entwickelt sich im Kinde die Tendenz, das 
eine zu tun und das andere nicht zu lassen, was zu einem Riss im Ich-Gebilde 
führen kann. 

Ein Patient, ein sehr hartnäckiger Schweiger, träumte folgendes: „Ich bin im 
Militärdienst. Wir stehen in zwei Reihen im Gelände auf einer Anhöhe. Unser 
Offizier erklärt uns die Gegend. Hinter mir beginnt ein Soldat zuerst leise, dann 
immer lauter dreinzureden. Der Offizier hört es. Es stellt sich heraus, dass der 
Soldat auf den Abort muss. Der Offizier befiehlt mir, mit ihm zu gehen. Aus dem 
Soldaten ist nämlich ein kleines Kind geworden. Ich gehe mit ihm etwas auf die 
Seite und helfe ihm bei der Verrichtung seiner Bedürfnisse, wie es eine Mutter 
mit ihrem kleinen Kinde macht. Im Laufe der Verrichtungen hatte ich den 
kleinen Knaben liebgewonnen und wir beschlossen Freunde zu bleiben." 

Der latente Sinn dieses Traumes deckte unter scheinbarer äusserer Gefügigkeit 
den ungeheuren analen Trotz des Patienten auf, nämlich: zu „machen", was er 
will, wann er will und wo er will. Gleichzeitig führte der Traum zu der alten 
Sehnsucht des Patienten nach der Mutter-Kindsituation. 

In der tiefsten Übertragungsschichte ist ja der Analytiker Mutter-Imago. Er 
muss deshalb all das wieder „gutmachen", was die Mutter seinerzeit, ohne es zu 
wissen und zu wollen, nicht gut gemacht hat. Bei diesem „Gutmachen" reicht 
aber die Macht des Wortes allein nicht immer aus. Dem Schweiger schwebt 
nämlich die erste Liebesform der Mutter vor, und diese war: die Liebe der Tat. 
Daher muss der Analytiker in seinem technischen Vorgehen, dem Schweiger, wo 
es nötig ist, zu allererst soweit wie möglich mütterlich entgegenkommen, dann 

3>Relerat, gehalten am 30.10.1937 in der Schweiz Ges. für Psychoanalyse. 



Chronische Schweiger in der Analyse 123 

mit dem Versagen vorsichtig einsetzen, um ihn der harten Wirklichkeit zuführen 
zu können. 



LITERATUR: 



1. Laforgue: Ausnahmen von der analytischen Grundregel. Int.Ztschr.f.Psa. 1936. 

2. Freud: Zur Einleitung der Behandlung. Ges. Sehr. Bd. VI S. 101. 

3. Ferenczi: Zur Psychoanalytischen Technik. Int.Ztschft.t.Psa. 1919. 

4. Reich: Charakteranalyse. Wien 1933. 

5. Kaiser: Probleme der Technik. Int.Ztschft.f.Psa. 1934. 

6. Reik: Wie man Psychologe wird. Wien 1919. 

7. Freud: Ges.Schr. Bd.VI. S.102. 



6 Vol. 25 



Über eine orale Komponente bei männlicher 

Inversion 1 

von 

Grete Bibring 

London 

Es ist uns besonders seit Böhms 2 Arbeiten über die Homosexualität bekannt, 
dass latent homosexuelle Männer sich der Frau, besonders der prosti- 
tuierten Frau, die mit vielen Männern zu tun hat, zu dem Zweck bedienen, um 
auf diesem Umweg zum Mann zu kommen. Es gibt nun, man könnte sagen im 
Gegensatz dazu, manifest homosexuelle Männer eines bestimmten Typus, 
die sich des Mannes und zwar des bei der Frau erfolgreichen Mannes gleichsam 
bedienen, um auf diese Weise zur Frau zu kommen. Der Fall, den ich zur Illustra- 
tion hier berichten möchte, ist ein passiv-homosexueller, stark oral an die Mutter 
fixierter Mann, der in pathologischer Form eine Libidoentwicklung aufweist, wie 
sie ähnlich J o n e s 3 als charakteristisch für die deutero-phallische Phase bezeichnet. 
Neben den oralen Verhaltensweisen beherrschen anale und aggressive Züge sowie 
Kastrationsangst das Bild. Um es kurz zu skizzieren, sieht die Beziehung des 
Patienten zu seiner Mutter und zur Frau überhaupt in den uns hier interessie- 
renden Zügen folgendermassen aus: Er wirft der Mutter vor, schon in der Zeit 
seiner frühesten Kindheit ständig mit sich selbst beschäftigt gewesen zu sein, in 
Badeorten für die Behandlung ihrer eigenen Störungen gesorgt, ihn aber allein in 
der Obhut Fremder gelassen zu haben. Er reagierte auf dieses Verhalten der 
Mutter mit einer intensiven Ernährungsstörung, die ihn in den ersten Lebens- 
jahren zu einem schwer erziehbaren Kind machte. In einer grossen Zahl seiner 
Träume setzt er sich mit dieser Benachteiligung auseinander. Er träumt sehr 
häufig von Restaurants oder direkt vom Essen, wobei seine Mutter meist im 
Traum mit erscheint. Dennoch hält der Patient unabhängig von diesen Vorwürfen 
an einer liebevollen Einstellung zu seiner Mutter fest. Er findet es z.B. rührend, 
dass sie nur wenige Speisen kochen könne, die allerdings auch seine Lieblings- 
speisen sind, meint, seine Mutter sei unbeschreiblich schön, sauber und un- 
berührbar, stellt sie sich gern im weissen Spitzenkleid vor und verdrängt dabei, 

1) Nach einer Mitteilung, gehalten am 7. März 1934 in der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung. 

2) Felix Böhm: „Beiträge zur Psychologie der Homosexualität". Int.Ztschr.f.Psa., VI, 1920. 

3) Ernest Jones : „Die ph.il! ische Phase". Int.Ztschr.f.Psa., XIX, 1933. 



Über eine orale Komponente bei männlicher Inversion 125 

wie sich bald zeigt, die Vorstellung von ihrem „unsauberen und angsterregenden, 
alligatorartigen" Genitale, mit einem „Hymen, der hoch oben in der Vagina sitzt 
und wie eine scharf gespannte Trommel durchstossen" werden muss und dann 
den Penis schädigt. Die übrigen Frauen hatte er bis zur Analyse so vollkommen 
aus seiner Welt verdrängt, dass er sich nie an ein weibliches Gesicht wiedererinnern 
konnte. Besonders abstossend erschien ihm die Brust der Frau. Seine Beziehung 
zu den Frauen war eine merkwürdig ökonomische. Er konnte nichts freiwillig für 
eine Frau tun, weder Geld ausgeben noch freundliche Worte sagen, sondern musste 
nachrechnen, ob sie sich seine Liebenswürdigkeit verdient habe, und kam sich 
häufig genug ausgenützt und missbraucht vor. Vor allem aber war er überzeugt, 
dass eine Frau ihn nicht lieben könnte, weil er ein hässlicher, kleiner „Provinz- 
jude" sei — ein Vorwurf, der keineswegs berechtigt war. Die Frauen — so meinte 
er — könnten nur Männer vom Typus seines nächstjüngeren Bruders lieben, der 
sehr arisch aussehe, und auf den er in seiner Kindheit eine bestimmte, anerken- 
nende Bemerkung seiner Mutter bezogen hatte. Dieser Bruder war der ausgespro- 
chene Liebling der Mutter, während die beiden jüngeren Schwestern in der 
Familie kaum eine Rolle spielten. Damit hörte seine Beziehung zur Frau — zumin- 
dest in seinem bewussten Erleben — auf. Was für ihn eine Rolle spielte, war 
dieser Brudertypus, der sein homosexuelles Objekt geworden, und der Vater, der 
als Autorität in jeder Form eine Angstfigur geblieben war. Diesem, der ein aner- 
kannter Gelehrter und eine sehr männliche und repräsentative Erscheinung war, 
wich der Patient ängstlich aus. Er verzichtete auch sonst auf jede eigene Meinung, 
schliesslich auch auf Beruf und Erwachsensein. Jede Konkurrenz, besonders in 
körperlichen Leistungen, erfüllt ihn mit Angst, die ihn zum Rückzug zwingt. Auch 
in seinem Verzicht auf die Frau finden wir dieses Zurückweichen vor dem Vater. 
Er stattete ihn mit erschreckenden und gefährlichen Zügen aus, die häufig in 
Vergleichen des Vaters mit einem zürnenden, strafenden Gott ihren Ausdruck 
fanden. Von dieser Angst vor dem Vater Hessen sich die fast panischen hypo- 
chondrischen Befürchtungen des Patienten bei jeder körperlichen Erkrankung 
ableiten, seine Ohmachtsanwandlungen bis zur tatsächlichen Ohnmacht beim 
Zahnarzt, bei medizinischen Vorträgen, bei Gesprächen über Blut, Krankheit usw. 
Das Interessanteste ist jedoch seine Beziehung zum Bruder und deren Schicksal. 
Er hängt mit zärtlichen Gefühlen an seinem Bruder, räumt ihm alle seine eigenen 
Rechte ein und verhält sich ganz, wie Freud 4 es für den Mechanismus der 
homosexuellen Liebe aus der Rivalität aufgezeigt hat. Sein Bruder soll die Frauen 
haben, erfolgreich sein, alles Schöne in der Welt besitzen. 6 Er identifiziert sich 



4) Ges. Schriften, Bd. VI. 

5) Vgl. auch den Mechanismus der „Altruistischen Abtretung", beschrieben von Anna Freud 
in ihrem seither erschienenen Buch: „Das Ich und die Abwehrmechanismen", Wien, 1936. 



126 Greta Bibring 



völlig mit der den Bruder liebenden Mutter, aber schon hier verraten sich seine 
tiefliegende Aggression und sein Neid; denn seine Phantasie setzt sich so fort, dass 
er dann als Hausfreund und Kinderonkel am Mittagstisch dieser jungen Familie 
immer mit dabei sein und der Liebling der Frau und Kinder sein werde. Daneben 
finden sich charakteristische Angstvorstellungen, etwa dass sein Bruder zwar 
erfolgreich, aber unglücklich sein werde, dass seine Kinder kränklich sein könnten, 
weil Tuberculose in der Familie häufig sei, dass er mit dem Flugzeug verunglücke 
u.s.w. Der Sinn dieser Phantasie ist, dass sein Bruder für ihn den gefährlichen 
Kampf um die Frau aufnehmen solle und dass er, der Patient, scheinbar im 
Schatten stehen, in Wirklichkeit, doch unbewusst, im vollen Genuss den Erfolg 
mit ihm teilen werde. 

Viel deutlicher werden diese wesentlich unbewussten Ansprüche in seinen homo- 
sexuellen Beziehungen. Voraussetzung für ihn ist, dass die Männer sehr schön, 
sehr kräftig und energisch, sehr männlich sind und dass sie den Frauen gefallen. 
Ferner sind seine Liebesobjekte ausnahmslos Arier. — Die sexuellen Handlungen 
bestehen in fellatio und Saugen am Körper des Mannes. Dabei lässt er sein 
Genitale nicht oder nur sehr ungern berühren und kommt — das ist sehr wesent- 
lich — nie selbst zur Ejakulation. Dieses Zurückhalten des Samens geht soweit, 
dass er nie bei wachem Bewusstsein eine Ejakulation hatte, auch nicht bei der 
intensivsten Erregung. Ebenso hatte er weder als Erwachsener noch, soweit seine 
bewussten Erinnerungen zurückreichten, auch in der Kindheit jemals onaniert. 
Dieses merkwürdige Verhalten erwies sich in der Analyse als Ausdruck der un- 
bewussten Phantasie, sich bei der fellatio den Samen, den Penis, die Männlichkeit 
des Geliebten anzueignen und bei sich zu behalten, um dadurch ein Mann zu 
werden und dann — an Stelle des so Beraubten — zu einer Frau zu kommen. 
Damit hing auch die Tatsache zusammen, dass er nur Arier zu Objekten auswählte; 
denn er hielt die Juden für impotent und kastriert wie er selbst es war. Das drückte 
er schon ziemlich zu Beginn der Analyse aus, indem er davon sprach, wie peinlich 
es wäre, wenn sich herausstellte, dass ein Mann, mit dem er eine Beziehung 
anzuknüpfen versuchte, Jude sei. Auf meine Frage antwortete er: „Was hätte ich 
dann von ihm? Und stellen Sie sich vor, wenn er dann auch entdeckt, dass ich 
Jude bin, wir würden uns beide so hereingefallen vorkommen." Ebenso ist ein 
Mann für ihn als Objekt vollkommen erledigt, wenn er den Frauen nicht gefällt. 
Umgekehrt wird ein Mann anziehend, sobald er auf Frauen Eindruck macht. So 
hatte er eine wohlwollende, aber ganz unerotische Beziehung zu einem Freund, den 
er im Grunde als schwächlichen und unlebendigen jüdischen Intellektuellen, also 
als sein Ebenbild, verachtete. Dieser Freund verliebte sich in ein Mädchen, das 
dem Patienten gut gefiel. Das Mädchen bevorzugte jedoch sichtlich den Freund. 
In dem Augenblick, da der Patient das bemerkte, hatte er — zum ersten Mal — eine 






Über eine orale Komponente bei männlicher Inversion 127 



homosexuelle Phantasie in Bezug auf diesen Freund, er empfand ein liebevolles 
Gefühl für ihn und glaubte plötzlich, in ihm eine Ähnlichkeit mit seinem Bruder 
zu entdecken. Die Phantasie mündete in die Vorstellung, der Freund werde das 
Mädchen heiraten (hoffentlich bemerke es nicht vor der Ehe, dass er ihrer nicht 
ganz wert sei), und der Patient sieht sich schon wieder als Hausfreund der Familie 
beim Mittagstisch. Er hat auch gelegentlich beim Anblick eines Mannes, der ihm 
als schön imponiert, das bewusste Bedürfnis, in ihn „hineinzukriechen". Eine 
häufig gebrauchte Redensart ist: „Wenn ich so schön wäre wie der, würdeich sofort 
zu einer Frau gehen wollen." 

Seine Träume sehen folgendermassen aus: Er ist in dem Speisesaal eines Hotels. 
Ein grosser und starker Kellner serviert ihm. Er umschlingst das Bein des Kellners mit 
seinem Bein. Der Kellner legt ihm den Arm um die Schulter. In dem Augenblick ruft 
der Portier: Madame X. {der Name seiner Mutter) soll ans Telephon! Und da erscheint 
auch schon seine Mutter. Er erwacht mit Pollution. Oder: Er liegt auf einer Frau 
und auf seinem Rücken liegt sein homosexueller Freund und drückt ihn nieder. Er 
koitiert so die Frau. Dann wechselt das Bild, er liegt auf der gleichen Frau, neben ihm 
sein Freund auf einer anderen. Er fasste die Hand des Freundes und koitiert. Wir 
sehen in diesen Träumen deutlich, wie er aus sich und dem anderen Mann ein 
einheitliches System zu bilden trachtet und wie er in dieser Verschmelzung oder 
Verbindung, bei der die Kraft des Mannes in ihn hineinströmt und so seine eigene 
wird, sich der Frau sexuell nähern kann. Aus einer Reihe von Beispielen dafür, wie 
dieses Sich-anreichern, dieses Sich-vollstopfen-wollen die Lebensäusserungen des 
Patienten durchsetzt, greife ich ein charakteristisches heraus: Der Patient, der von 
einer stupenden Verarmungsangst ist und eigentlich nie etwas herborgen kann, 
machte erstaunlicher Weise bei einem einzigen Gegenstand eine wirkliche Aus- 
nahme: nämlich bei seinem Auto. Jeder seiner Bekannten durfte es fahren, mehr 
noch, der Patient bot es freiwillig an. Der Sinn dieses Verhaltens wurde verständlich, 
als der Patient seine, wie er sagte, lächerliche Freude eingestand, wenn der Kilo- 
metermesser seines Wagens eine höhere Kilometeranzahl zeigte, als der bei seinen 
Freunden. Aus dem hier kurz angedeuteten Material liess sich seine Entwicklung 
in grossen Zügen folgendermassen ableiten: Der Knabe, der in seiner oralen 
Beziehung zur Mutter, besonders im Zusammenhang mit dem Neid auf den um 
etwa 4i- Jahre jüngeren Bruder, starke Enttäuschungen erlitten hatte, entwickelte 
sich in den ersten Lebensjahren zu einem aggressiven Kind. Unter dem Einfiuss 
des Ödipuskonfliktes verwandelte er sich später in einen braven, besonders dem 
Vater gegenüber sehr passiven und ängstlichen Jungen. Er hatte sich aus verschie- 
denen Minderwertigkeitsgefühlen und Kastrationsängsten unter Wiederbelebung 
der oral rezeptiven Tendenzen aus der aktiv-aggressiven Haltung in eine Identi- 
fizierung mit der Mutter und feminine Gefügigkeit dem Vater gegenüber geflüchtet. 



128 Grete Bibring 



Dieser Ausweg war aber nicht eindeutig, wie die spätere Entwicklung lehrte. 
Nachdem er gegen Ende der Latenz oder Beginn der Pubertät eine Phase lebhafter 
Eifersucht auf seine Geschwister, vor allem auf den bevorzugten jüngeren Bruder 
durchgemacht hatte, gab er auch diesen Kampf auf und verzichtete endgültig auf 

jede männliche Konkurrenz auf der geraden offenen Linie. Er entwickelte nun 

teils als Reaktion gegen seine Rivalität mit dem Bruder bezw. Vater, teils in Identi- 
fizierung mit der Mutter — eine bewundernde Liebe zu seinem Bruder, der so das 
Vorbild aller späteren homosexuellen Objekte wird. 

Daher sieht seine Beziehung zum Manne folgendermassen aus: Er hat sich mit 
seinem erfolgreichen Rivalen ausgesöhnt, liebt im Manne sein Ichideal, das ein 
Frauenheld sein muss, und schiebt dieses männliche Liebesobjekt unbewusst bei 
der Frau vor um sich angstfrei zu erhalten, Enttäuschung und Kastration zu ver- 
meiden und die Ödipuswünsche zu verleugnen. Gleichzeitig findet er auf diese 
Weise den Weg zur Frau über die unbewusste Identifizierung mit seinem männ- 
lichen Liebesobjekt. In seiner realen, bewussten, d.h. homosexuellen Beziehung 
kommt jedoch die negative Seite seiner Ambivalenz deutlich zum Ausdruck: Seine 
orale Aggression wird auf Grund der infantilen Unbefriedigtheit zum Träger 
sowohl seiner femininen Identifizierung wie seiner verdrängten Aggression gegen 
den Mann, d.h. er will oral befriedigt werden, zugleich aber ist der orale Wunsch 
die Exekutive der aus der Ödipussituation stammenden Aggression gegen den 
Mann. Diese Aggression ist verknüpft mit der unbewussten Phantasie, durch die 
orale Einverleibung die männliche Kraft, den Penis des Mannes zu bekommen, 
dadurch selbst der Held (Vater) zu werden, der den Weg zur Frau (Mutter) frei 
hat. Die Homosexualität baut sich also bei diesem Patienten deutlich auf einer 
ursprünglich heterosexuellen Einstellung auf. Sowohl die Verliebtheit als auch die 
orale Aggression gegenüber dem Mann stehen im Dienst der Tendenz, das männ- 
liche Liebesobjekt zu benützen, um zur Frau zu gelangen. 

Dieser Umweg zur Frau über den Mann erfuhr eine Fixierung, die im Laufe 
der Pubertät zur Entwicklung der manifesten Homosexualität führte. Den Mann 
bewusst zu bewundern und zu lieben wurde aus einem Zwischenziel das Hauptziel 
der Sexualität. Das ursprüngliche Hauptziel, die Gewinnung der Frau (Mutter), 
war völlig in den Hintergrund getreten. Erst die Analyse konnte aufdecken, dass 
im Grunde diese Einstellung zur Frau unverändert erhalten und durch die homo- 
sexuelle Beziehung überdeckt war. 

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf gewisse Typen von Masochisten 
hinweisen, die eine ähnliche Tendenz zeigen, nämlich, auf dem Umweg hier über 
die masochistische Hingabe, so wie dort über die homosexuelle Hingabe, schliess- 
lich den Penis des Mannes zu gewinnen. Allerdings spielen hier Schuldgefühl- 
mechanismen und besondere erogene Verhältnisse eine ausschlaggebende Rolle. 



Über eine orale Komponente bei männlicher Inversion 129 

Ein manifest masochistischer Patient, der bis zum 20. Lebensjahr nur homo- 
sexuell-masochistische Beziehungen hatte und sich erst später und zwar im 
Zusammenhang mit dem Tod seines Freundes auch den Frauen masochistisch 
zuwendete, hatte die besonders lustvolle Phantasie, er kniee vor einer Frau, mit 
dem Kopf in ihrem Schoss, während ein Mann ihn von hinten schlage. Eine 
häufige Variante lautete: er liege auf einer Frau und werde von einem Mann 
geschlagen. Die bevorzugten Schlaginstrumente waren: ein Kuhschwanz, oder, 
wie er sich ausdrückte, bestimmte Teile eines Lebewesens z.B. die Hand oder 
auch bloss Leder. Der Patient, der ein stark visueller Typus ist, produzierte einmal 
in einer Analysestunde eine anschauliche Phantasie: er sieht vor sich rechts einen 
zusammengerollten schwarzen Strumpf, der innen violett ist, links eine brennende 
Kerze, die sich der Öffnung des Strumpfes nähert. (Zur Kerze fällt ihm ein 
erigierter Penis ein; zu dem Strumpf eine Vagina, blaurot gefärbt.) Der Strumpf 
beginnt sich nun langsam zu bewegen, nähert sich seinem Gesicht und legt sich 
schliesslich auf seinen Mund. (Dazu hat er den Einfall, dass er auf dem Weg zu 
mir schwarze Kirschen gekauft, aber nichts davon gegessen hatte, um nicht einen 
blauen Mund zu bekommen.) — Ein anderes Mal sieht er vor sich einen Kinder- 
wagen. Im Wagen ist ein Kind, das einen Lutscher im Mund hat; daneben 
hängt etwas, das wie eine Peitsche aussieht, es ist aber durchsichtig und bräunlich, 
wie aus Gummi, als wäre es ein Lutscher. In beiden Phantasien sehen wir, dass die 
schmerzerzeugenden Instrumente — die brennende Kerze, die nicht nur selber 
brennt, sondern auch den Strumpf (die Vagina) verbrennt, und die Peitsche in 
eine Beziehung zu einer Körperöffnung gebracht werden, in die sie aufgenommen 
werden sollen. — Diese Öffnungen stehen in deutlichem Zusammenhang mit dem 
Mund. (Ich sehe jetzt ab von der Beziehung zur Brust und zum Anus.) Nun verrät 
der Patient in einem äusserst komplizierten Nacheinander von Vorstellungen und 
Einfällen ein Stück weit den Sinn seines masochistischen Verhaltens dem Manne 
gegenüber. Er berichtet, dass er manchmal den Wunsch habe, seine Freundin 
möge ihre Hand auf sein Genitale legen; das gehe aber nicht, denn sie sei so klein 
und er müsse sich dann zu ihr „abneigen". Er korrigiert sofort dieses ihm selbst 
merkwürdig erscheinende Wort und ersetzt es durch ein ebenso merkwürdiges: 
Er müsste sich dann ,,abbäumen". Schliesslich erkennt er, dass er hier zwei 
Vorstellungen miteinander verdichtet hat, die Abneigung, sein Genitale von ihr 
berühren zu lassen (aus Angst es könnte etwas daran passieren) und eine Bewegung 
zum Zweck der Abwehr, die gleichzeitig das Genitab schützt und das Gesäss 
exponiert. Der nächste Einfall besteht in einer Frage, die ihn seit zwei Tagen 
beschäftige. Er könne sich nicht entsinnen, was der Schlüssel zur Genesung des 
Amphortas in der Parsifalsage sei. Er versuche erfolglos sich zu erinnern, wie die 
Stelle in Wagners „Parsifal" laute, die sich auf die Heilung und Erlösung des 



9 Vol. 25 



130 GreteBibring 



Leidenden beziehe. Er komme immer nur soweit: „Aus Mitleid wissend der reine 
Tor — " aber es gebe noch etwas Wichtigeres; schliesslich fällt ihm dieses Wich- 
tigere ein: „Die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug". Er war mit der unbe- 
wussten Vorstellung beschäftigt, dass er nur durch die Berührung mit dem väter- 
lichen Penis von seiner Kastrationswunde geheilt werden könne. Dabei wird es 
deutlich, dass der Patient den Penis anal oder oral aufnehmen möchte. Die allge- 
meinere Bedeutung dieses psychischen Mechanismus im Aufbau der masochi- 
stischen Perversion soll in einem anderen Zusammenhang ausgeführt werden. Ich 
habe ihn hier herangezogen zur Ergänzung und Unterstützung der dargestellten 
Auffassung, dass wir in einer bestimmten Form der männlichen Homosexualität 
einen Umweg sehen können, der der Wiedergewinnung der eigenen gefährdeten 
oder verloren geglaubten Männlichkeit durch die Einverleibung des väterlichen 
Penis gilt. Diese Homosexualität ist gleichsam eine Fixierungsstelle auf dem 
niemals aufgegebenen Weg zur Frau. 6 



6) Seither ist eine Arbeit von H. Nunberg: ..Homosexualität, Magie und Aggression" lnt.Ztschr 
f.Psa., Bd. XXII, 1936, erschienen, die völlig unabhängig von meiner bisher nicht im Dr\»cV 
erschienenen Mitteilung in wesendichen Punkten zu einer verwandten Auffassung gelangt. 






Zur Triebbesetzung von Ich und Uber-Ich 1 

von 

Imre Hermann 

Budapest 

Die psychoanalytische Trieblehre war in den letzten Jahren eher damit 
beschäftigt, die vorgefundenen Tatsachen theoretisch zu bearbeiten, als damit, 
neue Tatsachen zu Tage zu fördern. Dies konnte leicht den Anschein erwecken, 
das große Gebiet des Trieblebens wäre bereits so gut wie aufgedeckt, oder wenn 
es auch nicht vollständig erkannt war, wäre doch das Unbekannte der Unter- 
suchung nicht wert. Natürlich wußte jeder, daß man noch weit davon entfernt war, 
das menschliche Triebleben in seiner analytisch faßbaren Gestalt vollständig 
erforscht zu haben. 

Im folgenden möchte ich eine manchmal nur schwach in Erscheinung tretende, 
oft aber sich laut meldende Gruppe von Phänomenen aus dem Triebleben namhaft 
machen. Es handelt sich um ein Triebgegensatzpaar, um zwei Partialtriebe der 
Libido, den Anklammerungstrieb und den Trieb des Auf-Suche-Gehens. 2 Der 
Anklammerungstrieb müßte eigentlich den menschlichen Säugling gleich nach 
der Geburt zur Zielhandlung zwingen, so wie es bei jedem Primatenkinde geschieht, 
doch wird er beim Menschen traditionell von der Umgebung — jetzt vielleicht 
auch schon infolge verinnerlichter Gegenkräfte — in seiner Wirksamkeit, den 
Mutterkörper zu ergreifen und den eigenen Körper hier anzuhängen, lahmgelegt. 
Ein unbefriedigter Trieb wird jedoch nicht zu Null, wird aus dem Dynamismus 
des seelischen Geschehens nicht ausgeschlossen, er findet Ersatzbildungen, indem 
er z. B. das vermißte ichfremde Objekt, hier die Mutter, durch Teile des eigenen 
Körpers ersetzt. Er kann zwar eine Zeitlang ruhig warten, bis er durch neuerliche 
Versagungen, die andere Partialtriebe betreffen, regressiv besetzt und dadurch 
seine ursprüngliche Kraftgröße, infolge Zuströmens neuer Libidomengen also, 
vervielfacht wird. Dann bricht er irgendwo durch. Der Trieb des Auf-Suche- 
Gehens wirkt hinwieder am Anfang einer jeden objektverbundenen Triebäußerung, 
wird libidobesetzt und entfaltet sich stets, sobald der Anklammerungstrieb 
objektlos bleibt. Reaktiv setzt das Ich dem Anklammerungstrieb — als Abwehr — 
die Trennungstendenz, dem Suchtrieb die Festhaltetendenz entgegen. 

1 ) Vortrag, gehalten auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß Marienhad, 
3. August, 1936. 

2) Bezüglich des Suchtriebes verweise ich nachträglich auf die Arbeit von A. v. Winter- 
stein: Zur Psychoanalyse des Reisens. Imago, Bd I, 1912. 



132 Imre Hermann 



Diese Erscheinungsgruppe soll mit der Triebbesetzung der außerhalb des E s 
stehenden Seelenorganisationen in Einklang gebracht werden. Doch sind vorerst 
noch zwei Erfahrungen aus diesen Triebgebieten hervorzuheben. Im Sinne der 
einen findet sich Aggression in inniger Verknüpfung mit dem Anklammerungs- 
trieb, der ja zeitlich und besetzungsenergetisch der oralen Libidophase parallel 
läuft. Doch besteht meiner Meinung nach nicht nur eine innige zeitliche Ver- 
knüpftheit von Aggression und Anklammerung, zu deren Erklärung sich noch die 
orale Phase heranziehen ließe, sondern auch ein genetischer Zusammen- 
hang zwischen (primärem) Anklammerungstrieb und (se- 
kundärer) regressiv verstärkter und verzerrter Anklam- 
merung, das heißt eben der Aggression. Der Anklammerungstrieb 
kann sich zu streichelnder Zärtlichkeit mildern oder in aggressives Eingreifen 
verrohen. Die andere Erfahrung, die nun zu erwähnen ist, lehrt, daß die beiden 
hier dargestellten Triebe und die beiden ihnen angepaßten Abwehrmechanismen — - 
also Anklammerung s- und Suchtrieb, Trennung und Festhal- 
ten — einander fast ständig begleiten. Diese Vergesellschaftung soll als An- 
klammerungssyndrom bezeichnet werden . 

Bei einer an Platzangst leidenden Patientin bestand z. B. der aktuelle, krank- 
heitsbestimmende Konflikt in der Trennung von ihrem einzigen totgeborenen 
Kinde und dem Wunsch nach Trennung von ihrem Gatten. Trotz gesetzlicher 
Scheidung hält sie aber an dem Manne fest, innerlich sowie im realen Leben. Der 
Anklammerungswunsch wird in der Analysenstunde durch ihr drängendes Ver- 
langen nach der Hand des Analytikers verraten. Denselben Wunsch äußerte sie 
beim Einschlafen oft dem Gatten gegenüber. Es ist ihr ständiger Wunsch, es 
möge jemand kommen, an dem sie sich mit beiden Händen anhalten könnte. Der 
Suchtrieb beherrscht die Kindheitsphantasien mit dem Inhalte, aus dem Eltern- 
hause durchzubrennen und eine Stellung als Kindermädchen anzutreten, sowie 
das auch in die Realität übergehende Suchen nach einem idealen Manne, nach 
jemandem, der den Vater übertrifft. 

Eine andere Gelegenheit zur flüchtigen Demonstration des Anklammerungs- 
syndroms bietet die hier als bekannt vorausgesetzte Selbstschilderung Schrebers. 
Einiges Triebhafte finden wir da als Eigenschaften anderer Personen objektiviert 
vor. Die Anklammerung zusammen mit dem Festhalten drückt sich im Verhältnis 
Gottes zu ihm aus: Gott nimmt Nervenanhang an ihm, was mit der Gefahr 
verbunden ist, nicht loskommen zu können. Die Strahlen, das heißt Nerven des 
oberen Gottes, bieten in Schrebers Kopfe das Bild einer menschlichen Gestalt 
mit vorgestreckten Armen und gefalteten Händen. Seelen hängen auch frei arn 
Himmel, andere auf einer Art von Rutenbündeln. 

Und nun die Gegenseite: er, Schreber, wird zum ewigen Juden. Selbst Got t 






Zur Triebbesetzung von Ich und Über-Ich 1 33 

pflegte nach Beendigung des Schöpfungswerkes nicht der Ruhe, sondern ging 
auf Reisen. Gott probiert viele Wege aus, stellt viele Versuche an, um sich losreißen 
zu können. Er selbst ist auf ständiger Suche, in der Gedankenarbeit, durch das 
unaufhörliche Suchen nach den Gründen, nach Erklärungen, nach Kausalzusam- 
menhängen. Diese letzteren Eigenschaften seines Wesens hebt Schreber selbst 
hervor. Die mächtige Rolle des Suchtriebes berechtigt zur Annahme, im Gefühl 
des Verfolgtwerdens arbeite der nach außen projizierte und gegen die eigene Person 
gewendete Suchtrieb mit. Dies kann umso eher angenommen werden, als die 
Projektion selbst, wie klinisch feststellbar, mit der Riechorientierung vergesell- 
schaftet ist, diese Orientierungsart aber einerseits bei Schreber vorhanden, 
andererseits auch im allgemeinen dem Suchtrieb fester beigeordnet ist. 

Ähnliche Bilder des Anklammerungssyndroms wie die Angsthysterie und die 
Paraphrenie liefert auch die Zwangsneurose mit ihrer typischen festhaltenden 
Aggression und suchenden Forschungseinstellung. 

Bei der Würdigung eines solchen allgemeinen Syndroms entsteht die weitere 
Frage, ob denn dasselbe Kräftespiel, welches bei Neurosen Symptome gestalten 
hilft, nicht auch bei der Formung der allgemeinsten Seelengestaltungen, das heißt 
der Organisation von Ich und Uber-Ich, mitbeteiligt wäre. Das Ich wird vorge- 
stellt als von narzißtischer, desexualisierter Libido erfüllte Stätte, das Über-Ich 
soll besonders aggressive Triebkräfte beherbergen. Wir möchten hier eine be- 
stimmte Quelle dieser gestaltenden und besetzenden Triebkräfte aufzeigen, in dem 
Sinne, daß wir nachspüren, welchen Ursprung diese Besetzungen verraten, wie 
sie etwa bei regressiven Erscheinungen zu beobachten sind. Wäre diese Quelle in 
dem Anklammerungs-Such-Triebpaar gefunden, dann müßten wir wichtige 
Hauptfunktionen von Ich und Über-Ich dem Anklammerungssyndrom zuordnen 
können. 

Das Ich ist im Anfange des individuellen Lebens noch nicht organisatorisch 
vom Es getrennt. Differenziert es sich später vom Es, so lebt in ihm doch auch 
später die Tendenz, die frühere einheitlichere Phase wiederherzustellen. Dieser 
Tendenz dient das Einschlafen mit seiner regressiven Anziehung. Ein- 
schlafen bildet aber eine wichtige Ich-Funktion und geht mit klaren Zeichen des 
Anklammerungsdranges einher. Man denke nur an die Schlafstellung des gesunden 
Säuglings; auch Erwachsenen ist das Phänomen des kollektiven Schlafes mit leiser 
gegenseitiger Anklammerung nicht unbekannt. Angst als Warnung gehört zu 
den allgemeinsten, oft mächtigsten Ich- Kraftentfaltungen. Die Funktion des Ichs 
besteht dabei darin, ein Warnungszeichen bei Gefahr zu geben. Wie war das aber, 
als Ich und Es noch nicht differenziert waren? Auch da entstand Angst als Warnung, 
aber das Signal galt nicht nur dem Subjekt selbst, sondern es bedeutete ein Signal 
für ein Objekt der Außenwelt, für die Mutter, mit der sich die damals unorgani- 



134 Imre Hermann 



sierte Seele in Dualeinheit verknüpft fühlte. Das 'Schreien, die Bewegungen, das 
Fuchteln mit Armen und Beinen sprechen zwingend dafür. Ist dem aber so, dann 
besteht die Entwicklungstatsache, daß das Ich, nunmehr vom Es einigermaßen 
getrennt, sich dem Es nähert, wie früher das Kind sich der Mutter näherte, an die 
sich der kindliche Körper anklammern konnte. Das lockere Beisammensein von 
Ich und Es verwandelt sich während des Angstaffektes regressiv in eine dem 
angeklammerten Kinde nachgebildete festere Dualeinheit. Im Angstaffekt nähert 
sich das Ich an sein Es an, wie früher die Ich-Es-Gemeinschaft an die Mutter oder 
Ersatzperson. Nur bei solcher Nähe von wahrnehmendem Ich und triebbedingtem 
Es können die oft erstaunlichen impulsiven Zweckhandlungen während des 
Angstaffektes entstehen. 

Leicht läßt sich diese Anklammerungs-Annäherung des Ichs an sein Es bei der 
Realangst durchschauen. Bei der Angst wegen innerer Gefahr könnte man sich 
vielleicht ein falsches Bild vom Ich während des Angstaffektes machen: das Ich 
flüchte, entferne sich vom Es. Demgegenüber besteht die Tatsache, daß das Ich 
nur in der nächsten Nähe des Es, ihm sozusagen angeschmiegt, seine Abwehrarbeit 
Gegenbesetzung zwecks Verdrängung oder Beeinflussung des Triebes im Sinne 
der Regression, vollbringen kann. Es kann die ihm feindlichen Triebe auch schon 
deshalb nur in unmittelbarer Es-Nähe zurückdrängen, weil die dazu erforderlichen 
Aggressionen — „Vorstöße des Ichs" — sich nur in dieser Nähe auswirken können. 

Schlafengehen und Angstsignal, diese beiden Ich-Funktionen lassen somit die 
Vermutung zu, im Ich wirke der libidinisierte Anklammerungstrieb als Quelle. 
Befreundet man sich mit dieser Annahme, dann wird es ein Leichtes, in einer 
weiteren Ich-Funktion, im Denken, das Walten derselben Triebquelle zu 
erblicken. Vor langem ist mir die Dualität im Denken als eine gerade auf die 
dualeinheitliche Stellung von Mutter und angeklammertem Kind zurückführbare 
Grundfunktion des Denkens klar geworden, welche durch die spätere Identitäts- 
logik in den Hintergrund gestellt wird. Nun möchte ich die von hier ausstrahlenden 
Wege etwas weiter ausbauen. Unter den wenigen Grundverknüpfungen von 
Aussagen kennt man eine sprachlich durch das Wort „oder" und eine andere 
durch die Wörtchen „wenn — so" gegebene Verknüpfung; Man findet in ihnen 
alte Bekannte aus der Phänomenologie der Neurosen vor. Beide Verknüpfungen 
sind Verarbeitungen von dualen Tatbeständen. 

Die Patientin mit Platzangst — ich habe auf einige ihrer Charakterzüge zu 
allererst als Beispiel des Anklammerungssyndroms hingewiesen — entwickelte die 
Angst aus der Überzeugung, sie o d e r ihr zunächst erhofftes Kind müßte bei der 
Geburt sterben, ihr oder einer schwangeren Frau müßte etwas Arges passieren. 
Die Dualeinheit mit einem geliebten Manne, entsprungen aus dem Dualverhältnis 
des Angeklammertseins, kann allein ihr Kraft zum Leben verleihen; ist diese Ein- 






Zur Triebbesetzung von Ich und Über-Ich 135 

heit zerstört, so versiegt ihre Lebenskraft ebenso wie nach der Haarschur die Kraft 
des Simson: beide rekurrieren auf Modelle des Kastrationskomplexes. Dieselbe 
Dualeinheit erscheint auch in der „Oder"-Verbindung, aber mehr durchgeistigt 
und in komplizierterer gegenseitiger Abhängigkeit der Glieder als der einfache 
Dualschritt des Denkens. Komplikationen in einfache Verhältnisse zu bringen, das 
Einfache und Langweilige schwierig zu gestalten, entspringt aber bei derselben 
Patientin einem ihrer sehr allgemeinen Charakterzüge und entstammt, wie be- 
sonders die Analyse einer bei ihr bestehenden perversen Neigung des Genital- 
lebens gezeigt hat, aus der Ödipussituation, wo Komplikationen durch Anwesen- 
heit der zwei Rivalen und durch die Phantasie der gewaltsamen Entfernung des 
einen Rivalen von Natur aus bestehen. Die kompliziertere Oder- Verknüpfung wird 
also aus der einfacheren Dualverbindung gebildet, wie diese aus der ersten Sub- 
limierung des Anklammerungstriebes. 

Mit der Genese der besonders die Zwangsneurose auszeichnenden „Wenn — 
So"-Verknüpfung steht es nicht anders. Bei einer Patientin mit schwerer Zwangs- 
neurose kamen oft Zwangsgedanken des Inhaltes: „ W e n n ich davon esse, s o 
wird der Vater sterben"; ,,W e n n ich meinen Eid nicht halte, s o wird dem oder 
jenem Mitglied der Familie etwas geschehen"; „W e n n die Mutter mit gutem 
Appetit ißt, s o darf ich nicht essen". Und so fort mit vielen Variationen: gemein- 
sam dabei war die Verknüpfung des nicht Zusammengehörenden. Dieser Zwang 
zur Vereinheitlichung, dieses Bestreben des Anhängens eines Tatbestandes an den 
anderen entsprang in diesem Fall aus der Befolgung der mütterlichen Mahnungen, 
die Familie bilde eine unzertrennliche Einheit, sie, die Tochter und die Eltern, 
besonders aber die Mutter, seien aus einem Fleisch und Blut, sie gehörten stets 
zusammen, die Außenwelt beginne außerhalb ihres Kreises. Dabei widersprach die 
Mutter sich selbst, indem sie die Kinder Ohrenzeugen ihres nächtlichen Beisam- 
menseins mit dem Vater werden ließ, womit es ihnen klar wurde, daß es festere 
Verbände als die sogenannte Familieneinheit gebe, aus welchen Verbänden aber 
das Kind ausgeschlossen werde. Die Tochter selbst wurde bei ihren spielerischen 
Raufereien mit dem Vater durch die Drohungen der Mutter von ihm entfernt. Die 
Mutter widersprach ihrer Lehre von der Einheit der Familie auch dadurch, daß 
sie sichtbare Sympathien für einen Bekannten der Familie zeigte. Die Patientin 
befolgt mit den „Wenn — so"-Sätzen die Zusammengehörigkeitslehre der Mutter, 
stellt aber gleichzeitig mit dem Zusammendenken des Unzusammenhängenden die 
vermutete Untreue der Mutter sowie ihre eigenen Inzestwünsche dar. Gemeinsame 
Spiele mit dem Vater, zum Beispiel das Umschlingen der Hüften des Vaters mit 
den Schenkeln, wobei der Vater sich drehte und sie, mit dem Kopfe abwärts, eine 
Zirkuskünstlerin nachahmte, verraten ihren Anklammerungswunsch auch in 
unmittelbarer Weise. (Ein sonst gesundes Kind, das eine die Geschwister weit 



136 Imre Hermann 



übertreffende Anhänglichkeit an Eltern und Pfiegepersonen und Scheu vor dem 
Alleinbleiben zeigte, ließ im Alter von drei bis fünf Jahren Konditionalsätze der 
Art, wie „ich esse nur dann, wenn ich etwas stehenlassen kann",, ,ich gehe 
nur dann spazieren, wenn ich den Frühlingsmantel anziehen darf" u. dgl. in 
auffallender Häufigkeit vernehmen.) 

Wir vermuten somit das Walten des Anklammerungstriebes in den Ich-Funk- 
tionen des Einschlafens, der Signalangst und mehrerer Denkformen. Das Anklam- 
merungssyndrom versprach aber mehr. Es versprach uns dazu zu verhelfen 
divergente Erscheinungen, wichtige Ich- Funktionen einheitlich auffassen zu 
können. Zum Syndrom zählten wir Trennungstendenz und Festhaltung sowie den 
Suchtrieb. Trennung und Festhaltung kommen nun in d e r Funktionsgruppe 
des Ichs zur Geltung, welche die Abwehrmechanismen enthält. Trennung 
von der inneren oder äußeren Gefahr, sowie Festhalten am Alten, wenn es sich 
auch schlecht bewährt hat, sind vielleicht in jeder Abwehrmaßnahme mitenthalten. 
Vergessen wir aber auch nicht, daß das Ich ein wahrnehmendes Wesen ist. Im 
Wahrnehmen der Außenwelt finden sich aber eine Menge Suchapparate 
beteiligt, Tastorgane, Riechapparate, Geschmackswerkzeuge, bewegbare lichtemp- 
findliche Zellen, alle zum aktiven Aufsuchen der Außenwelt eingerichtet. Die ganze 
Wahrnehmungsfunktion ist — im Sinne von Freuds „Notiz über den Wunder- 
block" 3 — so beschaffen, „als ob das Unbewußte mittels des Systems W-Bw der 
Außenwelt Fühler entgegenstrecken würde, die rasch zurückgezogen werden, 
nachdem sie deren Erregungen verkostet haben." Dasselbe kann auch als Offen- 
barung des aus dem Es kommenden Such-Triebes beschrieben werden, der das 
Ich besetzt hält und die W-Systeme regiert. Die Denkfunktion des Ichs, un- 
geachtet dessen, welche Form sie wählt, soll — wiederum nach Freud — einer 
Probefunktion gleich sein, was eine Funktion des Suchens einschließen muß. So 
haben wir doch dem Anklammerungssyndrom wichtige Ich-Funktionen neben- 
ordnen können. 

Weniger Mühe wird uns das Über-Ich machen. Schon zum ersten Verständnis 
der Entstehung des Über-Ichs gehörte seine Ableitung — beim Knaben — aus 
dem Untergang des Ödipuskomplexes auf das Drängen der Kastrationsbefürch- 
tungen. Noch näher zur Trennungstendenz als in diesen Bestimmungen verborgen 
steht der Inhalt der Erkenntnis, daß der Bildung eines echten Uber-Ichs eine 
Entwicklung entspricht, die darauf hinzielt, auch das Nichtanwesende zu 
bewerten. Dieser Art von Bewertung werden nicht nur die Respektspersonen 
unterworfen, sondern auch die Kastrationsbefürchtung, indem die nicht ausge- 



3) Ges. Sehr., Bd. VI, S. 420. 



Zur Triebbesetzung von Ich und Über-Ich 137 

führte, nur befürchtete Kastration in der Phantasie so bewertet wird, als wäre sie 
schon vollbracht. Eben deshalb waltet in der Sphäre des echten Über-Ichs eine 
sozusagen depressive Haltung, ein tiefer Ernst und eine Intransigenz, die keine 
Ausnahmen duldet. Im sichtbaren Gegensatze stehen dazu die inneren Anforde- 
rungen, die einem Pseudo-Uber-Ich entspringen. So stehen hier am Anfang der 
Organisation die Trennung, an ihrem Ende das Nichtlockerlassen, das unbedingte 
Festhalten. 

Doch besteht das bekanntere Problem des Über-Ichs nicht hierin, sondern in 
seiner Aggressivität, Unerbittlichkeit, in seinem Willen, um jeden Preis 
zu strafen. Man erinnere sich aber einerseits daran, daß meiner Ansicht nach die 
Aggressivität überhaupt aus dem verzerrten Anklammerungstrieb abzuleiten wäre, 
andererseits, daß uns schon aus der Abhängigkeit von Ich und Es geläufig sein 
kann, die gegenseitige Beziehung der psychischen Instanzen auf die Abhängigkeit 
von Mutter und an ihr hängendem Kind zurückzuführen. Das Ich wendet sich 
tatsächlich im Sinne des Geführtseinwollens an sein Uber-Ich. Das Über-Ich gibt 
Soll-Befehle, führt mit diesen das Ich sozusagen am kurzen Zügel. Bei höherer 
Aktivität wird der Griff fester und läßt überhaupt nicht locker. Es scheint also ein 
gegenseitiges Anklammern von Ich und Über-Ich die Grundlage ihres 
Verhältnisses zu bilden. 

Auch der Such-Trieb findet eine eminente Stellung im Aufbau der Über-Ich 
Organisation. Er lebt in dem Anteil, der vom Ich-Ideal gelenkt wird. Von 
hier geht die Forderung aus, etwas ganz Tadelloses, dem Ideal Entsprechendes zu 
werden, was mit dem Suchen von Wegen, mit Glauben, Kritik, Enttäuschung und 
Weitersuchen identisch sein muß. Jedes Ideal ist unerreichbar: gerade in 
den ständigen Versuchen, das Unerreichbare zu erreichen, besteht seine eigentliche 
Funktion. Das Anklammerungssyndrom zeigt sich also auch im Aufbau des Über- 
Ichs in genügender Klarheit. 

Zu Beginn des Vortrages sprach ich vom Schein, welcher entstehen muß, wenn 
die Darstellung theoretischen Ansätzen folgt: der Schein, man habe alle brauch- 
baren Erfahrungen bereits gesammelt. Jetzt, am Ende meiner Ausführungen, soll 
der andere Schein bewußt gemacht werden, dem der konsequente Nachweis 
einiger zusammengehöriger Elemente ausgesetzt ist: der Schein, als ob andere 
Tatsachen nicht vorhanden oder wenigstens von diesen nicht unabhängig wären. 
Dies ist aber sicherlich ein falscher, wenn auch unvermeidlicher Anschein. 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie 

und Manie 

von 

M. Katan 

Den Haag 

Es gibt in der Psychopathologie zwei Zustände, in denen die Bedeutung des 
Wortes in besonderer Weise hervortritt: jene Fälle von Schizophrenie, bei denen 
die Sprache von der Krankheit mitergriffen wurde, und die manischen Erkran- 
kungen. Man kann mit gutem Recht von beiden Zustanden behaupten, dass das 
Studium dieser Überbedeutung des Wortes bis in ihre zentralen Probleme 
hineinführt. Es ist darum verlockend, die Störungen der Sprache in beiden Zu- 
standsbildern miteinander zu vergleichen. Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt 
sich mit dem ersten Teil dieser Aufgabe, nämlich mit der Betrachtung der schizo- 
phrenen Sprachänderungen. 

Wir beginnen unsere Untersuchung am besten mit den ersten Anzeichen 
schizophrener Sprachänderung; wir wissen, dass diese gewöhnlich sehr bald von 
sekundären Bearbeitungen gefolgt und dann für unser Verständnis fast undurch- 
dringlich werden. 

Fall I. Ein 28j ähriger Mann steht sein Leben lang unter dem Einfluss seines um 
2 Jahre älteren Bruders und muss in allem dessen Befehlen folgen. Der Patient hat 
Angst vor diesem Bruder, die oft schon bei blosser Annäherung ausbricht. Eines 
Tages fasst der Bruder den Plan zu einem komplizierten Betrug. Patient sollte 
sich zwecks Abschluss einer Arbeitsversicherung vom Arzt untersuchen lassen 
und einer von beiden Brüdern — es war nie ganz klar welcher — sollte sich dann in 
einer fremden Stadt einen Finger abhacken und auf diese Weise die Versicherungs- 
summe herauslocken. Es kommt nicht zur Ausführung des Planes, weil unser 
Patient aus Angst seine Mitwirkung zurückzieht. Einige Zeit danach (5Monate 
vor Einlieferung in die Anstalt) bekommt er einen Anfall von Ohrensausen und 
Ohrenpfeifen. Er wird auf die Ohrenklinik aufgenommen, der Anfall wiederholt 
sich nach P blauf von zwei Wochen. Gleichzeitig mit diesen Anfällen geht eine 
Veränderung mit ihm vor. Er fängt an, über sich nachzudenken, bemerkt, wie die 
Leute sich von ihm zurückziehen, Kinder ihn beschimpfen, wie an die Fenster 
seines Hauses geklopft wird u.s.w. Er beginnt zu glauben, dass hinter all dem sein 
Bruder steckt, der die Leute gegen ihn aufhetzt. 

Es ist wichtig zu wissen, dass dieser Bruder eine angeborene Missbildung des 
Gliedes hatte, die erst vor anderthalb Jahren durch Operation behoben wurde. 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 139 

Vor dieser Operation konnte er keinen Verkehr ausführen, obwohl er viel mit 
Frauen umging. 

Patient bezeichnet jetzt diese Missbildung des Bruders als eigendiche Ursache 
aller Nachstellungen. Es wird ihm plötzlich deutlich, dass es Neid auf seine sexuelle 
Tüchtigkeit gewesen sein muss, die den Bruder veranlasst habe, ihn seit jeher zu 
quälen. Es scheint ihm jetzt, dass der Bruder sich im Versicherungsschwindel 
seinen Namen aneignen wolle, um dadurch eine Verwechslung der Personen zu 
erreichen. Dann würden alle Leute glauben, dass er selbst und nicht der Bruder 
die genitale Missbildung gehabt hätte. Sein Vater hätte seinerzeit den Bruder, der 
als Kind neben der Mutter schlief, beschuldigt, ein Verhältnis mit ihr gehabt zu 
haben; auch diese Beschuldigung müsste nach der Namensverwechslung vom 
Bruder auf ihn selbst verschoben werden. Patient entwickelt jetzt immer heftigere 
Angst, er glaubt durch die Machinationen des Bruders sterben zu müssen und 
hat vage Weltuntergangsideen. Nach etwa 5 Monaten macht diese Phase einer 
ruhigeren, leicht ins Manische spielenden Platz. Zu dieser Zeit treten die ersten 
bemerkenswerten Beispiele seiner Sprachänderung auf. 

Er äussert eines Tages mir gegenüber: „Dr. van Kerkhof ist der Syphilisdoktor. 
Er heilt, wen er will, die anderen bringt er aber auf den „Kerkhof" (Friedhof). 
Darum ist es also ein Unsinn, dass die Leute zu ihm gehen." (Dr. K. war damals 
ein bekannter Dermatolog und Dozent der Universität Leiden.) 

Eine andere Äusserung bezieht sich auf die holländische Geschichte: „Es war 
100 Jahre vor Christus, wie die Heiden in unser Land gekommen sind; ihr Anführer 
war Claudius Civilis. Sie haben sich durch den Namen ihres Führers gekenn- 
zeichnet; also hatten sie Syphilis." 

Eine damals in Holland behebte Operettendiva trug den Namen Marga Graf. 
Durch diesen Namen, so behauptete der Patient, habe diese Frau sehr viele Männer, 
die ihrem Auftreten beiwohnten, ins „Graf" (Grab) gebracht. 

Betrachten wir im folgenden diese drei Beispiele schizophrener Sprachäusse- 
rungen, wobei ich mich zunächst der Erklärungen Freuds bediene. 1 

In dem Beispiel von Dr. van Kerkhof wird diesem eine Eigenschaft zuerkannt, 
welche nicht mehr aus seiner wirklichen Person, sondern nur aus seinem Namen 
abgeleitet ist. Das Wort hat sich hier von der Vorstellung der Person gelöst. Im 
allgemeinen besteht die Vorstellung einer Person nicht nur aus dem Bild, das wir 
im Vorbewussten von ihr haben, sondern auch aus gewissen unbewussten Vor- 
stellungsgruppen. Die Vorstellungsrepräsentanz einer Person ist ja immer mit 
Erinnerungen an andere Personen verbunden; so entsteht der Zusammenhang mit 
Objekten aus unserer Kindheit, d.h. mit Erinnerungen, welche längst verdrängt 



1) Siebe Gesammelte Schriften, Band V, Das Unbewusste, Abs. VII, Seite 510. 



9 Vol. 25 



140 M. Kutan 



sind und seither im Unbewussten weiterleben. Diesen ganzen Komplex von 
Vorstellungen, der sich also zum grössten Teil im Ubw. befindet, hat Freud irn 
Gegensatz zur Wortvorstellung die Sachvorstellung genannt. Sachvorstellungen 
werden normaler Weise bewusst, wenn die Verbindung mit den zu ihnen gehörigen 
Wortvorstellungen zustandekommt. In der schizophrenen Äusserung steht die 
Wortvorstellung im Vordergrund, die Sachvorstellung scheint keine Rolle zu 
spielen. Wie kommt es aber, dass das Wort eine derartig grosse Bedeutung bekom- 
men hat? Oder in ökonomischer Denkweise: Woher stammt die Ueberbesetzuxig 
des Wortes? Um uns die Kompliziertheit des Problems vor Augen zu führen 
können wir auch sagen, dass das Wort hier nicht mehr als Wort, d.h. als Objekt- 
bezeichnun, sondern als Objekt behandelt wird. 

Kehren wir für einen Augenblick zu den drei Äusserungen unseres Patienten 
zurück. Es wird uns deutlich, dass sie alle eine Gefahrsituation beinhalten. Di e 
Namen Kerkhof und Marga Graf erinnern den Patienten an den Tod, Claudius 
Civilis an die venerische Erkrankung. Es macht keine Schwierigkeit zu verstehen 
dass es sich jedesmal um einen symbolischen Ausdruck für Kastrationsgefahren 
handelt. Der Patient fürchtet in seinem schizophrenen Denken den Kontakt mit 
dem Wort, als ob er der Gefahr selber gegenüberstehen würde. Für das reale 
Denken haben diese Vorstellungen nichts Gemeinsames, werden also auch nicht 
miteinander verbunden, der Zusammenhang zwischen ihnen wird durch die 
schizophrene Überbesetzung des Wortes hergestellt. Der vom Ich beherrschte 
Sekundärvorgang (das reale Denken) ist also bei der Schizophrenie verloren 
gegangen, an seine Stelle ist der im Ubw. herrschende Primärvorgang getreten. 
Wir nehmen diesen Vorgang als Anzeichen für die Schwächung des Ichs durch 
die schizophrene Erkrankung. 

Mit dem Hervortreten des Primärvorganges ist jedoch die Uberbesetzung des 
Wortes noch keineswegs erklärt. In der Arbeit über Schreber stellte Freud die 
Hypothese auf, dass der Wahn einen Versuch bedeutet, die durch Libidoabzug 
verloren gegangene Aussenwelt wieder zu restituieren. Wir sind uns klar darüber 
dass dieser Versuch auf eigentümliche Weise zustandekommt und dass die Wieder- 
herstellung der Aussenwelt nur eine scheinbare, nicht eine wirkliche ist. Aber 
selbst diese Restitution bedeutet, dass in dem verstörten Geist des Psychotikers 
wieder eine Art Ordnung hergestellt wird; es entwickelt sich ein neues Gleich- 
gewicht. 

In vereinfachter Darstellung heisst das nichts anderes, als dass der Restitutions- 
versuch in der Psychose aus zwei Phasen besteht. In der ersten Phase wird die 
Libido von der Aussenwelt zurückgezogen. Die zweite Phase umfasst den Wieder- 
herstellungsversuch im eigentlichen Sinne. 

Kehren wir mit dieser Hypothese des Wahnes zu unseren Beispielen vom 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 141 

schizophrenen Wort zurück, und versuchen wir, ob die Erklärung des Restitutions- 
versuchs auch auf andere schizophrene Erscheinungen, z.B. auf die Sprachäusse- 
rungen anzuwenden ist. Wir wiederholen, dass Sachvorstellung und Wortvor- 
stellung sich in der schizophrenen Sprachäusserung voneinander getrennt haben. 
Freud warf die Frage auf, warum beim Rückzug von der Aussenwelt die zum 
grössten Teile im Ubw. vorhandenen Sachvorstellungen geopfert werden, nicht 
aber die Wortvorstellungen. Man hätte erwartet, dass erstere sich resistenter 
erweisen könnten als die letzteren, statt dessen gewinnt gerade das Wort durch 
seine Uberbesetzung noch an Bedeutung. Freud selbst löst diesen Widerspruch 
in eindrucksvoller Weise. Er meint, dass es beim Restitutionsversuch nicht gelingt, 
die verlassenen Objekte der Aussenwelt zu neuem Leben zu erwecken, dass aber 
statt dessen das Wort an Stelle des Objektes tritt. Die Libidobesetzung, welche 
beim Bruch mit der Aussenwelt von den Sachvorstellungen abgezogen wurde, 
wird in der Restitution zur Besetzung des Wortes verwendet. Das Wort ist jetzt 
tatsächlich Objekt geworden. Diese Erklärung beinhaltet, dass das schizophrene 
Wort Wahncharakter hat, eine Einsicht deren Bedeutung nicht hoch genug einge- 
schätzt werden kann, die sich aber in der Literatur nicht genügend durchgesetzt hat. 

Halten wir uns die Vorgänge bei unseren Beispielen schizophrener Sprachäusse- 
rungen noch einmal vor Augen. Einerseits ist die Verbindung mit den ubw. 
Sachvorstellungen verloren gegangen, anderseits hat der Denkmechanismus, der 
Primärvorgang, die Führung im Bw. übernommen. Auf diese Weise stellt sich 
eine direkte Verbindung zwischen dem Wort und der sonst (bei den Über- 
tragungsneurosen) verdrängten Kastrationsvorstellung her. Wir stossen hier auf 
Widersprüche, auf die Freud nie weiter eingegangen ist und deren Lösung ich 
mir im folgenden zur Aufgabe mache. 

Freuds erstes Interesse an den psychotischen Erscheinungen entstammte seinen 
Bemühungen, neue Einsichten für das Gebiet der Triebpsychologie und Ich- 
psychologie zu gewinnen, er trieb damals die Analyse der Psychosen nur soweit 
als sie ihm bei seinem eigentlichen Ziele Hilfe leisten konnten. Erst später, als 
seine neuen Auffassungen auf dem Gebiete der Neurosenlehre genügend feste 
Formen angenommen hatten, wandte er sich mit den neugewonnenen Einsichten 
auch wieder der Psychose zu. Er charakterisierte die Neurose als Konflikt zwischen 
Ich und Es, bei dem das Ich mit Hilfe der Aussenwelt die Oberhand behält. Wenn 
dagegen in diesem Konflikt das Es den Kampf gewinnt, so wird dieser Ausgang 
Anlass zum Auftreten einer Psychose. Das Es zwingt dann das Ich, welches die 
Beziehungen zur Aussenwelt vermittelt, seine Besetzungen zurückzuziehen. 
Nachdem der Kontakt mit der Aussenwelt abgebrochen ist, wird unter der Herr- 
schaft des Es im Restitutionsversuch eine neue Aussenwelt aufgerichtet. 

Gegen diese Auffassung Freuds bringe ich nun verschiedene Einwände vor, 



142 M. Katan 



z.B.: Auch im Es sind Vorstellungen der Aussenwelt enthalten. Wenn in der 
schizophrenen Erkrankung für den Patienten die Aussenwelt versinkt, müssen 
wir uns vergegenwärtigen, dass es inkorrekt ist zu sagen, das Bild der Aussenwelt 
wird in ihm verdrängt; dieser Vorgang könnte höchstens Anlass zum Entstehen 
einer hysterischen Psychose ergeben. Wir müssten richtig sagen, seine Vorstel- 
lungen von der Aussenwelt verschwinden dadurch, dass die Besetzung von ihren 
Erinnerungsspuren zurückgezogen wird. Selbstverständlich gilt das nur für 
denjenigen Teil der Persönlichkeit, der speziell von der psychotischen Erkrankung 
betroffen ist. Daneben behält jeder Schizophrener jederzeit Bilder der Aussenwelt, 
die nicht oder nur sekundär in seine Psychose aufgenommen sind. 

Im Kampf gegen die Gefahrsituation werden in der Manie einfache körperliche 
Vorgänge verwendet und auf das Psychische verschoben. In der Schizophrenie 
und Melancholie können die Sach-(Ding-) Vorstellungen nicht mehr besetzt 
werden, weil die Gefahrsituation nicht im Sinne der Realität bewältigt werden 
kann. In der Depression wird versucht, das Ausleben der Aggression zu ver- 
hindern. In der Manie gelingt es, durch ein elastisches Verschieben die Libido an 
den bedrohten Stellen so anzuhäufen, dass sie dadurch nicht aufgegeben werden 
müssen. Diese Anhäufung kommt dadurch zustande, dass die Energie den Sach- 
vorstellungen entzogen und auf die Funktionen des Sprechens und Handelns 
verschoben wird. Aber nirgends wird dabei der Kontakt zwischen Wort- und 
Sachvorstellung unterbrochen. Anders ausgedrückt, nirgends drängt die Gefahr- 
situation Wort und Sache auseinander. Wenn auch zeitweise das Wort über- 
besetzt ist, so ist der Weg zurück nach der Sachvorstellung nicht versperrt. 

Entsprechende Unterschiede finden wir auch zwischen dem Besetzungsentzug 
der Vorstellungen, die sich auf das verlorene Objekt beziehen, im Zustand der 
Trauer und in der Melancholie. In der Trauer geschieht das Zurückziehen der 
Besetzungen unter Einfluss der Realität, in der Melancholie durch die über- 
wältigende Gefahrsituation. Während aber nach dem Zustand der Trauer durch 
einfache Zuwendung wieder Besetzungen der Vorstellungen des verlorenen Ob- 
jekts stattfinden können, ist dies bei der Melancholie durch die Gefahrsituation 
unmöglich gemacht. 

Ein Weiterführen des Vergleiches zwischen dem Restitutionsversuch bei der Manie 
und bei der Schizophrenie wird erst dann möglich sein, wenn wir die Ursache 
dieses Vorganges in der Schizophrenie in unsere Betrachtung einbeziehen können. 

Ich schliesse mich also der Auffassung Freuds an, dass der Bruch mit der Aussen- 
welt aus Anlass eines Konflikts zustandekommt; bei der Beurteilung der weiteren 
Schicksale des Konflikts geht meine Auffassung ihre eigenen Wege. 

Ich lasse hier die Frage beiseite, was wir eigentlich als wirksames Motiv hinter 
dem Auftreten des Restitutionsversuches vermuten, und gehe in meiner Unter- 






Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 143 

suchung auf etwas anderes über. Wenn wir den Wunsch, sich wieder zur Aussen- 
welt zurückzuwenden, als gegeben annehmen, so finden wir das Ich des Psycho- 
tikers vor einer neuen Schwierigkeit. Die alte Gefahrsituation, die seinerzeit den 
Ausbruch der Psychose, d.h. den Rückzug von der Aussenwelt, zur Folge gehabt 
hatte, ist noch immer vorhanden, muss also neuerlich bewältigt werden. Diese 
Verhältnisse habe ich in verschiedenen bisher unpublizierten klinischen Vorträgen 
an Hand von Beispielen zu demonstrieren versucht. 

Hätte das Ich die Kraft, die Gefahrsituation dadurch zu bewältigen, dass es 
einen halbwegs normalen Kontakt mit der Aussenwelt herstellt, dann würde der 
Sekundärvorgang wieder die Führung bekommen, die Restitution wäre eine 
tatsächliche. Eine Krankheit, die sich auf diese Weise herstellt, bliebe im Rahmen 
der Neurose, eine Wahnidee könnte sich auf diese Art nicht bilden. Wo anderseits 
eine Wahnbildung das Resultat ist, ist sie der Beweis dafür, dass die neue Bewälti- 
gung der alten Gefahr sich anderer Methoden bedient hat, dass die neu herge- 
stellte Aussenwelt unter der Herrschaft des Es zustandegekommen ist. 

Meine Auffassung stellt also die Neubewältigung einer Gefahrsituation in den 
Mittelpunkt. Die aus ihr abgeleitete neue Wahndefinition lautet jetzt: 

Der Wahn ist ein Versuch zur Neubewältigung einer Ge- 
fahrsituation, welche vor Ausbruch der Erkrankung der 
Anlasss zum Bruch mit der Aussenwelt war. 

Der vorpsychotischen Phase kommt also eine grosse Bedeutung zu, welche ich 
im Rahmen dieser Arbeit nur streife. Ich reserviere diesen Namen für jene Phase, 
in der das Ich nicht mehr die Beziehungen zur Aussenwelt unterhält, die uns aus 
den gewöhnlichen neurotischen Erscheinungen bekannt sind. Für den geübten 
Psychiater lässt sich aus den Abänderungen dieser Beziehungen schon zu dieser 
Zeit erkennen, dass das Auftreten einer Psychose aller Wahrscheinlichkeit nach zu 
erwarten ist. Viele Psychiater bezeichnen die Mechanismen dieser Phase schon als 
schizophrene, was meiner Meinung nach verfrüht ist. Diese Abänderung der 
Beziehungen steigert sich dann unter dem Druck der Gefahrsituation bis zum 
wirklichen Bruch, bei dem die Besetzung der Gefahrsituation selbst zurückgezogen 
wird. Im Restitutionsversuch wird es dann deutlich, dass das gestörte Ich nicht 
mehr über den Sekundärvorgang verfügt, sondern gezwungen ist, sich der Arbeits- 
weise des Es, des Primärvorganges, zu bedienen. Wie dann die Neubesetzung der 
Gefahrsituation bei Gelegenheit ihrer Neubewältigung vor sich geht, muss in 
jedem einzelnen Fall einzeln betrachtet werden. 

Kehren wir nach dieser Auseinandersetzung zu unserem eigentlichen Gegen- 
stand, der schizophrenen Sprache, zurück und versuchen wir, die neuen theoreti- 
schen Kenntnisse auf den oben geschilderten Fall anzuwenden. 

Wir machen den Rückschluss, dass der Patient als Kind den Bruder um das 



144 M. Kutan 



Vorrecht beneidet hatte, bei der Mutter zu schlafen. Anderseits war die Miss- 
bildung des Bruders, von der er damals schon wusste, ein störendes Element bei 
der sonst erwünschten Gleichsetzung mit ihm. Es folgt eine Periode der Unter- 
würfigkeit unter den Bruder, die in dem geplanten Betrug ein jähes Ende findet; 
hier bricht die Kastrationsangst, die sich durch die ganze Krankengeschichte zieht, 
in der Vorstellung vom Abhacken des Fingers durch. Dann tritt die Psychose auf. 
Meiner Meinung nach wird hier die Kastrationsgefahr zum Anlass zu dem Ab- 
bruch der Beziehung mit der Wirklichkeit. 

Auch in den nachher auftretenden Verfolgungsideen steht die Kastrationsangst 
im Mittelpunkt, diesmal durch die Personenverwechslung dargestellt; sie ist jetzt 
bereits auf wahnhafte Weise verarbeitet. 

In der darauffolgenden Phase äussert sich die Kastrationsvorstellung in den 
schizophrenen Wortbildungen. Es liegt also nahe anzunehmen, dass auch diese 
Restitutionsversuche in Form von Wortbildungen der Bewältigung derselben 
Gefahr dienen. Die Gefahr ist jetzt im Wort enthalten, d.h. das Wort wirkt als 
Gefahrsignal; es wird dem Patienten dadurch leicht, sich durch Vermeidung des 
Wortes vor der Gefahr zu schützen. 

Um dem Einwand zu begegnen, dass viele Fälle von Sprachverwirrtheit keine 
offenbare Beziehung zur Gefahrsituation mehr aufweisen, bringe ich im folgenden 
noch einige Beispiele, die den Übergang von Wortbildung zur Sprachverwirrtheit 
illustrieren sollen. 

Fall A. Ein schizophrener Patient war in seinen Handlungen immer beschäftigt, 
keine eigenen Kräfte zu verlieren und sich fremde Kräfte anzueignen. Zur Er- 
reichung des ersteren Zieles machte er ständig wehende Handbewegungen in die 
Richtung seines Körpers, um sich verlorengehende kostbare Stoffe zuzufächeln; 
zur Erreichung des letzteren pflegte er lange auf Plätzen stehen zu bleiben, wo 
vorher eine Respektsperson gestanden hatte, um sich auf diese Weise die Kräfte 
jener Person anzueignen, die sich seiner Meinung nach noch auf diesem Platze 
befinden mussten. Der gleiche Patient zeigte interessante Züge von Sprachver- 
wirrtheit. Er sprach die in ihrer Bedeutung überbesetzten Worte nur halb aus: 
Dir für Direktor, Da für Dame u.s.w. Er wiederholt also in der Sprache, was er in 
seinen Bewegungen zeigt. Er behält einen Teil des Wortes für sich, d.h. er behält 
Kräfte für sich; er kastriert das Wort insoweit es für ihn ein Objekt (eine Person) 
darstellt. Wir sehen also, dass schon die Art, wie er das Wort ausspricht, der 
Bewältigung der Kastrationsgefahr dient. 

Fall B. Ein schizophrener Patient, gewesener Heringfischer, hatte den Namen 
Maart van Duin. Einmal beschimpfte er mich: Berühre mich nicht, schmutziger 
Sodomiter (=Homosexueller). Bist du ein Hering, so fresse ich dich. Denk 
daran, „op het duin" (=auf der Düne) steht eine Kanone. 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 145 

Auch bei diesem Patienten ist die Gefahrsituation, die bewältigt werden muss, 
eine Kastration. Die Bewältigung geschieht hier durch die Gegendrohung, die in 
den Restitutionsversuch aufgenommen ist. Er droht mich zu fressen und hebt 
seine andere Verteidigungsmöglichkeit hervor, wobei sein Name Verwendung 
findet. 

Im Monat August sagte er einmal, ich bin „Maat" (März) und jage hinter 
„August" her. Er personifiziert also die Monate und weist damit eine Verfolgung- 
sidee ab. Er ist aus dem Verfolgten der Verfolger geworden. 

Fall C. Ein Patient, namens Henderik Stam, konnte in der katholischen Kirche 
in den Buchstaben I.H.S. nur sich selbst wieder finden, 7ch H. Stam. Damit hatte 
er festgestellt, dass er existierte, nicht vernichtet worden war. Hier wird die Gefahr 
der Vernichtung einfach durch die Konstatierung des eigenen Daseins abgewehrt. 

Zu Fall A. Wortneubildungen kommen oft durch Verdichtungen zustande. Der 
schon erwähnte Patient, der die Worte nur zur Hälfte aussprach, nannte immer 3 
magische Stoffe, ambezuu, ambezoe (zuu und zoe aussprechen sü und su) und 
ambevlee; das letztere nennt er auch ambewit. In seiner eigenen Weise nennt er 
die Wirkung von Stoffen, die ihn „zuur" (=sauer), zoet (=süss) u.s.w. machen, 
„aan het bezuren" (Sauerwerden) u.s.w. Das dazugehörige Substantiv entsteht 
durch das Weglassen einiger Buchstaben. Ambezuu und Ambezoe werden in den 
Kotkanälen gefunden und sind gelb und braun. Ambewit oder Ambevlee (vlee = 
vleesch = Fleisch) wird auf den „Ker" ( = kerkhof = Friedhof) gefunden. Es 
ist dasselbe wie die weissen Schürzen der Pflegerinnen (weiss ■= wit) denn diese 
sind weiss, weil sie einen Pe ( = peen = Rübe) in ihren Körperchen gesteckt 
haben. Er hält also Penis = Fleisch und Sperma = weiss für identisch. Die 3 
Stoffe sind Harn, Kot und Sperma. 

Fall D. Eine schizophrene Patientin hatte Monate hindurch geschwiegen, 
plötzlich sagte sie zu mir, ich spreche nicht, sonst sagen die Menschen, dass ich 
„pisse". In diesem Fall hat die Überbesetzung nicht den Wortinhalt, sondern die 
Sprechfunktion betroffen, die damit in den Dienst der Restitution gestellt wird. 
(Die Untersuchung solcher Restitutionen von Funktionen können die besten 
Einsichten in den Aufbau des schizophrenen Ichs vermitteln; dieser Gedankengang 
führt aber über den Rahmen dieser Arbeit hinaus.) 

Es ist selbstverständlich, dass die Sprache durch fortwährende Neubearbeitungen 
immer verwirrter werden muss. 

Ich hoffe durch die oben angeführte Hypothese erklärt zu haben, wie es dazu 
kommen kann, dass einerseits die Sachvorstellungen verlassen werden, anderseits 
das schizophrene Wort mit Vorstellungen verknüpft wird, die sonst unbewusst 
bleiben. Diese neuen Verbindungen des Wortes mit der unbewussten Vor- 
stellung werden durch den Restitutionsversuch zustandegebracht. Dabei entspricht 

10 Vol 25 






146 M. Katan 



die hinzugetretene Vorstellung entweder der neuen Gefahrsituation oder schon 
einer Bewältigung dieser Gefahr. Dabei ist uns wiederholt aufgefallen, dass die 
verwendeten Vorstellungen nicht identisch mit jenen sind, welche im realen 
Denken zum Ausdruck derselben Situation verwendet würden. Es scheint, dass 
im Beginn der schizophrenen Sprachformung jene Worte als erste eine Änderung 
der Bedeutung erfahren, die am ehesten in irgendeine Beziehung zur Gefahr- 
situation gebracht werden können; das Beispiel von Dr. van Kerkhof ist dafür die 
beste Illustration. 

Nun gibt es solche feste Beziehungen zwischen bestimmten bewussten und 
bestimmten verpönten Vorstellungen, die wir als Symbole bezeichnen. Die Gefahr 
liegt hier im Charakter des Verpönten. Wir erwarten deshalb, dass die schizo- 
phrene Sprache sich verschiedener Symbole bedient, was auch dem wirklichen 
Tatbestand völlig entspricht. 

Wir haben also die Symbolisierung als einen Bestandteil der schizophrenen 
Sprache aufgefasst, worin man im allgemeinen eine Übereinstimmung zwischen 
Neurose und Psychose sehen könnte. 

Wir wissen aus der Traumlehre, dass das Symbol nicht nur an Stelle der Vor- 
stellung des verpönten Objektes tritt, sondern dass beide für das Es dasselbe sind. 
Vom Standpunkt der Abwehr betrachtet ist es dem Ich hier gelungen, eine un- 
liebsame Vorstellung vom Bewusstsein fernzuhalten. Ohne solche Ichabwehr 
würde es gar keine Symbole geben, das Es könnte sich einfach ungehindert äussern. 
Wir fragen uns, wie weit diese Verhältnisse des Traumes für die Schizophrenie 
Geltung haben. Dem Neurotiker ist die Verbindung zwischen Symbol und 
verpönter Vorstellung unbekannt; wo sie ihm bewusst gemacht wird, sieht er in 
dem Symbol nur eine Spiegelung der verdrängten Vorstellung. Dagegen ist dem 
Psychotiker diese Verbindung meist von vorneherein bewusst, für ihn ist das 
Symbol das gleiche wie das Symbolisierte. 

Eine schizophrene Patientin mit vielen Beziehungsideen erklärte eines Tages, 
nicht mehr mit mir sprechen zu können. Nach dem Anlass gefragt, erwiderte sie, 
ich hätte mit meiner Hand durch meine Haare gestrichen, hätte also eine obszöne 
Gebärde gemacht, nämlich auf meinen Geschlechtsteil hingewiesen. So wäre es 
nur natürlich, dass sie nicht mehr mit mir sprechen wolle. 

An Hand solcher Beispiele wird es klar, dass die Symbole zur Wahnbildung 
verwendet werden. Ich meine, dieselbe Erklärung, die ich oben für das schizo- 
phrene Wort gegeben habe, gilt auch für die Symbolik; das hiesse aber, dass die 
Symbole ebenso wie das Wort dem Psychotiker dazu dienen, die Gefahrsituation 
von neuem zu bewältigen. Der letztgenannten Patientin zum Beispiel war die 
symbolische Darstellung des Geschlechtsteils durch die Kopfhaare bewusst, beides 
war für sie das gleiche. 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 147 



Man wäre hier versucht, sich doch der Meinung jener Forscher anzuschliessen, 
die den Tatbestand damit erklären, dass eine Beziehung, welche sonst nur un- 
bewusst besteht, hier ins Bewusstsein durchgebrochen ist. Dagegen sprechen 
aber folgende Erwägungen. Wenn die Abwehr gegen das Verpönte nachlässt, d.h. 
wenn das Unbewusste zum Bewusstsein durchdringt, müsste auch der Anlass 
zum Auftreten des Symbols wegfallen. Das ist aber keineswegs der Fall. Das 
Symbol, das bisher im Dienste der Abwehr verwendet wurde, scheint jetzt eine 
gegenteilige Verwendung zu finden; beim Auftreten eines Symbols wird sein 
sexueller Charakter überstark betont. Von einem Durchbruch des Unbewussten 
kann da kaum die Rede sein. 

Die Erklärung auf Grund des Restitutionsversuches scheint mir bessere Aussicht 
zu bieten. In der ersten Phase wird der unbewussten Beziehung zwischen Symbol 
und verpönter Vorstellung die Besetzung entzogen. In der zweiten Phase werden 
beide neu besetzt und einander gleichgestellt. Daher stammt der Wahncharakter. 
Man könnte mir entgegenhalten, dass mit dieser wahnhaften Symbolisierung die 
Gefahr nicht verschwunden ist. Das stimmt nicht ganz. Die Patientin kann jetzt 
einfach durch Schweigen die Gefahr beherrschen. 

Ebenso wie in der Schizophrenie wird auch im Witz die sexuelle Bedeutung des 
Symbols bewusst. Der Witz bringt aber Abgewehrtes zu Tage und ermöglicht 
das durch seine Form. Seine Tendenz ist also eine ganz andere als in der Schizo- 
phrenie. 

Neurose und Wahnidee können dem Wortlaut nach gemeinsame Inhalte haben. 
Ich hoffe schon in dieser vorläufigen Arbeit klar gemacht zu haben, dass diese 
Übereinstimmung nur eine äusserliche ist. Wenn ich das Resultat von noch 
folgenden Untersuchungen, welche alle auf dasselbe hinweisen, vorwegnehmen 
darf, so möchte ich behaupten: „Den Äusserungen des Neurotikers liegen ganz 
andere Mechanismen zu Grunde als den Wahnideen des Psychotikers". 

Es scheint, dass sich die Erkenntnisse der Neurosenlehre nicht ohne weiteres 
auf das Verständnis der psychotischen Mechanismen anwenden lassen. Man muss 
also sein Wissen über die Neurose zurückhalten können, um sich den Weg zum 
Verständnis der Psychosen freizumachen. 

Man könnte meinen, dass diese Ansicht einen Rückschritt zu dem psychia- 
trischen Standpunkt der voranalytischen Periode bedeutet. In der Psychiatrie 
herrschte damals die Meinung, dass die Unmöglichkeit der Einfühlung eine 
Schranke zwischen den neurotischen und psychotischen Erscheinungen aufrichte. 
Während aber die Psychiatrie bereit war, auf diesem Standpunkt stehen zu bleiben 
und sich mit Diagnosen und Klassifizierung zu benügen, meine ich durch die 
Beschreibung eines neuen Mechanismus einen Weg zur Erklärung für diese 
Schwierigkeit des Einfühlens gewiesen zu haben. 



148 M. Kutan 



II 

Zu Beginn meiner Abhandlung habe ich darauf hingewiesen, dass das Wort 
auch in den Krankheitszuständen der Manie verstärkte Bedeutung erhält und 
die Vermutung ausgesprochen, dass eine Untersuchung über die Rolle des Wortes 
in der Schizophrenie und Manie es uns ermöglichen würde, in die zentralen Prob- 
leme beider Krankheiten einzudringen. Alle bisherigen Untersuchungen der 
Manie pflegten immer von einem Vergleich mit der Melancholie auszugehen, 
während ich im folgenden versuche, Manie und Schizophrenie einander gegen- 
überzustellen und den Vergleich an Hand unserer Annahmen über das schizo- 
phrene Wort durchzuführen. Unsere bisher gewonnenen metapsychologischen 
Einsichten sind kurz zusammengefasst die folgenden: 

Im Zentrum des schizophrenen Prozesses steht der Konflikt, der zum Anlass 
wird, die Libido von der Aussenwelt zurückzuziehen. Ebenso bedeutungsvoll ist 
das Bestreben, sich der Aussenwelt von neuem zuzuwenden und eine Lösung des 
Konflikts zu finden. Bei Wiederbesetzung der Sachvorstellung muss das Ich den 
alten Gefahren wieder in ihrer früheren Stärke begegnen. Darum wird die Vor- 
stellung der Gefahr auf die Wortvorstellung verschoben und dort bekämpft. Das 
Denken steht dabei im Zeichen des Primärvorganges. Das Wort wird also zum 
Knotenpunkt, an dem Konflikt, Restitutionsversuch und Denkform gleichzeitigen 
Ausdruck finden. 

Unsere neue Aufgabe besteht darin, dieselben drei Elemente bei der Manie 
herauszuarbeiten, d.h. den zentralen Konflikt, das Streben nach Konfliktlösung 
und schliesslich die Denkform zu definieren. 

Bisher hat das letzte dieser drei Elemente, die Denkform, unter dem Namen 
„Gedankenflucht" in der klinischen Psychiatrie die grösste Beachtung gefunden. 
Ich folge zunächst der Auffassung meines Lehrers, Prof. G. Jelgersma, 
der dieses Thema in Anlehnung an andere Autoren ausführlich behandelt. 
Nach Jelgersma steht normaler Weise der Gedankengang unter der Führung 
der sogenannt höheren Zielvorstellungen, die auch das Handeln bestimmen. Diese 
Zielvorstellungen wirken hemmend auf den Einfluss anderer Assoziationen. 
Werden diese führenden Zielvorstellungen in ihrer Wirkung herabgesetzt, wie es 
in der Gedankenflucht der Fall ist, so entsteht als Folge eine Enthemmung, bei 
der sich Assoziationen niedrigeren Grades durchsetzen können. Diese Assozia- 
tionen niedrigeren Grades sind nach Eigenschaften der Gleichheit, Gleichzei- 
tigkeit und gleichem Gefühlston bestimmt. Das Wort spielt in ihnen eine grosse 
Rolle. Es soll z.B. der Begriff ,,Hund" geformt werden. Zwischen den verschie- 
denen Eigenschaften, die allen Hunden gemeinsam sind, wird eine feste Ver- 
bindung hergestellt und mit dieser das Wort „Hund" verbunden. Das Wort 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 149 



ist sozusagen ein algebraisches Zeichen für diese Qualitäten geworden. Je gründ- 
licher in der Gedankenflucht die führenden Zielvorstellungen zerfallen, desto loser 
wird die Verbindung zwischen diesen Eigenschaften. Das Wort „Hund" repräsen- 
tiert jetzt nicht mehr die Gesamtheit aller Qualitäten des Hundes, der Weg ist 
gekürzt, die Verbindung mit dem algebraischen Zeichen, dem Wort, kommt 
bereits zustande, wenn auch nur eine einzige Eigenschaft des Hundes berührt 
wird. Da der Weg zum Wort auf diese Weise ein viel kürzerer geworden ist, kann 
es eine viel grössere Rolle in der Gedankenflucht spielen. 

Diese Auffassung Jelgersma's steht zwar nicht auf dem Boden der Psycho- 
analyse, nähert sich aber der analytischen Metapsychologie in vielen Hinsichten 
ausserordentlich an. Das psychoanalytische Analogon zu den „höheren Zielvor- 
stellungen" Jelgersma's wäre die Auffassung, dass beim Zusammenwirken von 
Ich und Überich das Denken unter der Herrschaft des Realitätsprinzips vor sich 
geht und sich des Sekundärvorgangs bedient. Das Analogon zu den Assoziationen 
„niedrigeren Grades" wäre anderseits die Arbeitsweise des Unbewussten, der 
Primärvorgang. Freud zeigt in einer seiner letzten Arbeiten über „Konstruk- 
tionen in der Analyse", wie sich bei Rekonstruktion in der analytischen Arbeit 
oft nicht die gesuchte Erinnerung Bahn bricht, sondern etwas Nebensächliches, 
das gleichzeitig geschehen war. Wir nennen diesen Mechanismus des Primär- 
vorgangs eine Verschiebung. Ebenso gehören „Assoziationen nach dem Prinzip 
der Gleichheit" (ohne Rücksicht auf Gleichzeitigkeit) nach analytischer Auffassung 
dem Primärvorgang an. Die „Assoziationen nach dem Prinzip des gleichen Gefühls- 
tons" bezeichnen wir analytisch als Assoziationen unter der Herrschaft des Lust- 
prinzips, d.h. das Luststreben hinter dem Gedankengang ist hier für die Assoziation 
wichtiger als der Inhalt des Gedachten. Nach Jelgersma kommt also bei der 
Gedankenflucht der Primärvorgang zum Durchbruch, bei Vorherrschaft des 
Lustprinzips, eine Meinung, der wir uns von analytischer Seite voll anschliessen 

können. 

Dasselbe gilt für die Auffassung J e 1 g e r s m a ' s von der „Verkürzung des 
Weges zum Wort", die wir analytisch als Reduzierung der Sachvorstellungen 
bezeichnen, bei der das Wort Objektbedeutung bekommt. Möglicherweise 
entspricht das einer Regression in eine frühere Phase, in der das Wort für das 
Kind noch konkrete Bedeutung hat. 

Unsere erste Orientierung in der Manie ergibt also, dass das Wort zum Objekt 
geworden ist, dass die Form des Gedankenganges grösstenteils durch den Primär- 
vorgang bestimmt ist und dass das Lustprinzip vorherrscht. Von den drei 
Elementen, die wir zum Vergleich mit der Schizophrenie heranziehen wollten, 
fehlt hier nur der Konflikt. Nach Freud ist der Konflikt in der Manie der 
gleiche wie in der Depression. 






150 M. Katan 



Versuchen wir jetzt nach diesen Übereinstimmungen auch einige Unterschiede 
gegenüber dem schizophrenen Prozess festzustellen. 

Wir wissen, dass die Realitätsbeziehung in der Manie anders aussieht als in der 
Schizophrenie. Wir finden alle Übergänge von leichter Heiterkeit bis zu schweren 
manischen Zuständen. Wir finden beim normalen Menschen Reaktionen, die 
Andeutungen manischer Gedankengänge enthalten, und wissen nur zu gut, wie 
leicht diese Reaktionen durch Alkoholwirkung gesteigert werden können. Daraus 
ergibt sich aber, dass das Wort in der Manie nicht Wahncha- 
rakter hat, was allerdings schon aus der Auffassung hervorgeht, dass es sich bei 
der Manie nicht um einen Restitutionsversuch, sondern um ein Handeln im Sinne 
des Lustprinzips handelt. Hier scheidet sich unsere Auffassung von derjenigen der 
klinischen Psychiatrie. Letztere sucht die Ursache der Gedankenflucht in der 
heiteren Stimmung, während wir nach Freud sowohl die heitere Stimmung als 
auch die Gedankenflucht selbst als Ausdruck tiefer liegender Ursachen auffassen. 

Die Tatsache, dass es fliessende Übergänge von der manischen zur normalen 
Gemütsverfassung gibt, hat unser Wissen über die Manie nur wenig gefördert. 
Wir versuchen darum den Zugang nicht von der Seite des Normalen sondern, wie 
oben geschildert, im Vergleich mit einer so schweren Störung, wie die Schizo- 
phrenie es ist, zu finden. Bleiben wir fürs erste bei dem Formproblem (Gedanken- 
flucht). 

Die Form des Gedankenganges wird offenbar ausschliesslich durch die relative 
Stärke des Ichs gegenüber anderen, unbewussten Kräften bestimmt. Gelingt es 
dem Ich, die Vorherrschaft des Realitätsprinzips zu erhalten, so gelingt ihm auch 
die Verdrängungsleistung: Das Es bekommt keinen Einfluss auf die bewussten 
Gedankengänge, das Denken geht im Zeichen des Sekundärvorgangs vor sich. 
Reicht aber die Stärke des Ichs nicht aus, dann muss das Denken sich zum Teil 
der Herrschaft des Primärvorgangs unterwerfen. Wir kennen die Situationen, in 
denen das Ich dann aus der Not eine Tugend macht. Wenn zum Beispiel das Es 
eine symbolische Verschiebung erzwingt, dann benützt das Ich diese Verschiebung 
im Sinne der Abwehr und macht die unbewusste Absicht dadurch zunichte. 

Im Grunde müssen wir jeden Gedankengang, der in seiner Form vom Sekundär- 
vorgang abweicht, als eine Resultante zwischen Sekundär- und Primärvorgang 
auffassen, wobei das Ergebnis durch das soeben skizzierte Verhältnis der Kräfte 
bestimmt wird. Das verhältnismässig einfache Beispiel der Symbolisierung zeigt 
aber, dass es nicht auf rein ökonomische Verhältnisse ankommt, dass dem Ich 
immer noch eine Art Recht zusteht zu bestimmen, wie weit der Primärvorgang zur 
Anwendung zugelassen werden soll. 

Bei der Untersuchung der Gedankenflucht rechnen wir also mit der Möglichkeit, 
dass verschiedene für uns vorläufig noch unbekannte Tendenzen ihren Einfluss 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 151 

dabei geltend machen, wobei wir unentschieden lassen müssen, ob sie dem Ich 
oder dem Es zugehören. 

Wir holen uns aus der Traumlehre einen eigenartigen und wichtigen Beitrag. 
In den absurden Träumen wird das Element der Absurdität dazu benützt, um 
Hohn oder Spott auszudrücken. Ein bestimmter Traumgedanke, Spott über 
irgendjemanden, kommt im manifesten Traum nicht vor, manifestiert sich aber 
statt dessen in der Form des Traumes. Ich erinnere im gleichen Zusammenhang 
an Freuds Arbeit über den „Witz". Es gibt Witze, bei denen das Witzige nicht 
im Gedankeninhalt ausgedrückt ist, sondern in der Form, in die der Gedanken- 
inhalt gekleidet ist. 

Ich erinnere hier auch an die Arbeit Waelders über „Das Prinzip der 
mehrfachen Funktion". 1 Nach Waelder enthält die Lösung einer bestimmten 
Aufgabe gleichzeitig mehr oder weniger die Lösung von allen anderen in der 
Psyche anwesenden Aufgaben, was bedeutet, dass nicht allein der Inhalt sondern 
auch die Form an der Lösung der Aufgabe mitbeteiligt ist. Wir sehen aus dem 
Beispiel der Traumbildung, dass, wenn der Inhalt nicht imstande ist, eine bestimmte 
Lösung zu liefern, die Form diese Aufgabe allein übernehmen kann. Vielleicht 
haben wir damit einen wichtigen Schlüssel für das Verständnis der Gedankenflucht 
in die Hand bekommen: Eine bestimmte Tendenz kommt nicht 
im Inhalt sondern in der Form zum Ausdruck. Die Untersu- 
chung der Voraussetzungen, unter denen dieses Phänomen zustande kommt, sowie 
sein Vorkommen in der Gedankenflucht müssen wir noch aufschieben, bis wir 
an Hand anderer Gedankengänge Material dafür gesammelt haben. Immerhin 
können wir schon jetzt die Bedeutung der Form und eine indirekte Beziehung 
zwischen Form und Konflikt feststellen. 

Bei unserer Untersuchung über das schizophrene Wort ist die Bedeutung des 
formalen Ausdrucks noch nicht zu ihrem Recht gekommen. Wir konstatieren jetzt 
rückgreifend folgende Mitbeteiligung des Primärvorgangs an der Lösung der in 
der Schizophrenie gestellten Aufgabe. Der Restitutionsversuch sollte der Kon- 
fliktbewältigung dienen, wobei die Sachvorstellungen nicht mehr besetzt werden 
durften. Wir erkennen jetzt, dass das nur mit Hilfe des Primärvorgangs gelingen 
konnte, der sich vom Realitätsdenken völlig unabhängig macht. 

In Freud's Buch über den,, Witz" finden sich verschiedene Gedankengänge, 
die auch auf die Vorgänge in der Manie anwendbar sind. Dadurch, dass der 
Primärvorgang an Stelle des Sekundärvorgangs tritt, wird Energie erspart, die 
dann in Lust umgesetzt wird. Das ist besonders bei jener Gruppe von Witzen 
der Fall, die wir Wortspiele nennen. „Wir dürfen wirklich vermuten, dass damit 



1) Robert Waelder: Das Prinzip der mehrfachen Funktion, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 1930 



152 M. Kutan 



eine grosse Erleichterung der psychischen Arbeit gegeben ist, und dass wir uns 
bei der ernsthaften Verwendung der Worte durch eine gewisse Anstrengung von 
diesem bequemen Verfahren abhalten müssen. Wir können beobachten, dass 
krankhafte Zustände der Denktätigkeit, in denen die Möglichkeit, psychischen 
Aufwand an eine Stelle zu konzentrieren, wahrscheinlich eingeschränkt ist, 
tatsächlich die Wortklangvorstellung solcher Art gegen die Wortbedeutung in den 
Vordergrund rücken lassen, und dass solche Kranke in ihren Reden nach den 
.äusseren' anstatt nach den .inneren' Assoziationen der Wortvorstellung, wie die 
Formel lautet, fortschreiten." 2 

Bei dem schizophrenen Restitutionsversuch, der im Wort zum Ausdruck kommt, 
tritt keine Lust auf; der Konflikt muss offenbar mit einer möglichst geringen 
Energiemenge bemeistert werden. Bei der Manie scheinen die Verhältnisse anders 
zu liegen: hier entsteht Lust. 

Schon das Gesicht des Maniakus drückt lustvolle Stimmung aus. Kleine Falten 
an den lateralen Augenwinkeln und die Vertiefung der Nasolabialfalten mit 
Hochziehung der Mundwinkeln sind die mimischen Züge, welche sozusagen 
konstant bereit sind, in Lachen überzugehen. 3 

Freud macht eine äusserst wichtige Bemerkung über die erste Entstehung des 
Lachens, welche wir mit dem eben Gesagten in Beziehung bringen können. 
„Meines Wissens tritt die für das Lächeln bezeichnende Grimasse der Mund- 
winkelverziehung zuerst beim befriedigten und übersättigten Säugling auf, wenn 
er eingeschläfert die Brust fahren lässt. Sie ist dort eine richtige Ausdrucks- 
bewegung, da sie dem Entschluss keine Nahrung mehr aufzunehmen entspricht, 
gleichsam ein .Genug* oder vielmehr .Übergenug' darstellt. Dieser ursprüngliche 
Sinn der lustvollen Übersättigung mag dem Lächeln, welches ja das Grund- 
phänomen des Lachens bleibt, die spätere Beziehung zu den lustvollen Abfuhr- 
vorgängen verschafft haben."* 

Vielleicht erhalten wir hier einen wichtigen Hinweis auf die Herkunft der Lust- 
quantitäten in der Manie. Freud äussert über den Prozess der Witzbildung 
folgendes: ,,Ein vorbewusster Gedanke wird für einen Moment der unbewussten 
Bearbeitung überlassen und deren Ergebnis alsbald von der bewussten Wahrneh- 
mung erfasst." 5 Hierbei wird durch die Aufhebung von Hemmungen und 
Gegenbesetzungen eine bestimmte Menge Energie erspart. Beim Zuhörer wird 
eine entsprechende Menge Energie frei, die in Lachen umgesetzt wird. 

2) Gesammelte Schriften, Bd. IX, S. 135. 

3) Siehe auch E. Kris: Das Lachen als mimischer Vorgang, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXIV, 
1939. 

4) Ges. Sehr., Bd. IX, S. 164. 

5) Ges. Sehr., Bd. IX, S. 189. 



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Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 153 



Vernachlässigen wir für einen Augenblick die Tatsache, dass der Maniakus sich 
in einem völlig anderen Zustand befindet als derjenige, der einen Witz macht. 
Der Gedanke, den er ausdrückt, ist bei ihm nicht vorbewusst. Alle Autoren 
stimmen darin überein, dass in der Manie Regressionen zu oralen Fixierungen 
stattfinden. Im Zusammenhang mit dem Freu d'schen Gedankengang über die 
Entstehung des Lachens können wir die Vermutung aussprechen, dass der Ma- 
nische sich in einem Zustand lustvoller oraler Befriedigung befindet, eine Vermu- 
tung zu der R a d o auf einem völlig anderen Wege schon früher gelangt ist. 8 
Das heisst wir würden annehmen, dass die viel kompliziertere Realitätsein- 
stellung des Normalen einen viel grösseren Energieaufwand erfordert. Bei der 
Regression zu früh infantilen Fixierungsstellen wird Energie frei, welche dann 
die Lust liefert. In gleicher Weise vermutet Freud in „Trauer und Melan- 
cholie", dass bei dem Umschlag der Melancholie in Manie der Betrag der zum 
Narzissmus regredierten Libido für die Manie frei wird. 

Vergessen wir nicht daran, dass die Manie im Gegensatz zum Witz ein patholo- 
gischer Vorgang ist. Vielleicht ist in der Manie die totale verfügbare Energiemenge 
geringer als im normalen Zustand. Bei somatischen Veränderungen wären solche 
Unterschiede durchaus vorstellbar. 

Auch in einem anderen Sinne müssen wir uns vergegenwärtigen, dass der Witz 
eine normale Erscheinung ist; derjenige, der einen Witz macht, wendet sich dabei 
„voll" seiner Umgebung zu und wird von ihr vollkommen verstanden. 

Auch der Manische wendet sich seiner Umgebung zu. Man kann sich aber dem 
Eindruck nicht entziehen, dass der Kontakt ein viel schwächerer ist, in ernsteren 
manischen Zuständen ist der Kontakt mit der Umwelt jedenfalls schwer gestört. 
In den deliranten Phasen ist der Kontakt mit der Umwelt am stärksten gelockert. 
Während es zum Charakter des Witzes gehört, dass seine Wirkung sich auf mehrere 
Personen verteilt und das dazugehörige Lachen bei den Zuhörern entsteht, spielt 
sich die Manie vollkommen im Kreise der eigenen Persönlichkeit ab. 

Überlegen wir, was wir bisher an Einsichten für unsere drei Vergleichspunkte 
gewonnen haben. Neben gewissen Übereinstimmungen zwischen der manischen 
Ideenflucht und der schizophrenen Form des Denkens, haben wir Unterschiede 
zwischen beiden festgestellt, die wir dem Einfluss noch unbekannter Tendenzen 
zuschreiben müssen. Diese Tendenzen scheinen im Dienste des Lustprinzips zu 
stehen, von einer konnten wir vermuten, dass sie nach oraler Befriedigung strebt 
und offenbar orale Lustgewinnung zur Folge hat. 

Wir haben als Möglichkeit festgestellt, dass das Wort wie ein Objekt behandelt 
wird. Wie die Beziehung zwischen Wort und Sachvorstellung ist, üess sich noch 



6) Rado: Das Problem der Melancholie, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927. 



154 M. Kutan 



nicht feststellen. Es ist möglich, dass bei der Regression die Sachvorstellungen 
reduziert werden, dass ein Teil der freigewordenen Energie dem Wort zufliesst 
ein anderer für die Lust verwendet wird. 

Im Gegensatz zur Schizophrenie geht in der Manie der Kontakt mit der Aussen- 
welt nicht verloren, wenn wir auch aus klinischer Erfahrung wissen, dass er ge- 
schädigt wird. 

Der dritte unserer Vergleichspunkte, die Gefahrsituation und der Zusammenn 
hang dieser Gefahrsituation mit den oben erwähnten Tendenzen bleibt noch im 
Dunkeln. Wir versuchen im folgenden etwas mehr darüber zu erfahren. 

„Der Eindruck, dem bereits mehrere psychoanalytische Forscher Worte geliehen 
haben, geht dahin, dass die Manie keinen anderen Inhalt hat als die Melancholie 
dass beide Affektionen mit demselben Komplex ringen, dem das Ich wahrschein- 
lich in der Melancholie erlegen ist, während es ihn in der Manie bewältigt oder 
beiseite geschoben hat." 7 

Man scheut sich, diese auserordentliche Arbeit Freuds, aus der die Grund- 
lagen unseres Wissens über die Zustände von Trauer und Melancholie stammen 
kritisch zu analysieren. Aber Freud selbst wäre der erste zuzugeben, dass er 
über gewisse Dunkelheiten und Unsicherheiten noch nicht hinweggekommen 
ist, und jeden weiteren Schritt, der einer Klärung dienen könnte, zu begrüssen 
Es scheint mir, dass der von Freud beschriebene Krankheitszustand kein 
einfacher, sondern aus zwei verschiedenen Krankheitsbildern zusammengesetzt ist. 
Sie fallen aufeinander und sind nach Art einer Verdichtung als Einzelzustand 
beschrieben. Immerhin ist diese Verdichtung nicht weit genug gegangen, um nicht 
eine neuerliche Auseinanderlegung zu ermöglichen. 

Die Arbeit über „Trauer und Melancholie" ist einerseits ein Ausfluss aus 
F r e u d ' s Anschauungen über das Wort in der Schizophrenie und den in der 
„Metapsychologischen Ergänzungen zur Traumlehre" beschriebenen Mecha- 
nismen. Anderseits hat das Bild des melancholischen Vorgangs, das hier entworfen 
wird, nicht die schizophrene Wahnbildung zum Vorbild, sondern ist in Anlehnung 
an die Untersuchungen über die Mechanismen der Neurosenbildung entworfen 
Ich bemühe mich im folgenden den Unterschied zwischen beiden Zuständen so 
deutlich als möglich herauszuarbeiten. 

Freud wirft die Frage auf, in welchem System das Verlassen des Objekt vor 
sich geht. „Es spricht sich nun rasch aus und schreibt sich leicht nieder, dass die 
unbewusste (Ding-) Vorstellung des Objektes von der Libido verlassen wird."* 
Wir erkennen den Unterschied zwischen diesem Vorgang und dem bei der 



7) Trauer und Melancholie, Ges. Sehr., Bd. V, S. 548. 

8) Ges. Sehr., Bd. V, S. 550. 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 155 



Trauer. Bei der Trauer werden die Erinnerungen an das Objekt erst überbesetzt 
und dann allmählich aufgegeben, bei der Melancholie steht dieses Verlassen unter 
dem Einfluss des Ambivalenzkonflikts. „Diese Einzelkämpfe können wir in kein 
anderes System verlegen, als in das Ubw., in das Reich der sachlichen Erin- 
nerungsspuren (im Gegensatz zu den Wortbesetzungen)." 8 Diesem melancho- 
lischen Vorgang ist der Weg nach dem Vbw. versperrt. Nachdem die Objekt- 
besetzung aufgegeben ist, kann die Libido sich durch orale Regression ins Ich 
zurückziehen und wird dann bewusst. 

Wir haben bei der Untersuchung des Wortes in der Schizophrenie erfahren, 
dass eine Vorstellung, die ihre Besetzung verloren hat, so bedeutungslos wird als 
wäre sie nie vorhanden gewesen. Es ist nicht einzusehen, wie eine derart nicht 
besetzte Vorstellung Inhalt einer Identifizierung werden kann. Gerade das scheint 
sich aber zu ereignen. Vielleicht ergibt ein Rückgreifen auf den an der Schizo- 
phrenie gewonnenen Lösungsversuch die Antwort: Eine solche Identifizierung 
könnte nur auf Grund eines Restitutionsversuches erfolgen. Ich deute hier nur 
an, dass ich mich auf Grund dieser und ähnlicher Untersuchungen zu der Annahme 
entschlossen habe, dass der Vorgang des Restitutionsversuches nicht auf die 
Schizophrenie beschränkt ist sondern auch bei der Melancholie auftreten kann 
und hier ebenso wie dort der wahnhaften Bewältigung einer Gefahrensituation 
dient. Diese Annahme würde gleichzeitig den Wahncharakter der melancholischen 
Selbstbeschuldigung erklären. 

In seiner Beschreibung der Melancholie gibt Freud das folgende Bild des 
Minderwertigkeitsgefühls: „Die Herabsetzung des Selbstgefühles, die sich in 
Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äussert und bis zur w a h n haften 
Erwartung von Strafe steigert." 10 Nach Freuds Ansicht entsteht also der Wahn 
allmählich aus der Verstärkung der Selbstbeschuldigung. Nach der hier geäus- 
serten Anschauung drückt sich der Wahn bloss mit denselben Worten aus wie die 
neurotische Selbstbeschuldigung. 

F r e u d ' s Beschreibung der Paranoia führt uns zu einer Übereinstimmung mit 
dem eben Geschilderten. Auch bei der Paranoia gibt es neben der wahnhaften 
Eifersucht eine neurotische Form der Eifersucht, d.h. dass dieselbe Eifersuchts- 
äusserung durch einen wahnhaften und einen neurotischen Mechanismus deter- 
miniert ist. Das wäre die Analogie zur doppelten Anlage der melancholischen 
Selbstbeschuldigung. 

Jene Form der Melancholie, bei der im System des Unbewussten die Sach- 
vorstellung ihre Libidobesetzung verliert, bezeichnen wir als einen psychotischen 



9) Ges. Sehr., Bd. V, S. 551. Siehe auch S. 30 dieser Arbeit. 

10) Ges. Sehr., Bd. V, S. 536. 



10 Vol. 25 



156 M. Katan 



Prozess. Wo dieser Besetzungsabzug nicht in derselben Weise vor sich geht, haben 
wir es mit neurotischen Depressionen zu tun. Diese doppelte Form der Verur- 
sachung würde das Vorkommen aller möglichen Übergangsformen von der 
schwersten Abnormität bis zur Norm erklären. 

Ich versuche die Vorgänge in den Stadien der Depression auf folgende Weise 
zu beschreiben: Die Aggression gegen das Objekt kann nicht ausgelebt werden, da 
sonst eine Gefahrsituation entstehen würde. Um dieser Gefahr, Liebesverlust und 
Gegenaggression, zu entgehen, wird eine primäre Identifizierung vorgenommen. 
Dadurch ist zwar die äussere Gefahr beseitigt, aber an ihrer Stelle eine innere 
Gefahr geschaffen worden. Die Rückkehr zur primären Identifizierung wird von 
einer Entmischung der Triebe begleitet. Je stärker der Auseinanderfall von Aggres- 
sion und Libido fortschreitet, je mehr die Aggression dabei gegen das eigene Ich 
gewendet wird, desto höher steigt die Suicidgefahr. Wo keine spontane Besserung 
eintritt, bleibt als weitere Entwicklungsmöglichkeit nur der Umschlag in Melan- 
cholie oder Manie, d.h. jetzt kann eben, wie es uns von der Schizophrenie her 
bekannt ist, die Gefahr durch Besetzungsrückzug bewältigt werden. Da die 
Gefahrsituation aber aus Vorstellungen zusammengesetzt ist, die an der Struktur 
aller drei Instanzen teilhaben, bedeutet das, dass Teile von Ich, Uberich und Es 
ihre Besetzung verlieren. Schliesslich kann diese Gefahrsituation von neuem auf 
wahnhafte Weise bewältigt werden. Dann tritt also eine Melancholie auf. Vorn 
Restitutionsversuch in dieser Melancholie hebe ich nur das eine Detail hervor, 
dass eine aufgegebene Objektbeziehung an dem Verhältnis vom Uberich zum 
Ich wieder hergestellt wird. Das Verhältnis Uberich — Ich ist damit wahnhaft 
geworden. Ich übergehe die Beschreibung der anderen Erscheinungen dieses 
Restitutionsversuches in einem (noch nicht publizierten) Vortrag, die ich auf dem 
Marienbader Kongress ausführlich behandelt habe, um mich hier der zweiten 
Verarbeitungsmöglichkeit der Depression, dem Umschlag in Manie, zuzuwenden. 
Die Manie steht vor derselben Aufgabe wie die Melancholie, nämlich vor der 
Bewältigung der identischen Gefahr. Der Unterschied zwischen dem Auftreten 
einer Manie und dem Ausgang in eine melancholische Psychose scheint darin zu 
liegen, dass die Libidobesetzung nicht von der Gefahrsituation abgezogen wird, 
also der Kontakt mit der Aussenwelt erhalten bleibt. Vielleicht sind wir mit dieser 
Einsicht der Grundtendenz der manischen Reaktion auf die Spur gekommen. 

Als einziger Vergleichspunkt mit der Schizophrenie, den wir noch nicht in 
unsere Untersuchung einbezogen haben, bleibt jetzt die Gefahrsituation übrig. 
Es ist keine Frage, dass in der Entstehung und Ausbreitung der Gefahrvorstellung, 
auf die ich hier weiter nicht eingehe, grosse Unterschiede bestehen; daneben gibt 
es weitgehende Übereinstimmungen. Auch bei der manisch-depressiven Psychose 
wird durch den Abzug der Besetzung der Kontakt mit der Aussenwelt in grossem 



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Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 157 



Umfang gestört und bedeutende Anteile der psychischen Instanzen geopfert. Der 
Restitutionsversuch bei der Melancholie hat aber eine andere Aufgabe zu be- 
wältigen als bei der Schizophrenie und führt dadurch zu einem anderen Resultat. 
Weitere Ausführungen darüber gehören in dem Rahmen einer vergleichenden 
Studie der Äusserungsformen des Restitutionsversuches. 

Für uns ist nun ein wichtiger Unterschied klar geworden. Sowohl in der Schizo- 
phrenie wie in der Melancholie wird die Libidobesetzung von der Gefahrsituation 
zurückgezogen; es ist die Aufgabe des Restitutionsversuchs, sie von neuem zu 
besetzen und zu bewältigen. In der Manie geschieht keines von beidem, so dass 
der Kontakt mit der Realität aufrechterhalten bleibt. Daraus ergibt sich, dass die 
Rolle des Wortes in diesen verschiedenen Krankheitszuständen eine verschiedene 
ist. Wenn aber unsere Vermutung recht hat, dass das Wort auch in der Manie 
Objektbedeutung bekommt, so würde ich für diese Verhältnisse folgende einfache 
Formulierung vorschlagen: „In der Schizophrenie wird die Aus- 
senwelt am Wort restituiert, in derManie wird mit Hilfe 
des Wortes noch an der Aussenwelt festgehalten." 

Wir entnehmen der Untersuchung des Introjektionsvorganges bei der De- 
pression noch weitere Hinweise auf die Gefahrsituation, die der Manie zu Grunde 
liegt. Wir haben gehört, dass das Objekt einverleibt und durch die Wendung der 
Aggression gegen das eigene Ich eine äussere Gefahr in eine innere verwandelt 
wird. Das Ich fühlt jetzt das Bedürfnis, sich so schnell wie möglich von dem ihm 
gefährlichen Objekt zu befreien. Durch Veräusserlichung des Objekts ergäbe sich 
aber nur eine Rückkehr zu der vorher bestandenen Gefahrsituation. Was tut nun 
die Manie, um diesen gefährlichen Zirkel zu durchbrechen? 

Der nun folgende Gedankengang entstammt einem langjährigen Studium von 
Psychosen. Ich war schon vor langer Zeit der Überzeugung, dass die Manie einer 
doppelten Absicht dient, einerseits der Abwehr nicht weiter in psychotische 
Zustände zu verfallen, anderseits dem Versuch eine Restitution herbeizuführen. 
Die psychotischen Zustände, die abgewehrt werden, sind sowohl Melancholie wie 
Schizophrenie. Das Auftreten von Halluzinationen und Verfolgungsideen in der 
Manie entspricht einem Misslingen dieser Absicht. Aber selbst dann bleibt der 
Grundcharakter der Manie erhalten, die anderen psychotischen Erscheinungen 
sind meistens vorübergehend, zumindest wird der Prozess der schizophrenen 
Degeneration sehr verlangsamt oder aufgehalten. Der Grundcharakter der Manie 
setzt sich auch darin durch, dass eine „wirkliche" Restitution zustande kommt. 
Dasselbe sehen wir in der Melancholie, wenn sie mit Übergang in Manie ausheilt, 
ein Phänomen, von dem Freud's Auffassung der Manie ihren Ausgang nimmt. 
Es stimmt auch z.B. für die Dementia paralitica, dass die manische Form die beste 
Chance auf Remissionen hat. 



158 M. Kutan 



Zu diesem Eindruck allgemeiner Art füge ich noch zwei mehr spezielle Ein- 
drücke hinzu, die ich teils aus Analysen, teils aus der Psychosenbeobachtung 
gewonnen habe. Ich habe ausgeführt, dass das Wort Objekt Charakter erhält; das 
Objekt, das durch das Wort dargestellt wird, ist die Mutterbrust. Der zweite und 
vielleicht noch wichtigere Eindruck ist, dass neben den oralen Erscheinungen 
auch solche urethraler Art die grösste Rolle spielen. Ich versuche im fol- 
genden eine Beschreibung solcher oraler und urethraler Faktoren, um erst später 
ihre Verwendung in der Gefahrsituation zu untersuchen. 

Eine Patientin mit zyklischen Erscheinungen berichtet mir in einer Analysen- 
stunde, dass es eigentlich nicht darauf ankommt, was sie spricht. Wenn sie auch 
die Wahrheit erzählt, dann sei diese doch für mich nicht brauchbar. Sie sagt 
wörtlich: ,,Es geht nicht darum, was ich sage, sondern wie ich es sage, es ist, als 
ob das Wort durch das Aussprechen anders würde. Es kommt von oben (sie zeigt 
auf ihren Scheitel), geht dann auf allerlei Wegen nach unten, kommt dann rück- 
wärts in meine Kehle und wenn es ausgesprochen ist, ist der Kern draussen. E s 
ist versteift und eingeschrumpft. Der Saft ist draussen, es ist eingetrocknet." f3 a 
sie kurz vorher über ein Kind an der Brust gesprochen hatte, lag es auf der Hand 
ihr die Deutung zu geben, dass das Wort die Brust darstellte, die sie nur abgeben 
wollte, nachdem sie sie leer getrunken hatte. 

In diesem Sprechen hat das Wort eine andere Rolle bekommen. Es gibt nicht 
mehr vorherrschend den Inhalt wieder, sondern hat selbst eine Bedeutung bekom- 
men; es muss die Brust darstellen. 

Erinnern wir uns an das Zitat Freu d's, dass die Brust dann erst losgelassen 
wird, wenn der Säugling gesättigt ist und durch ein Lächeln sein Wohl- 
befinden kundgibt. Daraus folgt, dass in unserem Beispiel die Sättigung noch 
nicht erreicht ist, da das Wort ( = Brust) noch nicht aus dem Munde losgelassen 
wird. Vom Auftreten eines Ausdrucks der Befriedigung kann noch nicht die Rede 
sein. 

Bei einem Patienten, der an Depressionen litt, konnte nach langer Analyse 
nachgewiesen werden, dass hinter dem Zusammengehörigkeitsgefühl mit den 
andern Kindern, eine frühere Phase gewesen war, in der er sehr neidisch auf die 
Jüngern war, als sie die Brust bekamen. Die Aggression diesen gegenüber hatte 
sich dann auf die Mutter verschoben. Durch diese Verschiebung wurde die Aggres- 
sion noch gesteigert, die schon immer gegen die Mutter gerichtet war, weil sie ihm 
nicht genug die Brust gegeben hatte. Dies kam noch in seiner Hemmung beim 
Sprechen zur Geltung, wobei er die Worte zurückhielt. Diese Hemmung schlug 
beim Alkoholgenuss ins Gegenteil um. Sobald er mit Alkohol befriedigt war 
konnte er die Worte mühelos geben. Ja, er konnte dann selbst nicht aufhören zu 
sprechen. Es wurde ein Strom, den er selbst mit dem Urinstrom verglich. 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 159 

Das zweite Beispiel kommt so häufig vor, dass es wohl von fast jedem Analytiker 
bestätigt werden kann. 

Auch hier finden wir, dass bei der Hemmung die Worte zurückgehalten werden 
aus der Verstimmung nicht genug die Brust bekommen zu haben. 

Die Befriedigung wird künstlich durch den Alkohol verursacht. Sonst liegt beim 
Umschlag einer Depression in eine Manie die Ursache anders, aber das Resultat 
ist das Gleiche. Durch die Lustentwicklung, die also der Ausdruck der Sättigung 
ist, wird die Hemmung aufgehoben. Jedoch sind wir auch jetzt noch nicht zu 
Klarheit gekommen und in unserem scheinbar so einfachen Beispiel sind schon 
wieder neue Schwierigkeiten aufgetaucht. Denn beim Umschlag in eine Manie 
ist etwas Anderes hinzugetreten. Statt eines normalen Sprechens ist ein Rededrang 
entstanden, und dieser hat immer die Bedeutung des Urinstromes. Es wird uns 
klar, dass in der Manie ein neues Element, dass wir bis jetzt noch nicht kannten, 
hinzugekommen sein muss. 

Bevor ich darauf eingehe, muss ich noch die Aufmerksamkeit auf die Aggression 
lenken. In unserem Beispiel war diese in der Redehemmung verarbeitet. Offenbar 
wird sie beim Umschlagen in Manie auf noch nicht näher anzugebende Weise 
unschädlich gemacht. Verschwunden kann sie nicht sein, da sie bei einem bestimm- 
ten Typus, der Zorn-Manie, beim geringsten Anlass schon hervorzurufen ist. 

Ein ungewöhnliches Beispiel, das sowohl die Stärke der zu verarbeitenden 
Aggression, als sein Ziel die Vernichtung der Brust, darstellt, ist das Folgende. 
Der Patient, ein Maurer, sehr stark an seine Mutter gebunden, der Vater 
gestorben, die Mutter mehr dem zweiten, tüchtigeren Bruder zugewendet. Mit 19 
Jahren, nach der Einberufung zum Militär ein erster manischer Anfall, von einem 
Faxensyndrom begleitet, der ohne Spuren zu hinterlassen vorübergeht. Zehn 
Jahre nach dem ersten Anfall, nach dem Tod der Mutter heiratet er. Ein Ver- 
wandter der Frau kommt von weit her zur Hochzeitsfeier, soll einige Tage bei dem 
jungen Paar wohnen. Unmittelbar nach der Eheschliessung tritt ein Erregungs- 
zustand ein, er schlägt seine Frau. Der Verwandte muss auf sein Verlangen hin 
das Haus verlassen. Der Anfall verläuft sonst wie das erste Mal. 

Nach der Entlassung aus der Klinik wird die Frau schwanger. Je näher die Zeit 
der Geburt rückt, desto bedrückter ist er, er kann sich nicht dazu bringen, das Kind 
bei der Gemeinde anzumelden, überlässt das anderen. In einer Nacht sagt er zu 
seiner Frau die merkwürdigen Worte: „Nun habe ich dich tief unglücklich ge- 
macht." Im übrigen wenig auffallend, arbeitet ungestört. Als das Kind 6 Wochen 
alt ist, geht er an einem Samstag wegen eines unschuldigen Hautausschlages zum 
Arzt. Es wird zur Arbeit zu spät, er kehrt statt dessen nach Hause zurück, erzählt 
seiner Frau, was der Arzt gesagt hat. Wie die Frau spielend das Kind aufhebt, um 
es nach dem Ticken der Wanduhr horchen zu lassen, nimmt er plötzlich ein Brot- 



160 M. Katan 



messer vom Tisch und bringt seiner Frau mehrere Stiche in die Brust bei (die 
Verletzungen sind ernsthaft genug, dass die Frau 5 Wochen auf der chirurgigischen 
Klinik zur Behandlung liegt). Der manische Anfall ist diesmal leider ausgeblieben. 
Am dritten Morgen nach der Aufnahme in die Klinik zeigt er aber dasselbe Bild 
wie die vorigen Male. Er ist wieder derselbe harmlose Narr, nimmt Wasser in 
den Mund, droht mich anzuspucken etc. 

Zu den Gemeinsamkeiten der drei Anfälle: Das erste Mal muss er Bruder und 
Mutter alleine zu Hause lassen; das zweite Mal nimmt seine Frau trotz der Inti- 
mität der ersten Ehetage einen Verwandten ins Haus; das dritte Mal tritt der 
Konkurrent in Gestalt seines kleinen Sohnes auf. Beim ersten Anfall fehlt die 
Gelegenheit, gegen die Mutter aggressiv zu werden; bei Beginn des zweiten Afalles 
ist die Aggression gegen die Frau bereits deutlich; der dritte Anfall bringt die 
Impulshandlung, die offenbar schon längere Zeit vorbereitet ist. Wir dürfen 
annehmen, dass der nächtliche Ausspruch sich auf einen Traum bezieht, in dem 
er die aggressive Handlung gegen die Frau bereits ausgeführt hat. 

Der Fall demonstriert in aller Deutlichkeit, dass die Aggression gegen die Brust 
gerichtet ist; das Aufheben des Kindes erweckt offenbar die Vorstellung, die Frau 
würde es an die Brust nehmen. Aus dem dadurch erregten oralen Neid entspringt 
die Tat. Wir dürfen annehmen, dass ein früherer Eintritt des manischen Anfalls 
den Aggressionsausbruch erspart hätte. 

Es erscheint mir, dass in diesen drei Beispielen der orale Faktor, d.h. nicht der 
Ödipuskomplex sondern die Beziehung des Kindes zur Mutterbrust die grösste 
Rolle spielt, was offenbar für die Manie charakteristisch ist. Die auftretende Lust 
im Anfall lässt vermuten, dass die angestrebte Befriedigung erreicht wird. Aber wir 
verstehen vorläufig noch nicht, wie das zustandekommt, wieso die Lust so intensiv 
ist, warum ein Rededrang entsteht und wie wir uns die Verarbeitung der Aggres- 
sion vorzustellen haben. Das Dunkel, das über diesen Fragen liegt, lässt uns nach 
anderen, mitbeteiligten Faktoren forschen, z.B. nach der Rolle des urethralen 
Faktors, dessen Bedeutung für den Rededrang sich schon erwiesen hat. Wir 
dürfen annehmen, dass die Intensität der Lust durch Zuflüsse aus urethraler 
Quelle gesteigert wird. Da beim Umschlag in Manie die Stimmungsänderung 
einer der auffälligen Charaktere ist, können wir jetzt schon die Vermutung aus- 
sprechen, dass der hinzugetretene neue Faktor nicht nur zu dem Rededrang, 
sondern auch zu der Lust bedeutend beiträgt. In der Klinik ist es mir allmählich 
aufgefallen, dass manische Patienten viel mehr mit ihrem Harn als mit ihrem Kot 
spielen. So urinierte eine Patientin in ihre Teetasse, eine andere wieder konnte 
keiner Verlockung eines Wasserhahns widerstehen, ohne mit dem Wasserstrahl zu 
spielen usw. Man bekommt den Eindruck, dass der Reiz zu urinieren bei der 
Manie erhöht ist. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Untersuchungen 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 161 



von Prof. W i e r s ra a, auf die ich später noch eingehen werde. Die Schwierigkeit 
liegt darin, dass die klinische Beobachtung wechselnde Bilder ergibt. Die Erschei- 
nungen der Urethralerotik sind das eine Mal deutlich, fehlen ein anderes Mal 
gänzlich. Nur beim Redearang ist die urethrale Bedeutung des Sprechens immer 
vorhanden. Ich schliesse daraus, dass der krankhafte Vorgang sich häufig von der 
urethralen Zone selbst bereits gelöst und ins Psychische verschoben hat. 
Wir kennen solche Verschiebungen auf anderen Gebieten, so z.B. wenn der 
Charakter deutliche Spuren von Abwehr der Analerotik zeigt, währen die analen 
Prozesse selbst schon wieder störungsfrei sind. (Im Holländischen kennen wir 
Ausdrücke wie: eine „klaterende" = plätschernde Stimme; eine „fliessende 
Sprache"; „spraakwater" = viele Worte zu seiner Verfügung haben.) 

Auch in vielen Neurosen hat die Sprache eine urethrale Bedeutung. Aber die 
dazugehörige Lust ist der Verdrängung zum Opfer gefallen. Nun ist das Auffällige, 
dass in der Manie die urethrale Lust frei verfügbar ist, eine Tatsache, 
auf die ich später noch zurückkommen werde. 

In den ersten Lebensmonaten scheint die Verbindung zwischen oralen und 
urethralen Vorgängen fester geknüpft zu sein. Nach der Sättigung tritt meistens 
Urinieren auf. Wir wissen, dass das Lachen, das F r e u d als einen Abkömmling 
des Lächelns nach der oralen Befriedigung auffasst, auch noch im späteren Leben 
mit Harndrang, ja selbst einer Inkontinenz einhergehen kann. Im Holländischen 
ist „ik pis in mijn broek (=Hose) van het lachen" ein geläufiger Ausdruck. 

Der Harn hat jedoch in der Manie noch eine andere Bedeutung. Ein Patient mit 
hypomanen Zügen hatte lange Zeit hindurch an Bettnässen gelitten. „Obgleich 
seine Mutter nichts sagte, las er ihre Abneigung in ihrem Blick, wenn er es getan 
hatte. Und doch nässte er das Bett ,um sie'. Sie hätte jedoch lieber einen .trockenen 
Jungen' gehabt. Das Bettnässen war so lustvoll, was durch die Wärme des Harns 
noch erhöht wurde. Als Kind träumte er wiederholt, auf dem warmen Körper 
seiner Mutter zu liegen und erwachte dann nass." 

Nicht nur die inzestuöse Einstellung zu seiner Mutter wird hier deutlich, sondern 
es kommt, wie aus dem Traum hervorgeht, seinem eigenen Harn wie der Wärme 
des Mutterleibes dieselbe Bedeutung zu; der Harn ist als Objekt auf- zufassen. 
Dies wird noch klarer im folgenden Beispiel: Der Vater eines anderen Patienten 
war in seiner Kindheit beruflich längere Zeit abwesend. Als der Patient 6 Jahre 
alt war, starb seine Mutter während so einer Abwesenheit. Das Verlangen nach 
seiner Mutter blieb bei ihm bestehen. Er konnte es dadurch stillen, dass er Urin 
in den Penis kommen Hess, wobei er Sorge tragen musste, keinen Tropfen zu 
verlieren. Obzwar der Patient keine manische Reaktionen zeigte, können wir 
dieses Beispiel heranziehen, um daran zu zeigen, dass der Harn ein Objekt vertritt 
iind seine Ausscheidung den Verlust des Objektes bedeuten würde. 



11 Vol. 25 



162 



M. Katan 



Wir sind hier auf eine überraschende und nicht zu erwartende Tatsache gestos- 
sen. Das Objekt kann auf urethralem Wege unter Lustent- 
wickelung ausgeschieden werden. Das Ganze kann dann 
eine Verschiebung auf die Sprache erfahren. Abraham hat 
darauf hingewiesen, dass die Ausscheidung des introjizierten Objektes auf analem 
Wege erfolgt. Ich glaube, dass das bei Depressionen der Fall ist, bei denen Diar- 
rhoeen mit Obstipationen abwechseln. An dem melancholischen Zustand wird 
dabei jedoch nichts geändert. Konstatieren wir zunächst die Tatsache, dass das 
Ich in der Manie das Objekt durch den urethralen Vorgang immer wieder lustvoll 
ausscheiden kann. In der Depression leidet das Ich unter der Introjektion, die es 
selbst zustande gebracht hat. Während die Aggression in der Manie lustvoll ver- 
wendet wird, ist das in der Depression nicht der Fall. 

Es erhebt sich die Frage, welche Vorteile an den Umstand gebunden sind, dass 
in der Manie der urethrale an Stelle des analen Weges zur Ausscheidung gewählt 
ist. Man könnte 2 Hauptpunkte anführen: a) Der Vorgang ist von kürzerer Dauer 
geworden, da der lange Weg über den Darm vermieden ist und das Objekt viel 
schneller ausgeschieden werden kann. Es ist allgemein bekannt, dass bei Genuss 
von Excitantia der Prozess beschleunigt ist, viel und in kurzen Zeiträumen uriniert 
wird. (Siehe später.) Experimentelle Untersuchungen von Prof. E. W i e r s m a 
haben nachgewiesen, dass aufgenommene Flüssigkeiten in der Manie viel rascher 
als in der Depression ausgeschieden werden. 11 
Wiersma hat Melancholiker und Maniker 
„morgens um 7 Uhr 1500 ccm lauwarmen Tee 
trinken lassen, nachdem 3 Tage vorher alle 
Patienten eine gleiche Flüssigkeitsmenge zu sich 
genommen hatten. Die Patienten blieben im Bett, 
und jede halbe Stunde, zum ersten Male um halb 
acht, wurde der Harn aufgefangen." b) Die 
urethrale Lust dauert viel länger und ist deshalb 
geeignet in einem kontinuierlichen Zustand ver- 
wendet zu werden. Hiezu ein Beispiel: ?* e 8j 9 9j io ioj" 

Eine frigide Patientin gönnte ihrem Mann den Erfolg nicht, ihr einen Orgasmus 
zu verschaffen. Sobald er sie berührte, bekam sie Harndrang. Als das erste Mal 
beim Coitus vaginale Empfindungen auftraten, waren diese noch stark von 
urethraler Tendenzen beeinflusst. Der Orgasmus erreichte nicht den Höhepunkt 
aber sie hatte das Bedürfnis immer wieder befriedigt zu werden. 




11) E. Wiersma: Die Psychologie der manisch-depressiven Psychose. Psych, en Neurol 
Bladtn, 1933, S. 438. ' 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 163 

c) Die Wärme des Harns bringt die Sensation des warmen Körpers der Mutter 
mit sich, die einstmals an der Brust erlebt wurde. 

Durch diese Überlegungen werden wir in der Meinung bestärkt, dass in der 
Manie der Akzent auf die lustvolle urethrale Ausscheidung fällt. 

Der manische Affekt stellt sich demnach aus oralen und urethralen Kompo- 
nenten zusammen. Beim Umschlagen einer Depression in eine Manie findet eine 
Verschiebung von Oral-Anal nach Oral-Urethral statt, wobei die Konsistenz des 
introjizierten Objektes von fest in flüssig übergeht. 

Wie können wir diese Funde mit der Gefahrsituation in Verbindung bringen? 
Wir stellten früher die Frage, an welcher Stelle die Manie eingreife, in der Phase, 
wo die Gefahr durch den Konflikt mit der Aussenwelt entsteht, oder in jener, wo 
die Aggression nach innen gewendet ist und das eigene Ich bedroht. Bei weiterer 
Überlegung wird uns klar, dass diese Frage falsch gestellt war; es handelt sich nicht 
um ein entweder- oder, sondern um ein sowohl als auch. 

Beginnen wir mit der Frage, ob die urethrale Ausscheidung eine wesentliche 
Änderung in den Zustand bringt. Früher haben wir festgestellt, dass in der Depres- 
sion die (anale) Ausscheidung des Objektes deshalb keine Erleichterung bringen 
konnte, weil die äussere Gefahrsituation der Depression nicht geändert war und 
wiederum eine Introjektion folgen musste, um diese zu bekämpfen. Die urethrale 
Ausscheidung hebt zwar die innere Gefahr auf, aber so weit wir sehen können, 
bleibt auch hier die äussere Gefahrsituation noch dieselbe, d.h., dass auch jetzt 
in der Manie wieder introjiziert werden muss. 

Hier können wir die klinische Tatsache anwenden, dass der Mechanismus 
Aufnahme-Ausscheidung der Flüssigkeit in der Manie beschleunigt ist. Das ein- 
verleibte Objekt kann den Körper durch die Urethra rasch und lustvoll wieder 
verlassen, um dann von Neuem in der Aussenwelt vorhanden zu sein. Die Intro- 
jektionen folgen dadurch sehr schnell aufeinander. 

Aus den Beispielen haben wir erkannt, dass in der Manie eine erhebliche Menge 
von Aggression unschädlich gemacht werden muss, und wir verstehen jetzt, wie 
das vorsichgeht. Zum Teil kann die Aggression bei der Einverleibung unter- 
gebracht werden. Durch das so schnelle Passieren der einverleibten Objekte durch 
den Körper, bekommt die Aggression keine Möglichkeit sich nach innen zu 
wenden. Die noch nicht verbrauchte Aggression leistet nun Dienste bei der 
Ausstossung des Objektes. 

Wieso die Stärke der Aggression ermässigt wird, kann uns klar werden, wenn 
wir das Auftreten der Lust beim oralen und urethralen Vorgang zur Erklärung 
heranziehen. Der orale Prozess hat, wie wir gesehen haben, auch eine lustvolle 
urethrale Bedeutung bekommen und dadurch wird die Lust an der oralen Zone 
gesteigert. Nun haben wir wiederholt erwähnt, dass eine orale Befriedigung auf 



164 M. Kutan 



eine Sättigung hinweist. Beim Säugling bedeutet die Sättigung, dass die Brust 
losgelassen wird. Auf den manischen Prozess bezogen, heisst das, dass die Sättigung 
nicht mehr von Introjektionen gefolgt zu werden braucht. Da in den Introjektionen 
und den Ausscheidungen die Aggression zum Ausleben kam, so bedeutet der 
Zustand der Sättigung eine Bindung der Aggression. Wir müssen uns dabei ver- 
gegenwärtigen, dass nicht sofort alle Aggression gebunden sein kann. Die Manie 
dauert so lange, bis das der Fall ist. Wir wissen schon, dass die urethrale Lust 
sich besonders eignet, für diesen kontinuierlichen Zustand verwendet zu werden. 
Sie kennt keinen Höhepunkt und deshalb fehlt ihr auch der Charakter des jähen 
Abbruchs wie wir ihn beim genitalen Orgasmus finden. 

Es ist klar, dass der orale Vorgang die äussere Gefahr bekämpft, welche durch 
die gegen die Umgebung gerichteten aggressiven Strebungen entstanden war. 
Da das Ganze sich auch am Essen äussert, ist in der Manie auch die Esstörung 
aufgehoben. Im Psychischen verrät sich die gleiche Phase durch den „Objekt- 
hunger". Was man dabei für genitale Sexualität hält, ist in Wirklichkeit 
Ausdruck praegenitaler Strebungen. 

Der manische Mechanismus setzt also an zwei verschiedenen Stellen an, einer- 
seits bei der urethralen Ausscheidung, anderseits bei der Einverleibung durch 
den Mund. Die Wirkung dieser beiden Anteile kombiniert sich miteinander, di e 
Manie verhütet einerseits ein weiteres Herabsinken in psychotische Zustände und 
strebt anderseits nach Restitution. Je nach der Gefahrsituation, die bekämpft 
werden soll, treten in den verschiedenen manischen Reaktionen die beiden Anteile 
wechselnd in den Vordergrund. Der urethrale Ausscheidungsmechanismus wird 
überall dort deutlich, wo die innere Gefahr zu einem Abzug der Besetzungen von 
innen führt, also ein weiteres Versinken in Psychose droht. Der orale Anteil, der 
gegen die äussere Gefahr gerichtet ist, und dessen Aufgabe es ist, die Aggression 
zu binden, muss überall dort verstärkt werden, wo durch irgendeine Kränkung 
eine Situation der Unbefriedigung entsteht und Aggression hervorgerufen wird. 
Wenn die Befriedigung sich durchgesetzt hat, verschwindet die Aggression, die 
primäre Identifizierung kann wieder verlassen werden und kompliziertere, norma- 
lere Beziehungen an ihre Stelle treten. Damit erhalten die Sachvorstellungen ihre 
Besetzung zurück, und das Wort verliert gleichzeitig seine Uberbedeutung. I n 
diesem Vorgang äussert sich also die andere Seite des Grundcharakters der Manie 
ihr Streben nach Restitution der normalen Beziehungen. 

Wenn wir jetzt zu den vorhin offen gelassenen Fragen nach Intensität der Lust, 
Verarbeitung der Aggression und Verursachung des Rededrangs zurückkehren, 
können wir sie wie folgt beantworten: Die Steigerung der Lust entsteht aus der 
Verschiebung urethraler Komponenten auf die orale Zone; die Verarbeitung der 
Aggression geschieht einesteils bei den Einverleibungs-, anderenteils bei den 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 165 



Ausscheidungsprozessen. Der Rededrang entsteht dadurch, dass der ganze eben 
geschilderte Prozess vom Körperlichen auf die Sprache verschoben wird. Das 
Wort wird als Objekt behandelt, das In-den-Mund-nehmen des Wortes hat Intro- 
jektionsbedeutung, das Aussprechen bedeutet die Ausscheidung. Der Rededrang 
erklärt sich aus diesem Druck von zwei Seiten, vom Oralen wie auch vom Ure- 
thralen her. Der ganze Vorgang, der leichte Verschiebbarkeit der Energie zur Vor- 
aussetzung hat, steht unter der Herrschaft des Primärvorganges. 

Dieser Restitutionsversuch der Manie unterscheidet sich von den Restitutions- 
versuchen in Form von Wahnbildungen dadurch, dass in ihm mit Hilfe des 
Lustprinzips das Realitätsprinzip wieder führend wird, ein Prozess der sich am 
leichtesten in der Sprache aber weitergehend auch an der Veränderung der Hand- 
lungen des Patienten nachweisen lässt. 

Abraham hat schon das „lustvolle Aufnehmen neuer Eindrücke" sowie ein 
„ebenso rasches und lustbetontes Wiederausstossen des kaum Aufgenommenen" 
hervorgehoben, sowie das Vorkommen dieser Erscheinungen im „ideenflüchtigen 
Rededrang". Er sagt dabei, dass die Objekte „im eiligen Tempo durch den 
psychosexuellen Stoffwechsel des Kranken durchgehen". 12 

A b r a h a m hat hier in kurzen Worten das Wesentliche der Ideenflucht wieder- 
gegeben, was ich durch meine eigenen Feststellungen bestätigen und erweitern 
konnte. Abraham bezieht sich aber ausschliesslich auf anale Einflüsse bei der 
Manie und auf die Kotbedeutung der Worte. Wenn ich seine Auffassungen auch 
nicht bezweifle, so lege ich doch den stärkeren Nachdruck auf die urethrale Seite, 
die ich von entscheidender Bedeutung für die Manie ansehe. (Im Wiener Dialekt 
sagt man von einem Vielredner, er hätte eine „Mauldiarrhoe"; aber auch hier 
scheint mir neben der analen Bedeutung die Vorstellung des Fliessens von Wich- 
tigkeit.) 

In der Manie triumphiert das Ich über das Überich. Freud vergleicht diesen 
Triumph mit bestimmten Festen der Primitiven, bei denen die sonst heiligen 
Gebote übertreten werden dürfen (die Totenmahlzeit), eine Auffassung, der die 
eben geschilderte leicht anzuschliessen ist. In der Phase der rasch aufeinander- 
folgenden Introjektionen, die sich in tieferer Bedeutung auf die Mutterbrust 
beziehen, kann derselbe Mechanismus zur lustvollen Einverleibung des Urvaters 
verwendet werden. Hier ergibt sich ein Widerspruch gegen Abraham, der 
zwar auch konstatiert, dass die aggressiven Impulse der Mutter gälten, aber die 
gegen den Vater gerichteten für die älteren hält. Meiner Meinung nach ist es 
umgekehrt. Die Beziehung des Kindes zur Mutterbrust ist die ursprüngliche, sie 
wird in der Totenmahlzeit nur auf den Vater verschoben. Die Meinungsverschie- 



12) K. Abraham, Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido, Wien 192+, S. 61. 



166 M. Kutan 



denheit zwischen Abraham und mir ist daraus zu erklären, dass Abraham die 
„Urverstimmung" der Melancholie aus dem Ödipuskomplex entstehen lässt und 
mit dem Verlangen des Kindes in Beziehung bringt, „die Mutter zur Bundes- 
genossin im Kampf gegen den Vater zu gewinnen." 13 Meiner Meinung nach 
liegen die ersten Ansätze der gestaltenden Mechanismen für Manie und Depres- 
sion in der oralen Phase, zu einer Zeit in der vom Ödipuskomplex noch nicht die 
Rede sein kann. Wie diese Mechanismen später am Ödipuskomplex zum Ausdruck 
kommen, hoffe ich, da mir kein eigener ebenso geeigneter Fall zur Verfügung 
steht, an einem von Lewin beschriebenen Fall illustrieren zu können. 

Verweilen wir noch einen Augenblick bei dem Streit zwischen Ich und Über- 
ich und stellen wir fest, dass die urethrale Ausscheidung dazu dienen kann, den 
Kampf auf urethraler Basis ablaufen zu lassen. F r e u d's Meinung über die 
Gewinnung des Feuers ist bekannt. „Als wäre der Urmensch gewohnt gewesen, 
wenn er dem Feuer begegnete, eine infantile Lust an ihm zu befriedigen, indem er 
es durch seinen Harnstrahl auslöschte. An der ursprünglichen phallischen Auf- 
fassung der züngelnden, sich in die Höhe reckenden Flamme k^nn nach vorhan- 
dener Sagen kein Zweifel sein. Das Feuerlöschen durch Urinieren — auf das 
noch die späten Riesenkinder Gulliver in Liliput und Rabelais .Gargantua* zurück- 
greifen — war also wie ein sexueller Akt mit einem Mann, ein Genuss der männ- 
lichen Potenz im homosexuellen Wettkampf. Wer zuerst auf diese Lust verzichtete, 
das Feuer verschonte, konnte es mit sich forttragen und in seinen Dienst zwingen. 
Dadurch dass er das Feuer seiner eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er 
die Naturkraft des Feuers gezähmt. Diese grosse kulturelle Eroberung wäre also 
der Lohn für einen Trieb verzieht." 

Scheint es nicht, als ob, auf das Psychische verschoben und unter völlig anderen 
Zielsetzungen, diese alte Lust zurückgekehrt ist? Der lustvolle, rivalisierende 
homosexuelle Streit mit dem „Vater", wobei das Ich vorherrscht, kann also unter 
dem Bild einer Manie verlaufen. Beim Urmenschen stellt die Flamme das Objekt 
dar, das er vernichtet; beim Maniakus ist im vernichtenden Harnstrahl das Objekt 
schon enthalten. 

Die Elemente des eben Geschilderten treffen wir bei einem Patienten an, der 
seinen Kampf mit dem väterlichen Penis auf folgende Weise darstellt: In seiner 
Jugend Hess er Eiskegel in seinem Harnstrahl schmelzen. Für ihn war es dasselbe, 
als würde er sie im Munde schmelzen lassen. Das Feuer ist hier durch sein Gegen- 
teil — Eis — vertreten. Die Verbindung des Urinierens mit dem oralen Vorgang 
kommt hier klar zum Ausdruck. 

Fassen wir den Kampf zwischen Über-Ich und Ich ins Auge, so müssen wir 

13) K. Abraham, a.a.O.S. 57. 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 167 



uns klar machen, dass das Uber-Ich in der Depression nur noch wenig mit dem 
normalen Uber-Ich zu tun hat. Das kranke Über-Ich besteht der Entmischung 
wegen aus fast reiner Aggression, während das gesunde durch seine libidinösen 
Bindungen tief in die Persönlichkeit eingebaut ist. Bei der Introjektion fällt das 
Ich der Aggression zum Opfer. In der Manie bemeistert das Ich durch die Aus- 
stossung die Aggression von neuem dadurch, dass sie der Lust dienstbar gemacht 
wird. Durch den Abfluss der Aggression wird dem kranken Uber-Ich sozusagen 
seine Macht entzogen; es kann keine Wirkung mehr ausüben. 

Kommen wir noch einmal auf die Bedeutung des Feuers zurück. Ein 60jähriger 
Mann bekam in Anschluss an einen Brand eine schwere Manie. Eines Nachts war 
in einem benachbarten Hotel Feuer ausgebrochen, und er hatte sich bei der 
Löschaktion sehr angestrengt. Er war dabei sehr erregt geworden, und dieser 
Zustand ging in kürzester Zeit in Manie über. Das Feuer hatte meiner Meinung 
nach hier nur auslösende Wirkung. Die dabei gereizte Urethralerotik fand ihre 
Verwendung in der manischen Bearbeitung seiner Konflikte. 

In Anschluss an das hier Mitgeteilte, möchte ich an den von L e w i n publizier- 
ten Fall erinnern. 14 Seine Patientin bekam, nachdem durch ein zufällig gehörtes 
Gespräch zwischen Analytiker und einer anderen Patientin die Urszene wieder 
wirksam geworden war, einen hypomanischen Anfall, der eine Woche dauerte. 
Lewin meint, dass in den manischen Phänomenen der Coitus dargestellt wird, 
wobei die Patientin sich mit beiden Elternteilen identifiziert. Dieses ungewöhnlich 
schöne Analysebruckstück ist, meiner Meinung nach, eine objektive Bekräftigung 
meiner Auffassung der Manie. 

L e w i n hat eine Vergleichsreihe von Erscheinungen aufgestellt, die beim Coitus 
wahrgenommen und in der Hypomanie dargestellt werden. Ich lasse sie hier 
folgen: 2 aktive Teilnehmer — bisexuelle Produktionen; lebhafte Bewegungen der 
Erwachsenen — motorische Überaktivität; Geräusche — Rededrang, Lärmen; 
sexuelle Erregung — idem; Orgasmus der Erwachsenen (orgastisches Äquivalent 
beim Kind) — „Ausstossungen" (Abraham); ein „Fest" (Havelock Ellis u.a.) — 
ein Fest oder Triumph (Freud); Phantasieanregung beim Kinde — Ideenflucht; 
„Gewaltsamkeit" der Erwachsenen — aggressive Symptome. 
' Die tiefen Mechanismen der Manie werden damit nicht erklärt. Nun hat 
L e w i n auch eine andere Vergleichsreihe gegeben: Vereinigung mit dem Uber- 
Ich _, Vereinigung mit Idealen (Gott) im religiösen Entzücken = Vereinigung 
mit dem Manne im Coitus = Vereinigung mit der Mutterbrust. Er verwendet 
diese Reihe nur zur Bestätigung der Meinungen Freuds, dass Ich und Uber-Ich 

14) Bertram D. Lewin. Analyse und Struktur einer passageren Hypomanie. Int. Ztachr. f. Psa., 
Bd. XX, 1934. 



168 M. Kutan 



in der Manie zusammengefallen sind und Rado's, dass diese Verschmelzung eine 
„getreue innerseelische Wiederholung" der „Verschmelzung mit der Mutter im 
Trinken an der Brust" sei. Neben der Vorstellung, „Der Coitus sei eine Intro- 
jektion", gibt I^win überreichliches Material, dass der Coitus auch ein urethraler 
Vorgang ist. Dieses Material zieht er aber nicht zur Erklärung heran. Z.B. uriniert 
in einem Traum der Vater der Patientin auf ihr Genitale, wobei beide bewegungslos 
bleiben. Bewegungslos hatte sie sich in der Onanie defloriert. Diese Bewegungs- 
losigkeit bringt er mit der Haltung des Mannes beim Urinieren in Verbindung. In 
der Kindheit endeten ihre sexuellen Spiele mit einer Freundin, worin sie „Mann" 
und „Frau" spielten, immer in gemeinsamem Urinieren. Aus einem Traum 
während der hypomanischen Periode tritt zu Tage, dass beim Coitus der Mann 
der Frau in den Mund uriniere. Lewin stellt eine Assoziation, die sich auf Er- 
brechen bezieht, dem Urinieren im Traum gleich. Erwähnen wir noch, dass die 
Patientin beim belauschten Gespräch zwischen Analytiker und der anderen Patien- 
tin, zornig und sexuell erregt gewesen ist. Offenbar hat diese Erregung die 
Urethralerotik wachgerufen, und dadurch kam die manische Reaktion in Gang um 
die durch die Enttäuschung hervorgerufene Aggression zu bekämpfen. 

Ich glaube, dass noch eine weitere Deutung möglich ist. Ihre subjektiven 
Gefühle, während des Orgasmus bei der Onanie, wobei sie einen Coitus phanta- 
sierte, waren: „Beim Orgasmus verschmelze ich mit der anderen Person. Es ist 
schwer zu beschreiben, aber ein gewisses Einssein ist da, ein Verlieren meines 
Körpers hinüber in die andere Person." . . . „Andere Male bin ich das verbleibende 
Individuum, und er gibt sich auf." . . . „Wenn ein Mann die Brust einer Frau 
beim Orgasmus in den Mund nimmt, so wird der Geschlechtsvorgang gegenseitig 
und zeitlich zusammenstimmend." 

Neben einigen anderen Determinanten kommt in den beiden ersten Sätzen vor, 
dass einmal die Ausscheidung, ein anderes Mal die Introjektion dominierend ist. 
Der dritte Satz lässt schliesslich die Erklärung zu, dass beim Mann im Coitus, das 
an der Brust gewonnene, im Penis wieder ausgeschieden und bei der Frau das in 
die Vagina aufgenommene, durch die Brust wieder ausgestossen wird. (Nach 
L e w i n hat die Vagina bei der Patientin orale Bedeutung.) Mann und Frau sind 
hier völlig identisch geworden, die Vagina ist das Analogon des männlichen 
Mundes, die Brust das Analogon des Penis. Nach allem, was ich über die urethrale 
Bedeutung des Coitus schon erwähnt habe, drängt sich die Vorstellung auf, dass 
das Introjizierte als Harn wieder ausgestossen wird. 

Die Identifizierungen mit den beiden Elternteilen sind also im Grunde identisch. 
Bei Beiden wird das oral Aufgenommene wieder urethral ausgeschieden und der 
ganze Vorgang ist lustvoll. Das Ausgestossene durchläuft den Körper des Partners 
und wird dann wieder aufgenommen. Ein lustvoller Kreislauf entsteht, der den 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 169 

manischen Mechanismus wiedergibt. Eine andere Determinante ist, dass der 
Partner aufgenommen und ausgestossen wird. 

Die Wiedererweckung des Ödipuskonfliktes, in diesem Falle durch die Beobach- 
tung des elterlichen Coitus hervorgerufen, war die Ursache des Ausbruches 
der Manie geworden, wie in so vielen anderen Fällen. Sie hat auch das „Material" 
für die Krankheit geliefert. Die manische Form jedoch wurde durch tiefere, 
nicht mehr mit dem Ödipuskomplex zusammenhängende Mechanismen bestimmt. 

Das Problem, wieso ein manischer Anfall ohne vorangehende Depression ent- 
stehen kann, ist ein einfaches, so weit es die Gefahrsituation betrifft, Wenn im 
Vorstadium der Depression Aggression frei wird (siehe Rado), kann es vorkommen, 
dass der manische Mechanismus dieser Aggression sofort entgegentritt und die 
Aggression libidinös gebunden wieder zu den Objekten führt. 

Das heisst, dass die äussere Gefahr sofort bekämpft werden kann, bevor daraus 
eine innere entstanden ist. Die tiefere Bedeutung der Manie besteht nicht darin, 
die Befreiung von einem quälenden Uber-Ich herbeizuführen, sondern in der 
Bekämpfung der freigewordenen Aggression! 

Es wäre interessant, wenn man psychogene Anlässe für das Umschlagen der 
Depression aufzeigen könnte. Ich habe einmal den Eindruck bekommen, dass ein 
melancholischer Patient hypoman und nachher gesund wurde, als seine Frau, die das 
Zentrum seines Konfliktes war, krank wurde. Das Schicksal bestrafte sie schon, seine 
Aggression war überflüssig geworden und konnte nun manisch gebunden werden. 

Es ist möglich, dass eingehende Studien uns mehr über die psychogenen Anlässe 
dieses Umschlagens lehren könnten. Vorläufig bleibt es ein dunkles Gebiet, und 
wir müssen uns mit der wenig befriedigenden Erklärung begnügen, dass ökono- 
mische und somatische Verhältnisse ausschlaggebend sind. 

Wir sind nun so weit, auf Probleme, die wir im Anfang gestellt haben, näher 
eingehen zu können. Wir haben dort die Frage aufgeworfen, wie es komme, dass 
Inhalte sich in der Form ausdrücken und auf welche Weise das geschieht. Die 
Introjektionen in der Depression und in der Manie kommen durch primäre Identi- 
fizierung zustande. In der frühesten Kindheit ist die Differenzierung zwischen Ich 
und Aussenwelt und also auch zwischen Ich und Ubw. noch nicht scharf. Bei 
diesen ersten Identifizierungen ist es praktisch unmöglich zu unterscheiden, 
welcher Teil dieses Vorganges dem Ich und welcher dem Es angehört. Später 
lernt das Ich diesen Prozess als Abwehr zu gebrauchen. 

Wenn in schwer pathologischen Zuständen wieder ein Rückfall auf diese primi- 
tiven Einstellungen geschieht, so bedeutet das, dass der Kontakt mit der Aussen- 
welt sehr vereinfacht ist. Abgewehrte unbewusste Inhalte finden nur noch wenige 
bewusste Vorstellungen, an die sie sich, wenn auch im Verborgenen, binden 
können. In diesem Fall wird der ubw. Inhalt in der F o r m verarbeitet. 



170 M. Katan 



Im Normalen bestehen neben nicht zugelassenen Strebungen verschiedene 
andere, die nicht abgewehrt sind. Wenn der Kontakt so sehr reduziert ist, dass 
fast nichts übrig bleibt, bekommen die abgewehrten Strebungen in diesem Kon- 
takt noch eine besondere Bedeutung, die sonst nicht vorhanden ist. Je mehr das 
Ich vom Wunsch an der Realität festzuhalten beherrscht wird, desto wichtiger 
wird das Suchen der abgewehrten Strebungen nach einem Kontakt mit der Aussen- 
welt, und sie arbeiten dann also konform mit dem Ich. Wenn auch diese abge- 
wehrt werden, so bedeutet dies den völligen Verlust des Kontaktes. Man kann 
behaupten, sie sind nicht toleriert und trotzdem notwendig. 
Aus dieser Konstellation heraus können die so gefährlichen „Impulshandlungen** 
entstehen. Nehmen wir den Fall von S. 25 als Beispiel. Durch die verschiedenen 
emotionellen Ereignisse war das Ich geschwächt. Durch die plötzlich entstandene 
Situation, wo die Mutter das Kind aufhob, wurde seine Aggression gegen die Brust 
unerhört gesteigert und das Ich liess sich von dem Trieb mitreissen. Weder war 
die Zeit da für die Produktion einer Manie, noch konnte das Ich sofort seine 
Beziehung mit der Aussenwelt abbrechen, d.h. sich auflösen. Selbst in dieser 
heftigen Aggression kommt also noch eine Bindung an das Objekt zum Ausdruck. 
Glücklicherweise verfügt die Psyche meistens über andere Formen, welche in 
solchen Stadien bessere Lösungsmöglichkeiten geben. Wir werden noch einmal 
zusammenfassend darstellen, wie die nicht zugelassenen, aber für die Bekämpfung 
der Gefahr notwendigen Bindungen sich in der Manie manifestieren und Quellen 
der Lust werden können. Es ist eben diese Lust, welche für das erfolgreich 
Arbeiten der Manie entscheidend ist. Das Auftreten dieser Lust muss gesichert 
werden und deshalb wird der manische Gedankengang durch das Lustprinzip 
beherrscht. 

In den theoretischen Ausführungen haben wir besprochen, dass noch unbe- 
kannte Strebungen, die sich dem Lustprinzip fügen müssen, ihren Emfluss auf 
das Sprechen ausüben. Diese Strebungen haben wir herausgearbeitet, sie sind 
oraler und urethraler Natur. Der Inhalt dieser Strebungen darf nicht bewusst 
werden, aber die damit verbundene Lust ist notwendig. Deshalb kann der Inhalt 
nicht ganz abgewehrt bleiben und muss in der F o r m einen Ausweg finden. 

Diese F o r m ist der Rededrang, auf den die körperlichen Prozesse verschoben 
sind. Das Wort hat Objektbedeutung bekommen, wobei das in den Mund nehmen 
des Wortes die Introjektion, das Aussprechen die Ausstossung bedeutet. Die 
Folge ist, dass die Lust nicht durch die körperlichen, sondern durch die psychi- 
schen Vorgänge geliefert werden muss. Dies kommt durch das Spiel mit den Worten 
zu Stande, was natürlich nur durch den Primär- Vorgang geschehen kann. Dabei 
findet eine Reduktion der Sachvorstellungen und ein in bestimmter Weise In-den- 
Vordergrund-treten der Wortvorstellungen statt. 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 171 



Da die Form und die dabei entwickelte Lust der Bekämpfung der Gefahr- 
situation dienen und der Inhalt der Wortvorstellung dem untergeordnet ist, so 
steht das Wort nicht mehr in direkter Beziehung zu dieser Bekämpfung. 

Hier liegt ein Gegensatz zu Schizophrenie, bei der gerade der Inhalt der Wort- 
vorstellung im Restitutionsversuch verwendet wird, um die Gefahrsituation zu 
bemeistern. Dass in der Schizophrenie auch die Funktion im Vordergrund stehen 
kann, haben wir im Fall der schizophrenen Patientin erfahren, die nicht reden 
konnte, weil es für sie urinieren bedeutet hätte. 

Durch das hier Gesagte könnte man meinen, dass der Inhalt in der Gedanken- 
flucht völlig bedeutungslos geworden sei; das ist aber bestimmt nicht der Fall. 
Beim tieferen Studium wird es klar, dass zwar der Inhalt an Bedeutung gegenüber 
der Form zurücktritt, aber trotzdem an der Lösung derselben Probleme mitar- 
beitet. 

Nun geschieht die primäre Identifizierung nach dem Primärvorgang, und in 
der Manie tritt dies also zu Tage. Hiergegen könnte man einwenden, dass es dann 
auch in der Depression der Fall sein müsste, wo die primäre Identifizierung auch 
vorherrscht. Der Primärvorgang kann aber hier nicht zum Vorschein kommen, 
weil das „Festhalten des Objektes im Inneren" sich in der Form ausdrückt und 
eine Hemmung das Resultat ist. Es gibt Depressive, bei denen diese Hemmung 
nicht auftritt und dort findet man dann auch den Primärvorgang. Diese Fälle 
sind als manisch-depressive Mischformen bekannt. 

Wenn in der Neurose sexuelle Funktionen sich auf nicht sexuelle verschoben 
haben, dann sehen wir, dass entweder eine Störung dieser Funktionen auftritt 
oder die Lust, die entstehen sollte, abgewehrt und in Unlust verwandelt wird. 
Nun hat in der Manie das Sprechen urethral- und oralerotische Bedeutung be- 
kommen, aber im Gegensatz zu der Neurose kommt hier die Lust deutlich zum 
Ausdruck. 

Einerseits sind die urethral- und oralerotischen Prozesse in der Manie un- 
bewusst, andererseits sind sie, wie wir gesehen haben, von grösster Wichtigkeit. 
Die in der Depression gegen das Ich gewendete Aggression wird in der Manie 
vom Ich wieder dienstbar gemacht. Das Ich gestattet nämlich, dass die Aggression 
in der urethralen Ausstossung und in den rasch aufeinander folgenden Intro- 
jektionen ausgelebt wird. Nun kommt durch diese rasche Aufeinanderfolge eine 
Verteilung der Aggression auf mehrere Objekte zustande, wodurch sie weniger 
gefährlich wird. Was noch auffallender ist: jetzt gestattet sich das Ich, dieses 
Ausleben der Aggression lustvoll zu gemessen. Diese Phase hat Freud als ein 
Fest des Ichs beschrieben. 

Hinter diesem Fest verborgen geschieht jedoch mehr. Das Ich verschiebt die 
an der urethralen Zone entstandene Lust nach der oralen Zone und kann die 



11 Vol. 25 



172 M. Katan 



Befriedigung dieser dadurch so hoch steigern, dass die Sättigung herbeigeführt 
wird. Dann ist die Aggression also gebunden, der manische Vorgang hat sein Ziel 
erreicht. Diese Lust wird sowohl im sozialen wie im gesundheitlichen Sinne ver- 
wendet, im sozialen, weil die Aggression nicht ausgelebt wird, wie im gesund- 
heitlichen, weil einer Restitution angestrebt wird. Es ist klar geworden, dass das 
Ich frei über diese Lust verfügen muss, um so erfolgreich arbeiten zu können. Die 
Lust ist also im manischen Prozess eine Notwendigkeit- 
ihrem Bewusstwerden steht nichts entgegen! 

Nach R a d o und Fenichel 16 kommt das erhöhte Selbstgefühl beim mani- 
schen Affekt durch orale Zufuhr zustande. Mir scheint, dass die Beherrschung der 
Aggression nicht wenig zu der Steigerung dieses Gefühls beiträgt. 

Der manische Affekt stellt sich also aus urethralen und oralen Lustkomponenten 
zusammen und gehört der primären Identifizierung zu. Nun tritt die manische 
Reaktion auch bei diesen Konflikten auf, wo die Gefahrsituation noch nicht droht 
ihre Besetzung zu verlieren. Wenigstens können wir sie in diesen Konflikten nicht 
aufdecken. Es liegt auf der Hand, hierin die Bekämpfung der frei werdenden 
Aggression zu erblicken, welche auf keine andere Weise untergebracht werden 
konnte als in einer leichten Depression oder Hypomanie. Schilder 16 hat von 
einem „manischen Reservoir" gesprochen, woraus die Lust geschöpft wird. Der 
Umstand, dass die manische Reaktion bei allen möglichen Konflikten auftreten 
kann, dürfte ihn zu dieser Annahme bestimmt haben. 

Es sind gerade diese allmählichen Übergänge, die das Durchschauen des 
manischen Vorganges so schwierig machen und zum Anlass wurden, dass ver- 
schiedene Autoren nach Erklärungen griffen, die meiner Meinung nach nicht den 
Grundcharakter der Manie berühren. 

Da in der Manie das Lustprinzip vorherrscht, ist es selbstverständlich, dass, wie 
Lew in 17 und Helene Deutsch 18 betont haben, die Verleugnung darin eine 
grosse Rolle spielt. 

Ich möchte hier noch auf den Versuch Abrahams zurückgreifen, die 
Probleme der manisch-depressiven Psychose aus dem Vergleich mit der Zwangs- 
neurose aufzurollen. Bei dieser Neurose geht die Beziehung zum Objekt im 
Gegensatz zu der Psychose nicht verloren. Nun meine ich, dass die Gefahrsituation 
entscheidet, ob dieser Objektverlust entstehen wird oder nicht. In der Zwangs- 
neurose wird diese Gefahrsituation nicht verarbeitet. Deshalb kann diese Neurose 

15) Fenichel: Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen, Wien 1931, S. 127. 

16) Schilder: Entwurf zu einer Psychiatrie etc, Wien 1925. 

17) Lewin: a.a.O. 

18) H. Deutsch: Zur Psychologie der manisch-depressiven Zustände. Int. Ztschr. f. Psa. xi» 
1933. 



Die Rolle des Wortes in der Schizophrenie und Manie 



173 



wenn sie auch noch so starke Ähnlichkeiten mit der Depression hat, nicht der 
richtige Ausgangspunkt sein, um Entscheidendes über den Objektverlust aus- 
zusagen. 

Bei der Behandlung unseres Gegenstandes sind wir über die uns gestellte 
Aufgabe, die Rolle des Wortes in der Manie zu studieren, weit hinausgegangen. 

Die Manie ist ein Restitutionsversuch, der, so wie entsprechende Reaktionen 
bei organischen Krankheiten, man denke z.B. an Lymphdrüsenschwellungen bei 
Entzündungsprozessen, das Krankhafte bekämpfend, selbst zum Symptom 
geworden ist. 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 1 

von 

R. Loewenstein 

Paris 

Seit ihren Anfängen hat die psychoanalytische Forschung an Hand der zahl- 
reichen untersuchten Tatbestände aufgedeckt, dass Konflikte des Affektlebens, 
welche die stärksten und grössten Interessen und die Lebensbedürfnisse des 
Menschen in Tätigkeit gesetzt haben, die Ursachen nervöser Beschwerden bildeten. 
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es der für jeden Konflikt so charakteristische 
Dualismus, der Freud dazu geführt hat, die Zahl der Kräfte oder Triebe im 
Menschen auf zwei Hauptbedürfnisse zurückzuführen, den Hunger und die Liebe. 
Er folgt darin übrigens einer weit verbreiteten Ansicht. 

Die unzähligen von der Psychoanalyse untersuchten Tatbestände des bewussten 
Seelenlebens, wie Prozesse und Mechanismen des Unbewussten, ermöglichen es, 
den grundlegenden Charakter des Seelischen zu entdecken, nämlich sein Gerich- 
tetsein, Antriebe und Ziele erkennen und Bedürfnisse entstehen zu lassen. Dieser 
Umstand macht das ungewöhnlich grosse Interesse der Psychoanalyse verständlich, 
nicht allein die Tatsachen zu beschreiben, sondern auch eine (natürlich proviso- 
rische) Synthese anzustreben und allgemeine Begriffe zu bilden, gewissermassen 
Arbeitshypothesen mit dem Ziel, die verborgenen Kräfte abzugrenzen und 
einzuordnen. 

Die beiden grossen Bedürfnisse des Menschen, der Hunger und die Liebe, sind 
Vorbilder der theoretischen Begriffe „Sexualtrieb" und „Ichtrieb" geworden. Der 
Begriff des Triebes hat bei Freud einen neuartigen Charakter. 2 Er stellt den 
Trieb nämlich dorthin, wo Organisches und Psychisches einander berühren. Er 
stammt aus dem Organischen, dessen dynamische Kraft, dessen Auswirkung im 
Psychischen eben der Trieb ist. Seine Energie ist die Libido. Freud ordnet den 
Begriff des Triebes dem des Reizes unter, allerdings eines inneren und zudem 
konstanten, wenn auch mitunter periodischen Reizes. 

Erlauben Sie mir, Ihnen noch die Aspekte, die F r e u d bei jedem Trieb unter- 
scheidet, ins Gedächtnis zurückzurufen. Seine Q u e 1 1 e ist das Organische. Das 

1) Nach einem Vortrag, gehalten in der Pariser psychoanalytischen Vereinigung am 16. Mai 
1939. — Übersetzt von Lucie Freud. 

2) Freud, „Triebe und Triebschicksale", Ges. Sehr., Bd.V.; cf. H. Hartmann, „Grundlagen der 
Psychoanalyse", Leipzig 1927; R. de Saussure, „Les instinets", Evol. Psychiatrique, Payot, P ar i s 
1925. 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 175 



Bedürfnis oder die psychische Stosskraft, die ihm entspringt, heisst Libido. 
Ferner unterscheidet er das Triebziel, d.h. die Befriedigung, die das See- 
lische anstrebt, um das Bedürfnis aufzuheben, und das T r i e b o b j e k t, wel- 
ches im allgemeinen das Mittel ist, das Ziel der Befriedigung zu erreichen. 

Das Schema der Triebmerkmale entspricht recht genau den Sexualtrieben, wie 
übrigens auch dem Durst und Hunger. Meines Wissens hat man nie den Versuch 
gemacht, es auf andere Äusserungen des Trieblebens anzuwenden, z. B. auf jene, 
die im Selbsterhaltungstrieb ihren Ursprung haben. 

Freud 3 nennt die Triebtheorie die „Mythologie" der Psychoanalyse. Er recht- 
fertigt gleichwohl ihre Einführung durch die Notwendigkeit, in der sich jegliche 
Forschung befindet, neue Begriffe und zwar allgemeine Begriffe zu bilden, Arbeits- 
hypothesen, die sich zum Teil direkt aus der Fülle der beobachteten Tatsachen 
ergaben, und die gleichzeitig dazu dienen, sie zu ordnen und zu klassifizieren. 
Freud, und auch Hart mann, geben übrigens zu, dass die psychologische 
Beobachtung allein nicht ausreicht, um auf sie eine Trieblehre zu begründen, 
dass diese vielmehr wichtige Beiträge von Seiten der Tierpsychologie und der 
Biologie fordert. Bei dieser Gelegenheit fühle ich mich verpflichtet, eines in der 
Pariser Psychoanalytischen Vereinigung vor ungefähr 12 Jahren vorgetragenen 
Gedankens eines russischen Analytikers, Vinogradoff, Erwähnung zu tun, der 
sich eine vergleichende Studie zwischen der Entwicklung des menschlichen Trieb- 
lebens und des tierischen Instinktes zum Thema gewählt hatte. Ich vermute, dass 
der Umstand, dass er dieses Projekt nicht weiter verfolgt hat, die Folge von 
ausserhalb seines Willens liegendes Verhältnissen ist. 

Das Interesse und die Bedeutung der Lehre von den Trieben ist gewiss auch 
methodischer Art, wie Hartmann sehr richtig sagt. Der Begriff des Triebes 
im analytischen Sinne des Wortes erlaubt tatsächlich die Brücke zu anderen 
Disciplinen zu schlagen, deren Gegenstand der Mensch ist. Er erinnert uns auch 
an das, was die psychiatrische und medizinische Klinik täglich zeigt: die Wechsel- 
beziehung von Körper und Seele. Aber darüber hinaus erleichtern nach meiner 
Meinung klare allgemeine Begriffe die korrekte Beobachtung von Tatsachen. Es 
ist eine banale Feststellung, dass man nur beobachtet, was man schon weiss. Zum 
Glück hat dieser Satz gewiss nicht absolute Geltung, würde doch sonst aus ihm 
folgen, dass man niemals etwas Neues lernen könnte. Jedenfalls geschieht es, 
auch wenn die Beobachtung sich von theoretischen Begriffen möglichst frei 
macht, dass sich allgemeine Begriffe immer wieder einschleichen, dass sie das 
Beobachtungsmaterial klassifizieren und seine Anordnung bestimmen. Da dem so 
ist, ist es also besser, neue allgemeine Begriffe im vollen Bewusstsein dieser ihrer 



3) Freud, „Neue Vorlesungen," Ges. Sehr., Bd. XII. 



1 76 R. Loewenstein 



Funktion einzuführen. Sie werden dann die Aussicht haben, sich bei späterer 
Beobachtung fruchtbar zu erweisen. 

Alle diese Gründe sollen erklären, warum ich es für nützlich halte, auf das 
Problem der Klassifizierung der Triebe zurückzukommen, die das Thema vieler 
Untersuchungen und Diskussionen unter Analytikern gewesen ist. Tatsächlich 
scheint mir diese Klassifizierung unser Interesse zu rechtfertigen. Kehren wir also 
zur Klassifizierung der Triebe zurück, und vergegenwärtigen wir uns wieder 
einmal kurz ihre Geschichte. 4 Die Triebe wurden von Freud eingeteilt in 
Sexualtriebe und Ichtriebe. Diese letzteren waren wahrscheinlich so benannt, weil 
sie diejenigen Kräfte umfassten, deren das Subjekt sich für gewöhnlich oder 
grossen Teils bewusst war, und die nicht im Widerspruch zu seinem Ich standen 
Das ist vielleicht auch der Grund, warum sie von der Analyse vernachlässigt 
wurden, die sich ja zunächst fast ausschliesslich dem Studium der Sexualtriebe 
widmete. Aber lassen Sie mich auch sogleich aussprechen, dass nach unserer 
Meinung die Wahl des Wortes „Ichtrieb" vielleicht mit jenem Umstand zusam- 
menhängt. 

Das Studium der Beziehungen zwischen Trieb und Ich und in noch stärkerem 
Masse das Studium gewisser krankhafter Zustände wie der Psychosen und der mit 
ihnen verbundenen schweren Ichstörungen haben Freud Gelegenheit gegeben 
das Problem des Narzissmus anzugehen. Es wäre der Mühe wen, den Begriff des 
Narzissmus eines Tages wieder aufzunehmen und von neuem zu diskutieren. Und 
wenn es aus keinem anderen Grunde geschähe, als dem, dass dieser Begriff recht 
verschiedenartige Tatbestände und Probleme umfasst. 5 So bezeichnet er die frühe 
Entwicklungsphase des Ichs, während welcher die Sexualtriebe dieses Ich zum 
Objekt nehmen. Der Narzissmus stellt, innerhalb der Triebregungen, die libidinöse 
Komponente des Egoismus dar. 6 Ebenso sagt Freud vom Narzissmus: „Das ganze 
Leben lang bleibt das Ich das grosse Reservoir, aus dem Libidobesetzungen an 
Objekte ausgeschickt werden." Er fügt auch hinzu, dass die Ichlibido sich immer 
wieder in Objektlibido verwandelt und umgekehrt, so dass die Natur der beiden 
nicht mehr voneinander zu unterscheiden sei. Von diesem Punkt aus könnte man 
so folgert Freud, den Begriff der Libido verlassen und ihn durch den einer all- 
gemeinen psychischen Energie ersetzen. 7 Der Gebrauch des Begriffes Narzissmus 
in der Triebtheorie würde praktisch auch auf das Aufgeben dieses Triebdualismus 
hinauslaufen, an dem die Analyse aus so guten Gründen festhält. 

4) Freud, „Neue Vorlesungen", Ges. Sehr., Bd. XII; S. Bernfeld, Imago 1935; E. Bibring, Imag 
1936. 

5) Freud, „Triebe und Triebschicksale", Ges. Sehr., Bd. V. 

6) Freud, „Zur Einführung des Narzissmus", Ges. Sehr., Bd. VI. 

7) Freud, „Neue Vorlesungen", Ges. Sehr., Bd. XII. 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 177 

Der Triebdualismus wurde von Freud durch seine Theorie von den Todes- 
trieben wieder eingeführt. Ich brauche sie Ihnen nicht auseinanderzusetzen. Sie 
ist Ihnen allen vertraut. Trotzdem möchte ich Ihnen einige für diese Theorie 
besonders charakteristische Gesichtspunkte ins Gedächtnis zurückrufen, die 
meines Erachtens von ungleichem Wert sind, und die ausserdem kein untrennbares 
Ganzes bilden: 1.) Die Annahme eines unabhängigen Destruktionstriebs, der 
einer Verbindung von Sexual- und Lebenstrieben gegenüber steht; 2.) Die Ent- 
stehung der Aggression aus dem Destruktionstrieb oder Todestrieb durch Aus- 
wärtswendung und Projektion nach aussen; 3.) Man schreibt diesen Trieben eine 
enge und konstante Verbindung mit den Regulationsmechanismen zu; 4.) Die 
tatsächliche Existenz von primären antidestruktiven Trieben, wie man sie beim 
Masochismus beobachten kann. 8 

Für zukünftige Untersuchungen betont Freud 9 noch die Wichtigkeit eines 
anderen Punktes seiner Theorie, nämlich der Vermengung von Eros und Todes- 
trieb und ihrer Entmischung in pathologischen Erscheinungsformen. Der Begriff 
Triebentmischung ist unseres Wissens nur von Nunberg in seiner ,, Neurosen- 
lehre" in einigen Kapiteln angewendet worden. 10 

Lassen Sie mich noch hinzufügen, dass der Begriff der Triebmischung ganz 
unabhängig von der Theorie der Todestriebe bestehen kann. Die Triebentmischung 
führt tatsächlich zur Trennung von erotischen Trieben einerseits und Äusserungen 
von Aggression anderseits, ohne dass damit über die Herleitung dieser letzteren 
etwas entschieden wäre. 

Die Bedeutung, die man den Aggressionstrieben seit der Einführung der neuen 
Trieblehre zugestanden hat, hat sicherlich einen Wendepunkt in der Entwicklung 
der Analyse dargestellt; einen nach unserer Meinung sehr zu begrüssenden Wende- 
punkt, da er für unsere Erkenntnis einen ungeheuren Fortschritt bedeutet hat. 
Unser Verständnis für zahlreiche klinische Tatbestände und für die Phänomene 
der Massenpsychologie hat wesentlich zugenommen, unsere therapeutischen 
Möglichkeiten haben dadurch sehr gewonnen. Ich will mich damit begnügen, die 
klinische Bedeutung der gegen das eigene Ich rückgewendeten Aggression und das 
Phänomen der Selbstbestrafung, das sie erklärt, in Ihre Erinnerung zurückzurufen. 
Was den anderen Aspekt der Lehre von den Todestrieben anlangt, der die Aggres- 
sion von einem angenommenen Destruktionstrieb durch Wendung nach aussen 
herleitet, so wurde dieser anfangs von Freud nicht dem Bereich der Psychologie 
sondern der Biologie zugerechnet. Er liess diese Wendung nach aussen mit der 



8) R. Loewenstein, „Le Masochisme", Rev. Franc, de Psychanalyse, 1938, S. 266. 

9) Freud, „Neue Vorlesungen", Ges. Sehr., Bd. XII. 

10) H. Nunberg. „Neurosenlehre", Verlag Huber, Bern. 



12 Vol. 25 



178 R. Loewenstein 



Entstehung vielzelliger Organismen zusammenfallen; durch die Tatsache dieses 
Zusammenschlusses von Zellen würde die ihnen sonst gemeinsame Tendenz zur 
Selbstzerstörung neutralisiert; sie würde als Aggression nach aussen gewendet zur 
Bildung des Muskelsystems beitragen. Verführerisch wie sie ist, scheint diese 
Hypothese die Tatsache ausser Acht zu lassen, dass man bei allen Protozoen 
Verhaltensweisen beobachten kann, die mit Ergreifen und Zerstören anderer 
Organismen zusammenhängen, und die einen berechtigen, sie mit dem aggressiven 
Verhalten vielzelliger Wesen zu vergleichen. Die angenommene Auswärtswendung 
der Todestriebe müsste also entwicklungsgeschichtlich noch früher angeführt 
werden. 

Diese Theorie vom Ursprung der Aggression fand indessen eine nicht mehr 
biologische sondern psychologische Ausdeutung in den Arbeiten verschiedener 
analytischer Autoren, von denen ich nur Federn, Nunberg und Weiss 
anführen möchte. Weiss hat sich nicht vollständig der Theorie der Todestriebe 
angeschlossen; er hat einen Terminus für die destruktive Energie geschaffen. 
„Destrudo", ein Gegenstück zur Libido; ähnlich wie Federn, der jedoch den 
Begriff „Mortudo" vorgezogen hat. Nunberg und Weiss haben den Versuch 
gemacht, den Destruktionstrieb zur Erklärung gewisser pathologischer Erschei- 
nungen und frühzeitiger Stadien der seelischen Entwicklung einzuführen, ohne 
klar zu unterscheiden zwischen Aggressionstrieb und jenem hypothetischen 
primären Trieb zur Selbstzerstörung. Weiss ist sich der ungeheuren Schwierigkeit 
bewusst, die die Anwendung dieser Theorie mit sich bringt, ganz besonders die 
Verwendung dieser Triebe im Dienste der Selbsterhaltung. Nunberg hat diese 
Schwierigkeiten nicht hervorgehoben. Aber nach unserer Meinung hat keiner 
dieser Versuche zu einer befriedigenden oder überzeugenden Lösung geführt. 

Der Übergang von der biologischen Auffassung zur psychologischen Anwen- 
dung der Hypothese vom Ursprung der Aggression stammt indirekt aus Freuds 
analogem Versuch in „Das ökonomische Problem des Masochismus". Dieser 
Versuch bestand darin, in den Manifestationen des Masochismus nicht nur die 
Folge der Wendung der Aggression gegen die eigene Person zu sehen, sondern den 
Beweis für die Existenz eines primären Autodestruktionstriebes. Gedenken wir der 
Worte, mit denen Freud seine Gedankengänge in den „Neuen Vorlesungen" 
zusammenfasst: „Wir kehren zu dem besonderen Problem zurück, das uns der 
Masochismus aufgibt. Sehen wir für den Augenblick von seiner erotischen Kom- 
ponente ab, so bürgt er uns für die Existenz einer Strebung, welche die Selbst- 
zerstörung zum Ziel hat". Und etwas später: „Soundsoviel vom ursprünglichen 
Destruktionstrieb mag noch im Inneren verbleiben, es scheint, dass unsere Wahr- 
nehmung seiner nur unter diesen zwei Bedingungen habhaft wird, wenn er sich 
mit erotischen Trieben verbindet, oder wenn er sich als Aggression . . . gegen die 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 179 

Aussenwelt wendet." So sieht Freud in der Suche nach dem Leiden die Andeutung 
eines Strebens nach dem Tode. Meiner vorher zitierten Arbeit über den Maso- 
chismus entnehme ich eine andere Auffassung des Problems, das im Aufsuchen 
des Leidens gelegen ist. Nach meiner Meinung handelt es sich um einen Vorgang, 
der bestimmt ist, unbewusste Gefahren abzuschwächen, indem er das Alarm- 
signal, nämlich das Leiden, erotisiert. 

Freuds Gedanken weiter verfolgend hat Bi bring 11 in einer bemerkens- 
werten Arbeit, die der Diskussion verschiedener Aspekte und Phasen der Trieb- 
theorie gewidmet ist, die Freudsche Hypothese unter anderem durch methodolo- 
gische Überlegungen zu rechtfertigen versucht. Nach ihm wäre es ebenso not- 
wendig, einen primären autodestruktiven Trieb auf Grund seiner zahlreichen 
Äusserungen beim Masochismus anzuerkennen, wie die Annahme eines primären 
Narzissmus notwendig geworden war, von dem alle wahrnehmbaren Manifesta- 
tionen des Narzissmus herstammen, die man aus diesem Grunde sekundäre nennt. 
Bibring hält es für unbedingt erforderlich, ein biologisches Modell für die zahl- 
reichen klinisch zu beobachtenden Tatsachen von gegen die eigene Person gerich- 
teter Aggression zu finden. Diese Betrachtungsweise ist nach ihm durch die Trieb- 
theorie gefordert. Ich sehe ihre Notwendigkeit nicht ein. Der theoretische Begriff 
eines „primären Triebes" konnte wohl bei der Untersuchung des Narzissmus 
fruchtbar sein. Denn tatsächlich gibt es Zustände wie der des gesättigten Säuglings 
oder der des Schlafes und der der vollkommenen Ruhe, die diesem Bild annähernd 
entsprechen. Im Gegensatz hierzu ist es äusserst schwierig, wenn nicht unmöglich, 
den „primären Destruktionstrieb" vorzustellen. Die vollkommene Ruhe z.B., die 
Bibring mit diesem Begriff in Verbindung bringen will, scheint ihm in Wirklichkeit 
sehr wenig zu entsprechen. Man kann sich übrigens die Frage stellen, warum nur 
die gegen die eigene Person gewendete Aggression ein solches biologisches Modell 
nötig macht, und warum die Theorie nicht auch nach einem für die übliche, nach 
aussen gerichtete Aggression verlangt. 

Mit Bezug auf die Theorie des Todestriebs macht B i b r i n g im weiteren die 
wichtige Bemerkung, dass er sie für eine Theorie zweiten Grades hält. Das 
wenigste, was man aus ihr schliessen könne, ist, dass sie neben sich den Weiter- 
bestand einer anderen Theorie duldet, die den an den Menschen beobachtbaren 
Tatbeständen näher steht, wie z.B. die Einteilung der Triebe in Sexual- und 

Ichtriebe. 

In seiner letzten Abhandlung über die Triebtheorie scheint auch Freud 
die Möglichkeit der Aufrechterhaltung seiner alten Einteilung der Triebe neben 
seiner neuen Darstellung nicht auszuschliessen. F e n i c h e 1, der sich mit 



11) E. Bibring, Imago 1936. 



180 R- Loewenstein 






diesem Problem ebenfalls beschäftigt hat, ist der Meinung, dass die ältere Theorie 
der analytischen Betrachtungsweise der menschlichen Seele gemässer ist als die 
vom Todestrieb. Auch Hartman n 12 gibt ihr den Vorzug für die analytische 
Klinik. 

Sie wissen, dass ich selbst den Versuch gemacht habe, die Frage der Destruk- 
tionstriebe von zwei verschiedenen Gesichtspunkten zu behandeln. Ich habe zuerst 
versucht zu zeigen, dass die Hypothese eines primären Todestriebs nicht eine not- 
wendige Folgerung aus den Problemen des Masochismus darstellt; dass man diese 
durch das Zusammenspiel von Kräften wie Sexualität, Narzissmus, Selbster- 
haltungstrieb und Aggression verständlich machen könne. Ich weiss nicht, ob es 
mir gelungen ist. Aber ich habe auch auf einen Umstand hingewiesen, der mir 
zumindest in einem Teil dieses Gedankengebäudes eine grobe, methodologische 
Unzuträglichkeit in der Theorie von den Todestrieben darzustellen scheint. Diese 
Unzuträglichkeit knüpft an die Umwälzung an, die diese Theorie für den Begriff 
der Triebenergie bedeutet. Bernfeld 13 hat ganz richtig bemerkt, dass die 
Triebe in der neuen Theorie von Freu d jetzt nur noch sehr allgemeine Tenden- 
zen bedeuten, nur noch irgendwelche Richtungsprinzipien, denen alles Lebende 
unterworfen ist. 

Auch B i b r i n g 14 betont diese Änderung der Auffassung. Hören Sie, was er 
sagt: ,,Der Theorie von den Urtrieben (Lebens- und Todestrieben) liegt aber ein 
wesentlich veränderter Triebbegriff zugrunde. Hier ist der Trieb nicht eine an das 
Seelische herantretende Energiespannung, die aus einer organischen Quelle stammt 
. . . , sondern ein „Etwas", das die Lebensprozesse in eine bestimmte Richtung 
lenkt." 

Wenn, wie Freud sagt, die Lebenstriebe und der Eros tatsächlich nach 
Vereinigung und Verbindung streben und die Destruktion nach Trennung und 
Entzweiung, so haben derartige Vorstellungen nichts mehr mit dem Trieb, -wie 
Freud ihn anfangs definiert hat, zu tun. Wenn man aber diesen selben Terminus 
„Trieb" in seiner zweifachen Bedeutung ohne Unterschied auf die psychischen 
Tatsachen anwendet, führt das notwendigerweise zu unentwirrbaren Unklarheiten 
Mir scheint, dass gewisse Schwierigkeiten, die N u n b e r g und Weiss in 
ihren Arbeiten hervorheben, gerade in der Vermischung dieser beiden verschieden- 
artigen wissenschaftlichen Begriffe, die dennoch mit demselben Namen Trieb 
bezeichnet werden, ihre Ursache haben. Unter diesen Umständen müsste man 
entweder auf den ganzen Gewinn verzichten, den die alte energetische Auffassung 



12) Grundlagen der Psychoanalyse, Leipzig 1927. 

13) Imago, 1935. 

14) Cf. Cit. p. 310 f. 






Von den vitalen oder somatischen Trieben 181 

des Triebs eingebracht hatte, oder aber, was ich selbst vernünftiger fände, nicht 
mehr vom Trieb sprechen, wenn man allgemeine, auf Tod oder Leben gerichtete 
Tendenzen meint, die Eros oder Destruktion genannt werden. Diese Lösung 
scheint mir umso wünschenswerter, als mir der Begriff eines Todestriebes, d.h. 
einer Energie, deren Eigentümlichkeit darin besteht, dass sie das zu zerstören 
trachtet, worin sie ihren Ursprung hat, schwer fassbar erscheint. Ein Sinn ergibt 
sich nur, wenn man sie sich als eine Tendenz zur Verringerung des Energieniveaus 
vorstellt, worin sie auch mit Freuds Definition übereinstimmen würde, der sie als 
eine Tendenz beschreibt, die das Lebende in den anorganischen Zustand zurück- 
führen will. 

Bevor ich mit der Diskussion der Triebtheorie fortfahre, erlauben Sie mir 
Ihre Aufmerksamkeit auf ein anderes Gebiet neuerer psychoanalytischer For- 
schung zu lenken. Ich meine die Ichanalyse. 15 Wenn ich es tue, so geschieht es 
in der Hoffnung auf Belehrung für das Verständnis der Triebe. Es ist merk- 
würdig, dass das Studium des Ich zeitlich mit Untersuchungen über die Aggression 
und den Destruktionstrieb zusammengefallen ist. Von dieser Epoche in der 
Geschichte der Analyse angefangen hat der Begriff des Ich eine Bedeutung ange- 
nommen, die sich von der unterscheidet, die man stillschweigend miteinbegriff, 
wenn man von den Ichtrieben sprach. Es handelt sich seither um eine topische 
und strukturelle Vorstellung des Ich. Das Ich ist eine der drei Instanzen des 
Psychischen geworden, neben dem Es und dem Uberich. Das Ich ist an die 
Stelle dessen getreten, was in Freuds anfänglicher Terminologie als das 
System Wbw bezeichnet wurde, sowie dessen, was man Bewusstsei.a im Gegensatz 
zum Unbewussten nannte. Inzwischen ist der Ichbegriff noch in einem neuen 
Sinn bereichert worden. Es heisst bei Freud, dass ,,das Ich jener Teil des Es 16 
ist, der durch die Nähe und den Einfluss der Aussenwelt modifiziert wurde, zur 
Reizaufnahme und zum Reizschutz eingerichtet, vergleichbar der Rindenschicht, 
mit der sich ein Klümpchen lebender Substanz umgibt. . . . Die Beziehung zur 
Aussenwelt ist für das Ich entscheidend geworden. . ." 17 Das Ich ist der Mittler 
zwischen Es und Aussenwelt, es ist sozusagen der Vertreter dieser Aussenwelt 
gegenüber den Trieben. Seine Aufgabe besteht darin, die ihm entgegenstehenden 
Kräfte zu erkennen und sie dadurch zu beherrschen, dass es zwischen den Kräften 
des Triebes und denen der Aussenwelt eine Synthese herstellt. 

In den Referaten der kürzlich abgehaltenen französisch-englischen Tagung, die 



15) Zu diesem Gegenstand siehe E. Jones, Imago 1936. 

16) H. Hartmann hat sehr richtig bei einer kürzlich stattgefundenen Diskussion bemerkt, dass 
es richtiger sei, vor dieser Scheidung nicht vom Es zu sprechen, sondern lieber von einem Stadium 
der Undifferenziertheit. 

17) Freud, „Neue Vorlesungen", Ges. Sehr., Bd. XII. 



1 82 R. Loewenstein 



den Ichbegriff zum Thema hatte, haben Sie I s a a c s und Nacht in ebenso 
glänzenden wie klaren Vorträgen die Rolle des Ichs bei der Abwehr gegen die 
Triebe behandeln hören, das Problem der Ichstärke und der synthetischen Funk- 
tion, ferner die Bedeutung der Ichinhalte, d.h. der Wahrnehmungsspuren der 
äusseren und inneren Welt und ihrer Verarbeitungsformen. 

Andere Seiten des Ich sind in der letzten Zeit hervorgehoben worden: durch 
O d i e r in einem seiner Kurse am Institut und in einem Vortrag, den Sie hier 
selbst mitangehört haben. Ferner durch Hartman n 18 in einer Arbeit von 
grosser Wichtigkeit, die soeben erschienen ist, über das autonome Ich und die 
konfliktfreie Sphäre. In dieser Arbeit untersucht Hartmann in sehr zutreffender 
Weise Strukturen der Funktionen und Reifungsvorgänge am Ich, die bis zu einem 
gewissen Grade vom Triebleben unabhängig sind. 

Aus der Aufzählung aller dieser Ihnen bekannten Arbeiten können Sie festeilen, 
dass gar nicht mehr von den Ichtrieben die Rede ist. Dieser Begriff, sofern man 
sich seiner zur Schilderung eines pathologischen Konflikts bediente, ist durch den 
Konflikt zwischen Es und Ich ersetzt worden, wobei dieses Ich ein Vertreter des 
Einflusses der Aussenwelt ist. Ebenso verhält es sich bei der Darstellung des 
therapeutischen Prozesses, wie z.B. Anna Freud oder B i b r i n g sie 
gegeben haben. Nirgends werden die Ichtriebe erwähnt. Denn nach einem stum- 
men Übereinkommen bezeichnet das Ich eine Funktionseinheit, eine Instanz im 
Innern der Persönlichkeit, deren wichtigsten Charakterzug seine Stellung zwischen. 
Es und Aussenwelt bildet. 19 

Die Vorstellung vom Ich hat sich in den analytischen Schriften immer deut- 
licher abgegrenzt. Seither ist es schwierig geworden, wie man es früher getan hat 



18) Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXIV., 1939. 

19) Ich vernachlässige hier das Uberich. — Der Begriff des „moi" hat zu terminologischen 
Meinungsverschiedenheiten Anlass gegeben, die zur Folge hatten, dass einige Analytiker sich des 
Pichonschen Ausdrucks „le je" statt dessen bedienen. Das ,,moi" ist für Pichon die ,, personne 
Stoffe", der Terminus „je" aber bezieht sich auf die „petsonne tenue" . Darum zieht er diesen vor 
wenn es sich um das psychoanalytische Ich handelt. Mir scheint, dass das „je" einen zu „dünnen" 
Inhalt hat, um den psychoanalytischen Begriff wiedergeben zu können. Darum entscheide ich 
mich für die Beibehaltung des Begriffs „moi". Auch würde man, fürchte ich, zu schwer entwirr- 
baren Unklarheiten kommen, wenn man die Gesamtpersönlichkeit als „moi" bezeichnen wollte 
wie Pichon es tut. (Siehe hier die sehr schöne kleine Arbeit von Lagache: „Lasignißcation psycho- 
logique du pronom de la premiere personne".) 

Ich weiss, dass es sich bei terminologischen Fragen sehr wesentlich um Konventionen handelt 
aber gerade das ist der Grund, aus dem das Wort „moi" mir richtiger gewählt erscheint, wenn es 
sich darum handelt, die „personne £toff£" zu bezeichnen, die der psychoanalytischen Vorstellung 
entspricht, während die „Gesamtperson" oder die „Persönlichkeit" brauchbare Bezeichnungen 
für die psychische Seite des Individuums wären und das Wort „je" für diejenigen psychischen 
Gebiete, die ganz und gar mit dem Bewusstsein von der eigenen Person verknüpft sind. 



. 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 1 83 

von Ichtrieben zu sprechen. Freud hat dem Rechnung getragen, wenn er 
z. B. sagt: neben dem Sadismus des Uberich gebe es den Masochismus des Ich — 
und sich dann verbessert und meint, dass dieser primäre Masochismus eher im 
Es oder in der Gesamtperson existiere. 

Noch eine andere Schwierigkeit ergibt sich aus dieser Kristallisation des Ich- 
begriffs, nämlich dort, wo man von Triebreaktionen innerhalb der Instanzen 
spricht. So scheint es mir schwierig zu sagen, dass das Ich sich dem Es als Objekt 
seiner Triebe anbietet, da man doch mit dem Ich den Tatbestand der Kontrolle 
und Beherrschung der Triebe beschreibt. Es scheint mir auch nicht leicht, wenn es 
sich um den Narzissmus handelt, von einem auf das Ich gerichteten Trieb zu 
sprechen, im Gegensatz zu denen, die sich auf äussere Objekte richten. Es handelt 
sich dabei nicht um das topische und strukturelle Ich, das wir jetzt mit diesem 
Namen benennen. Die erwähnten, auf das Ich gerichteten Triebe kann man als 
in irgendeiner Weise an das Innere der Persönlichkeit gebunden beschreiben. 
Anders verhält es sich mit dem erotischen Narzissmus. Wenn man sich selbst in 
einer erotischen Weise liebt, so bildet ein Teil des Individuums das Objekt dieser 
Liebe. 20 

Alles das bringt uns wieder zum Bewusstsein, dass es nicht möglich ist, alle 
psychologischen Tatsachen in ein und demselben Koordinatensystem darzustellen, 
wie z.B. die Teilung der Persönlichkeit in drei Instanzen eines darstellt. Ich bin 
übrigens der Meinung, dass das topische Bezugssystem gerade wegen seines räum- 
lichen Charakters mit einer besonderen Vorsicht gehandhabt werden muss, wenn 
es sich um Erklärung und Beschreibung psychischer Erscheinungen handelt, 
deren wesentliche Besonderheit es ist, sich nicht im Raum sondern ausschliesslich 
in der Zeit abzuspielen. 

Die Notwendigkeit einer Mehrzahl von Bezugssystemen, um psychologische 
Tatsachen zu beschreiben, ist einmal von Bernfeld ansprechend formuliert 
worden. Er sagt, dass die menschliche Seele einer Symphonie vergleichbar sei, die 
man nur fehlerfrei aufführen könne, wenn man über eine grosse Anzahl von Musik- 
instrumenten verfüge; und dass es deren wohl geordnetes Zusammenspiel sei, 
welches allein ein getreues Bild dessen ergäbe, was sich in der menschlichen Seele 
abspielt. Ich bin sicher, wir kennen noch nicht alle ihre Melodien, und ich fürchte 
sogar, dass die verschiedenen Instrumente uns noch nicht einmal alle bekannt 
geworden sind. 

Wie dem auch sei, bei der heutigen Definition des neurotischen Konflikts, d.h. 
dem Konflikt zwischen der Triebforderung und dem Ich, welches die Realität 
vertritt, stellt man Begriffe nebeneinander, die aus zwei verschiedenen Begriff- 

20) Nur möchte ich lieber diesen Teil der eigenen Person nicht als „moi" sondern als „je" 
bezeichnen, sofern dieses auch den Körper selbst mit umfassen kann. 



184 R. Loeioenstein 



Systemen stammen. Bei der früheren Darstellung sprach man von Konflikten 
zwischen zwei Mächten, dem Sexual- und dem Ichtrieb. Wir haben gesehen, dass 
der letztere Terminus mit Recht eliminiert worden ist; ist doch das Ich seiner 
Definition nach etwas den Trieben Entgegengesetztes und von ihnen Verschie- 
denes. 

Wenn man den Begriff der Aussenwelt, die sich in das Ich fortsetzt und sich 
den Trieben entgegengestellt, näher zu fassen sucht, bemerkt man ohne Schwierig- 
keit, dass es sich hier nicht um eine beliebige Aussenwelt handelt. Tatsächlich ist 
es für den intrapsychischen Konflikt unwichtig, ob dies oder jenes sich auf den 
Antipoden oder selbst beim Nachbarn abspielt, solange diese Aussenwelt das 
betreffende Individuum nicht berührt und ihm nichts bedeutet. Was nichts anderes 
bedeuten soll, als dass für den Konflikt zwischen den Trieben und dem Ich aus- 
schliesslich jene Aussenwelt von Wichtigkeit ist, die mit den Bedürfnissen und. 
Triebinteressen des Individuums in Zusammenhang steht. Das versteht sich von 
selbst, berechtigt uns aber zu der Forderung, die früheren Ichtriebe durch andere 
Triebkräfte zu ersetzen. Man kann sie als Triebe „zur Erhaltung des Individuums" 
bezeichnen oder auch als „vitale" Triebe (und sie von Freuds Lebenstrieben 
unterscheiden). 

Und wirklich, wenn wir die Meinung vertreten, dass die Todestriebtheorie 
wenig geeignet ist, ein ausreichend klares und vollständiges Bild vom Walten der 
psychischen Kräfte zu verschaffen, so schliessen wir uns denen an, die in dieser 
Hinsicht die alte Auffassung vorziehen. Sicherlich muss aus all den von uns ange- 
gebenen Gründen die alte Theorie eine Veränderung in ihrer Terminologie und vor 
allem eine Ergänzung erfahren. Zu meiner Freude habe ich in einer Arbeit von 
Hartmann meine Auffassung bestätigt gefunden, dass die Selbsterhaltungs- 
triebe von der Psychoanalyse stiefmütterlich behandelt worden seien. In meiner 
Arbeit über den Masochismus habe ich versucht, einen Grund hierfür anzugeben. 
Ich habe darin angeführt, dass B e r n f e 1 d versucht hat, ihre Existenz zu leugnen 
da nach seiner Meinung alle psychologischen Manifestationen auf den Einfluss 
erogener Zonen zurückzuführen seien. Mir scheint nicht nur diese Behauptung 
an sich irrig, sondern sie scheint mir auch den Mechanismus der Skotomisation 
anzuzeigen, der die Psychoanalytiker zur Vernachlässigung der Tätigkeit der 
vitalen Triebe geführt hat. So z.B. unterstreicht man bei der Untersuchung einer 
hysterischen Lähmung die Wirkung sexueller Faktoren auf die gewöhnliche 
Muskeltätigkeit des Arms. Sind diese pathogenen sexuellen Elemente durch die 
analytische Behandlung beseitigt, so erfüllt der Arm seine Funktionen wieder, und 
man vergisst, davon zu sprechen, als ob es sich von selbst verstünde, welchen 
Anteil die vitalen Selbsterhaltungskräfte bei dieser nun wieder hergestellten 
Muskeltätigkeit haben. 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 185 

Diese selbe Nichterwähnung des Selbsterhaltungstriebes scheint uns in den 
für die Pathogenese der Neurosen grundlegenden Schemen zu begegnen, das z. B. 
die Phobie des kleinen Hans auf die Kastrationsangst zurückführt. 21 In der Be- 
schreibung dieser Neurose im Rahmen der Triebtheorie spricht Freud von 
einer narzisstischen Wunde. Hier ist der Narzissmus mit Recht als die erotische 
Komponente des Egoismus aufzufassen oder, wie wir noch lieber sagen würden, 
des Selbsterhaltungstriebs. Was der Kastrationsangst zugrunde liegt, könnte 
tatsächlich als ein Beispiel von Triebmischung angesehen werden, die man als 
Narzissmus bezeichnet. Die „vitale Gefahr" wird bei dem Knaben von der Angst 
um das Genitalorgan beherrscht. Aber wir wissen, dass Furcht in der Form von 
Kastrationsangst ein für den Menschen spezifisches Merkmal ist und, wie Freud 
es noch kürzlich ausgesprochen hat, eine Folge der menschlichen Civilisation. 
Beim Menschen kann der narzisstische Charakter der Gefahr ihren „vitalen" 
Charakter übertreffen, aber diese „vitale Gefahr" gibt es trotzdem auch für ihn. 

Es kommt hinzu, dass die seit einiger Zeit von Freud vertretene Auffassung 
der Angst als Alarmsignal uns frei stellt, den Selbsterhaltungstrieben einen grossen 
Anteil an der Entstehung der Neurosen zuzuschreiben. Jedenfalls spielen die Selbst- 
erhaltungstriebe nach dieser Auffassung der Angst eine Rolle heim Zustande- 
kommen der Realangst. Wir haben keinen Grund zuzugestehen, dass bei der 
neurotischen Angst das Kräftespiel, das zum Angstsignal führt, ein vollkommen 
anderes sei, nur darum weil diese Angst nicht durch äussere Realität begründet ist. 
Im Gegenteil, wir sind der Ansicht, dass das Spiel der Kräfte, der Mechanismus 
derselbe bleibt und sich nur in einer veränderten Weise äussert. Es ist übrigens 
auch möglich, z.B. für die Kastrationsangst, dass der Narzissmus die Auswahl der 
Situationen übernimmt, die als gefährlich empfunden werden. Man sollte also den 
Anteil der Selbsterhaltungstriebe an der Bildung der Neurosen ins Auge fassen. 
Der meines Wissens einzige Versuch, der unternommen wurde, um den Selbster- 
haltungsfaktor in die Theorie der Neurosen einzuführen, ist von Marie Bona- 
parte zur Erklärung der weiblichen Frigidität gemacht worden. Bei meinem 
Versuch eine Theorie des Masochismus zu geben, habe ich die Rolle, die den 
konservativen oder Selbsterhaltungstrieben zukommt, berücksichtigt. Und gerade 
jetzt hat Hartmann in seiner von mir erwähnten Arbeit die Hoffnung ausge- 
sprochen, dass seine Arbeit über die Struktur des autonomen Ichs die Wiederauf- 
nahme der Diskussion dieser sehr zu Unrecht vernachlässigten Funktionen zur 
Folge haben werde. 

Neben diesen drei Autoren hat ein einziger meines Wissens die Bedeutung der 
vitalen Triebe und ihre Beziehung zur Sexualität zwar nur mit wenigen Worten 



21) Siehe Freud, „Hemmung, Symptom und Angst", Ges. Sehr., Bd. XI. 



186 R. Loewenstein 



aber doch deutlich hervorgehoben, nämlich Freud. In seiner Arbeit „Triebe 
und Triebschicksale" sagt er: „Bei ihrem ersten Auftreten lehnen sie (die Sexual- 
triebe) sich zuerst an die Erhaltungstriebe an, von denen sie sich erst 
allmählich ablösen, folgen auch bei der Objektfindung den Wegen, die ihnen die 
Ichtriebe weisen." Sie sehen, dass Freud in dieser Arbeit sich abwechselnd 
beider Termini bedient, um dasselbe zu bezeichnen. Das erleichtert uns noch 
den Entschluss, einen der beiden Termini zu wählen und den anderen wegen seiner 
Zweideutigkeit aufzugeben. 

Es wäre sicher nicht schwer, auch für die vitalen Triebe die verschiedenen 
Triebaspekte zu beschreiben, nämlich ihre Quelle, ihr Ziel und ihr Objekt. Im 
Gegensatz hierzu wäre eine Abgrenzung zwischen den verschiedenen Arten der 
Triebbefriedung, den Befriedigungen der Selbsterhaltungs- und der erotischen 
Triebe, weniger einfach. 

In der eben erwähnten Arbeit schreibt Freud Hass und Aggression den 
Ichfunktionen zu. So sagt er z. B., dass während der sadistisch-analen Phase die 
Ichinteressen, wir nennen sie in Zukunft die Erhaltungsinteressen, den Sexualtrieb 
beherrschen. Diese Unterordnung der Sexualtriebe unter die Erhaltungstriebe ist 
von grösserer Bedeutung als man auf den ersten Blick annehmen sollte. Ich habe 
versucht, in der Bildung des sogenannten femininen Masochismus ein Beispiel 
dafür zu geben. Die Ideen, die N a c h t in seinem Referat über den Masochismus 
auseinandergesetzt hat, können in demselben Sinn aufgefasst werden. 

Lassen Sie mich der Beobachtung der Menschenaffen ein Argument entnehmen 
das für meine Betrachtungsweise spricht. Zuckermann" hat für diese 
Tiere das Prinzip der Dominanz aufgestellt, d.h. den Tatbestand, dass Individuen 
beider Geschlechter sich jeweils dem anderen Geschlecht gegenüber aktiv wie 
passiv verhalten können, männlich wie weiblich, als Ausdruck der Dominanz der 
Individuen über einander. So kommt es z.B., dass wenn zwei Affen wegen der 
Nahrung zu kämpfen anfangen, der Unterliegende dem Sieger gegenüber eine 
passiv-feminine Haltung einnehmen wird. Hier kann man deutlicher als bei Men- 
schen, z.B. im Verhältnis von Vater und Sohn, erkennen, dass Selbsterhaltungs- 
tendenzen („vitale Gefahr") entscheidenden Einfluss auf die Äusserungsformen 
wie die Sexualität haben können. 

Eine meiner Patientinnen erzählte mir eines Tages einen ähnlichen Vorgang, i n 
menschlichere Ausdrucksformen übersetzt: Die Tendenz „den Mann zu spielen" 
war in ihrem Leben von grosser Bedeutung. Sie konnte, selbstverständlich auf 
moralischem Gebiet, Frauen wie Männern gegenüber ohne Unterschied den Mann 
spielen, einfach durch die Kraft ihres moralischen Übergewichts diesen Personen 

22) Zuckermann: „Social life of monkeys and apes", London 1932; vgl. hierzu die Arbeit von I 
Herman: „Zum Triebleben der Primaten", Imago, 1933. 



Von der vitalen oder somatischen Trieben 187 

gegenüber. So erinnerte sie sich, in ihrer Kindheit eine ganze Hierarchie aufgestellt 
zu haben, die sich, mit ihrem kleinen Bruder beginnend, über Schwester, sie 
selbst und ihre Mutter bis zu ihrem Vater erstreckte. Verschiedene Kräfte wie die 
Charakterstärke und auch die Kenntnisse auf sexuellem Gebiet waren für diese 
Rangordnung massgebend. Haben wir nicht auch in diesem Falle eine sexuelle 
Hierarchie vor uns, als Folge der Dominanz, die für das sexuelle Verhalten ent- 
scheidend ist? Diese Hierarchie der Dominanz durchkreuzte sich bei meiner 
Kranken in seltsamer Weise mit einer Hierarchie der Wesen, je nachdem sie ein 
männliches Glied besassen oder nicht. Diese beiden Hierarchien waren tatsächlich 
weit davon entfernt zusammenzufallen. Dieser Fall ermöglicht mir im übrigen zu 
verstehen, dass der Mutter ein Phallos eher zugeschrieben wird, wenn sie Züge 
von Überlegenheit aufweist, die wir, manchmal etwas leichthin, als männliche 
Züge bezeichnen. Es handelt sich bei diesen Fällen um eine Vermischung von 
sexuellen und solchen Fakten, die mit Selbsterhaltung zusammenhängen, eine 
Vermischung, bei der jede der beiden Gruppen abwechselnd vorherrschen möchte. 

Sie werden sicherlich bemerkt haben, dass ich implizite Freuds alte Theorie 
angenommen habe, die Macht, Herrschaft und Aggression zu den Äusserungen 
der vitalen Selbsterhaltungsfunktionen zählt. Lassen Sie uns im übrigen nicht 
vergessen, dass die Bedeutung des Aggressionstriebs im Unbewussten des Men- 
schen eine der Ursachen gewesen ist, welche Freud dazu veranlasst haben, ihnen 
eine selbständige Bedeutung bei der Klassifizierung der Triebe einzuräumen. 
Diesen Umstand, dass ich mich der älteren Auffassung angeschlossen habe, muss 
ich demnach wohl mit genügend schwerwiegenden Beweisen und Gründen stützen. 
Ich werde Ihnen ein Argument vorführen, das mir einen gewissen Wert zu haben 
scheint. Es ist biologischer Natur, aber auf so allgemeine und gut gesicherte Tat- 
sachen gegründet, dass sie meiner Auffassung nach bei dieser Diskussion mither- 
angezogen werden dürfen. 

Denken Sie daran, dass unter allem, was lebt, nur die Pflanzen allein im- 
stande sind, lebende Materie aus unorganischen Stoffen zu bilden, dass die Wesen 
des Tierreichs dessen unfähig sind, und dass sie, um zu existieren, sich von Pflanzen 
und von anderen Tieren ernähren müssen. So zwingt der elementare Selbster- 
haltungstrieb, der Hunger, die Tiere zur Bewegung, zum Erbeuten und zur Zer- 
störung anderer Lebewesen. Wird man nicht mit Gewalt dahin geführt, zu erwägen, 
ob nicht die destruktiven und aggressiven Triebe im Menschen ebenfalls mit den 
vitalen Trieben der Selbsterhaltung eng verbunden sind? Es steht fest, dass die 
Aggression in einem intimen Zusammenhang mit der Sexualfunktion steht, für 
den Menschen jedenfalls, aber auch für das Tier; und wäre es nur darum, weil 
dasselbe Muskelsystem zum Ergreifen der Beute wie des sexuellen Partners 
gebraucht wird. Bei den in einer Gemeinschaft lebenden oder noch richtiger bei 

12 Vol. 25 



1 88 R. Loewenstein 



den civilisierten Menschen scheint sich der Aggressionstrieb sehr deutlich von 
dem Nahrungsbedürfnis zu scheiden; er erweckt den Anschein eines unabhängigen 
Triebes. Dennoch ist, unserer Meinung nach, sein Ursprung mit den Selbster- 
haltungstrieben eng verbunden. 

Diese Folgerung scheint mir die Stellung derjenigen fühlbar zu verstärken, die 
wie ich aus dem Studium der psychischen Störungen, unter Zugrundelegung 
einer Theorie der Triebeinteilung, wie wir sie vertreten, Nutzen zu ziehen hoffen. 
Diese Art der Betrachtung betont die Wichtigkeit der Selbsterhaltungstriebe in 
der Struktur der Neurosen, indem sie ihre Beziehung zur Angst und auch zum 
Leiden unterstreicht. Dieses letzte Element, wir wollen es nicht vergessen, ist ein 
entscheidender Faktor für jede Krankheitslehre. Es ist es auch beim Heilungs- 
prozess. So findet der Begriff „Genesungswille", von N u n b e r g betont, von 
Laforgue wieder aufgenommen, seinen Platz in der Trieblehre. 

Man kann und soll nach meiner Meinung in den praktischen Folgerungen aus 
der Theorie, von der ich gerade gesprochen habe, noch weiter gehen. Man sollte 
sich die Frage stellen, ob man nicht, im Gegensatz zu unserer bisherigen Annahme, 
Neurosen auch aus Störungen der Selbsterhaltungstriebe ableiten könnte. Dass wi r 
den Aggressionstrieb zu den letzteren zählen, entscheidet die Frage im bejahenden 
Sinn. Diese Schlussfolgerung scheint übrigens viel weniger überraschend, wenn 
man an das enge Band denkt, das die Selbsterhaltungstriebe mit dem Ich, im topi- 
schen Sinne, verbindet. Gerade dieses Band ist ja teilweise für die zweideutige 
Benennung „Ichtrieb" verantwortlich zu machen. 

Spielen nicht Traumen auf dem Gebiet der Ernährung oder das Verdrängen 
kannibalistischer Tendenzen eine gewisse Rolle bei den Neurosen? Und obwohl 
sie sicherlich immer in einem starken Mass erotisiert sind, gehören sie augen- 
scheinlich zu den archaischen Formen der vitalen Triebe. 

Die traumatischen Neurosen und ganz besonders die Kriegsneurosen scheinen 
mir der Hauptbereich der Neurosen zu sein, die nicht ausschliesslich libidinös 
verursacht sind. In einer Sammlung von Aufsätzen verschiedener Psychoanalytiker 
über dieses Thema aus dem Jahre 1920 hat Freud die Entstehung dieser 
Neurosen aus der pathogenen Rolle des Narzissmus erklärt, d.h. durch Vermi- 
schung von erotischen und Selbsterhaltungstendenzen. Die Bedeutung des aggres- 
siven Faktors verschwand augenblicklich, wenn sein Prinzip erkannt war. 

Fälle dieser Gruppe, damals von S i m m e I beobachtet und behandelt und in 
dieser Sammlung von Aufsätzen publiziert, sind von diesem Gesichtspunkt aus 
besonders interessant. Es handelt sich um Männer, befallen von posttraumatischen 
Krisen, die er hypnotisierte und dann einer als feindlicher Soldat verkleideten 
Puppe gegenüber stellte. Der hypnotisierte Kranke geriet in einen Zustand äus- 
serster Wut, prügelte und vernichtete die Puppe. Diese Sitzungen, während deren 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 189 



der Patient abreagierte, ergaben sehr gute therapeutische Resultate. Jedenfalls 
hängt die Entstehung dieser Neurosen mit der Hemmung der Selbsterhaltungs- 
reaktionen zusammen, der Reaktionen der Abwehr durch Vernichtung des Feindes. 
Meiner Meinung nach spielen analoge Mechanismen von Hemmung der Aggression 
in ihren Anfängen auch in der Struktur des Masochismus eine Rolle. 

Ich bin mir darüber klar, dass ich ein Gebiet der analytischen Forschung nur 
leicht streife, das hoffentlich zu viel ausgedehnteren Forschungen Gelegenheit 

geben wird. 

Gestatten Sie mir noch einige Worte über die Beziehungen zwischen den vitalen 
Trieben und dem Ich. Zuerst möchte ich etwas über die topische Struktur der 
Persönlichkeit klarstellen. Die Selbsterhaltungstriebe gehören offenbar ebenso 
wie die Sexualtriebe zum Es. Auf diese Weise können sie durch alle uns bekannten 
Abwehrmechanismen vom Ich abgehalten werden. Es ist uns bekannt, dass das 
Ich den Aggressionstrieben oftmals feindlich ist. Aber ebenso verhält es sich mit 
egoistischen Tendenzen, besonders wenn diese mit erotischen, vom Ich aner- 
kannten Tendenzen in Widerspruch geraten. Erinnern wir uns daran, wie schwierig 
es oft in den Analysen ist, Regungen eines krassen Egoismus aus der Verdrängung 
auszugraben, auch wenn ihnen das Element der Aggression fehlt. So würde es 
den Anschein erwecken, dass das Ich unparteiisch die Verdrängung der Vertreter 
der Sexualtriebe wie der der Selbsterhaltungstriebe beherrscht. Trotz alledem 
scheint es mir wahrscheinlich, dass es sich bei seiner Wahl nicht ganz so un- 
parteiisch verhält, dass gewisse Formen des Selbsterhaltungstriebes dem Ich näher 
stehen als andere. Und ich glaube, dass diese Tendenzen einen gewissen Einfluss 
auf die Gestaltung jenes Teils des Ichs haben können, den H a r t m a n n als 
das „autonome Ich" bezeichnet. 

Die Unabhängigkeit, die ich den vitalen Selbsterhaltungstrieben zurückzugeben 
bemüht bin, zu denen man, nach meiner Ansicht, die Aggression zählen darf, 
dieser scheinbare Rückschritt, den ich in Vorschlag bringe, soll indessen nicht 
als eine Regression zu voranalytischen Auffassungen angesehen werden. Damit 
will ich sagen, dass man sich hüten soll, die vitalen Triebe mit dem Instinkt der 
Selbsterhaltung im nichtanalytischen Sinn zu verwechseln, der dessen automa- 
tisches Funktionieren und finalen Charakter besonders betont und der alle wesent- 
lichen Züge des Freu d'schen Triebbegriffes beiseite lässt. Tatsächlich handelt es 
sich bei den vitalen Trieben um Triebe in der Mehrzahl, deren gemeinsame 
Eigentümlichkeit darin besteht, dass sie sich in Funktion des Soma auswirken, im 
Gegensatz zum Keimplasma. In diesem Sinne stelle ich den Sexualtrieben die 
„somatischen Triebe" gegenüber. 

Beim Menschen, der uns hier in allererster Linie interessiert, sind, insofern er 
ein vielzelliges Wesen ist, diese beiden Triebquellen ausserordentlich gemischt. 






190 R- Loewenstein 



Das erlaubt uns, die konstante Vermengung der Triebäusserungen somatischer 
und sexueller Natur besser zu verstehen. Die hier vorgeschlagene Einteilung setzt 
mich, so scheint es mir, in die Lage, eine der von B i b r i n g erwähnten Schwierig- 
keiten zu überwinden, die F r e u d veranlasst haben, von seiner früheren Theorie 
abzugehen, in der er den Aggressionstrieb zu den Selbsterhaltungstrieben zählte 
nämlich die Schwierigkeit, die Triebe nach ihren Quellen einzuteilen. Ja, die 
Gegenüberstellung sexueller und somatischer Triebe gestattet nicht nur bei den 
letzteren dieselben wohlbekannten Charaktere zu unterscheiden, nämlich Quelle 
Ziel, Objekt, sondern auch ihre physikalisch-chemischen Grundlagen ins Auge 
zu fassen, wie es bei den Sexualtrieben der Fall war. So kann das, was wir als 
vitale Triebe der Selbsterhaltung bezeichnen, als Energiespannung beschrieben 
werden, die ihren Ursprung im Soma hat. 

Bi bring erwähnt noch eine andere Schwierigkeit, die dazu beigetragen hat, 
dass die Triebtheorie von Freud abgeändert wurde. Er sagt, es sei schwierig 
durch die Aggression der Ichtriebe die Tatsache zu erklären, dass das Ich sich 
sowohl gegen sadistische wie masochistische Äusserungen zu wehren habe. 23 Ich 
glaube, dass diese Schwierigkeit zu einem grossen Teil von der Beibehaltung des 
so zweideutigen Begriffs „Ichtriebs" herrührt. Die nach aussen wie gegen das 
eigene Ich gerichteten aggressiven Triebe haben nichts mit dem Ich als struk- 
turellem Begriff zu tun. Ganz so wie die sexuellen und vitalen Triebe können die 
aggressiven Triebe gegebenenfalls in Widerspruch zum Ich treten und seine 
Abwehr herausfordern, mittels Energien, die aus entgegengesetzten Trieb- 
komponenten stammen — oder auch sich die Zustimmung des Ichs verschaffen 
und in seinem Namen zu verwirklichen suchen. 



Die beiden Triebtheorien, diejenige, zu der ich zurückkehren möchte, und jene 
andere von den Lebens- und Todestrieben, haben einen biologischen und einen 
energetischen Aspekt. Doch haben B i b r i n g und auch Bernfeld mit 
vollem Recht den wesentlichen Unterschied zwischen den beiden hervorgehoben. 
Einen Unterschied schon im Triebbegriff. Bibring sagt, dass Freud den 
Trieb ursprünglich als eine gewisse Energiemenge auffasste, die an das Seelische 
herantritt. Das Wesentliche dieser Auffassung, die den Begriff des Triebes dem 
des Reizes unterordnete, besteht darin, dass der psychische Apparat auf diese 
Energiespannungen mit einer Energieverteilung reagierte, die ihrerseits wieder 
den Regulationsprinzipien untergeordnet war (Lust- und Realitätsprinzip). Die 
Theorie der Todestriebe läuft auf eine immer zunehmende Annäherung der 

23) L. c. S. 160. 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 191 

Triebe und der Regulationsprinzipien hinaus. Die Todes- und Lebenstriebe 
werden ihrerseits die Grundprinzipien, die die lebende Materie beherrschen. 
Freud definiert das so: „Das Nirwanaprinzip drückt die Tendenz des Todestriebs 
aus, das Lustprinzip vertritt den Anspruch der Libido und deren Modifikation, 
das Realitätsprinzip, den Einfluss der Aussenwelt." 

In der Klassifizierung, die die somatischen und die sexuellen Triebe einander 
gegenüberstellt — im Grunde eine Ableitung des alten Gegensatzpaares Einzel- 
wesen und Gattung — wird der Trieb als Eigenschaft der lebenden Materie aufge- 
fasst. In F r e u d s späterer Theorie regieren die Triebe den Tod und das Leben, 
d.h. diese letzteren sind die Wirkung der Triebe. Es liegt uns fern, das Resultat 
eines solchen Gedankens zu kritisieren. Aber was uns sicher scheint, ist, dass diese 
letztere Idee des Triebes eine wissenschaftlich völlig von der früheren verschiedene 
Vorstellung ist. Wir werden gleich darauf zurückkommen. 

Kehren wir noch einmal zu jenem energetischen Aspekt der neueren Theorie 
zurück, der in der Annäherung der Triebe an die Prinzipien besteht. Nach meiner 
Auffassung erklärt sich dieser Schritt Freuds durch die Bemühung, den 
Trieben eine rein energetische Definition zu geben. Diese Seite des Problems 
beschäftigte ihn schon zu der Zeit, als er sagte, dass der Unterschied zwischen den 
Energien der Erhaltungstriebe und denen der Sexualität nicht qualitativ sondern 
nur quantitativ sein könne. Dieser quantitave Unterschied konnte wohl in den 
beiden beobachtbaren energetischen Ablaufweisen liegen; der einen, die nach Ver- 
mehrung von Spannung strebt, nach Leben, der anderen, die Nachlassen der 
Spannung anstrebt, die auf Ruhe, Tod gerichtet ist. Offenbar kann es sich hier 
nicht um zwei verschiedene Energien handeln, denn das würde die Annahme einer 
dritten Energieform notwendig machen, in der sich Vermehrung wie Verringerung 
von Spannung offenbaren würde; vielmehr nur um eine einzige Energie, deren 
Streben nach Nachlassen der Spannung Todestrieb und nach ihrer Vermehrung 
Lebenstrieb genannt würde. 

Die alte Auffassung Freuds vom Lustprinzip — Lust an die Abnahme der 
Spannung gebunden — konnte mit der Mehrzahl der beobachteten Tatbestände 
in Übereinstimmung gebracht werden. Allerdings nicht mit allen. Die neue Formu- 
lierung hingegen steht im Widerspruch mit einer grossen Zahl psychologischer 
Beobachtungen. Freud selbst hat im übrigen schliesslich auf eine rein quantitative 
Definition verzichtet und eine qualitative Lösung angestrebt. „Lust und Unlust 
können also nicht auf eine Zunahme oder Verringerung einer Quantität, die wir 
Reizspannung nennen, zurückgeführt werden. Es scheint, dass sie nicht an diesem 
quantitativen Faktor hängen, sondern an einem Charakter desselben, den wir nur 
als qualitativ bezeichnen können. Wir wären viel weiter in der Psychologie, wenn 
wir anzugeben wüssten, welches dieser qualitative Charakter ist. Vielleicht ist es 



192 R. Loeioenstein 



der Rhythmus, der zeitliche Ablauf in den Veränderungen, Steigerungen und 
Senkungen der Reizquantität; wir wissen es nicht." 24 

Tatsächlich, das Dilemma bleibt. Die quantitative Unterscheidung der Triebe 
wenigstens in der Weise wie sie bis jetzt angestrebt wurde, ist ungenügend; und 
die qualitative Differenzierung hat andere Unzuträglichkeiten zur Folge, deren 
wesentlichste darin besteht, dass wir überhaupt nicht wissen, worauf sie begründet 
sein könnte. Ich gehe soweit, zu behaupten, dass wir uns nicht einmal ein Bild 
davon machen können, welches diese Qualitäten wären, die z.B. eine sexuelle 
Triebregung von einer aggressiven unterscheiden würden. Der Grund hierfür liegt 
nach meiner Meinung hauptsächlich in dem Umstand, dass eine psychische 
Energie nicht mit räumlichen Vorstellungen verbunden werden kann, da das 
Psychische nur in der Zeit und nicht im Raum gegeben ist. 

Daher sehen wir uns gezwungen, diese Qualitäten durch etwas anderes zu 
ersetzen, durch Unterscheidungsmerkmale psychologischer und physiologischer 
Natur, zu denen die Psychoanalyse im übrigen manchesmal ihre Zuflucht genom- 
men hat, womit sie eigentlich stillschweigend eine qualitative Differenzierung der 
Triebe einführt. 

Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang, dass der Triebbegriff ein rein 
theoretischer ist. Was wir beobachten können, sind ja nur Phänomene, die wir als 
Manifestationen dieses Triebes ansehen. Der Triebbegriff selbst ist eine Arbeits- 
hypothese; wir sind bemüht, ihn abzugrenzen und ihm näher zu kommen, indem 
wir mit der grösstmöglichen Sorgfalt das einzige, was wir beobachten können 
nämlich die Triebmanifestationen, beschreiben. 

Jegliche Theorie der Triebe basiert auf der Beobachtung einer Reihe von quali- 
tativen oder quantitativen Unterscheidungsmerkmalen, die uns erlauben, Kriterien 
der Klassifizierung und Einteilung der Triebe anzugeben. Denn vom Trieb selbst 
ist uns keine Qualität oder Quantität bekannt. 

Auf welche Kriterien gründen wir nun die Einteilung, Klassifizierung und die 
besonderen Merkmale der Triebe? Die Antwort lautet wieder: auf Eigentümlich- 
keiten der Triebäusserungen. Woran z. B. erkennen wir, dass eine Triebäusserung 
sexuell oder sexuellen Ursprungs ist? An verschiedenen Zeichen oder Arten der 
Gegebenheit, die ungleichen Wert haben. 

Versuchen wir sie zu beschreiben, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. \\ 
Subjektive Empfindung sui generis der Erregung oder der Lust (Kriterium des 
Ziels). 2.) Daran, dass gewisse Empfindungen oder Situationen von eindeutig 
sexuellen Reaktionen begleitet werden, wie z. B. Genitalerregung. 3.) Dass ein 
gewisses Verhalten gewöhnlich zu einem Gesamtbild gehört, zu einem Kreis von 

24) Freud, „Das ökonomische Problem des Masochismus", Ges. Sehr., Bd. V. 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 193 

Vorgängen, der seinerseits dem sexuellen Leben angehört; wie z.B. gewisse For- 
men der kindlichen Neugierde oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, die 
Tatsache der Brutpflege bei allen Tieren. 4.) Gewisse Verhaltensweisen bei 
Menschen oder Tieren können als „im Dienst" des Sexualtriebs beschrieben 
werden, wie z. B. das Vergnügen am Schmuck bei der Frau. 25 

B e r n f e 1 d betont in einer Arbeit über die Einteilung der Triebe das, was er 
als psychoanalytisches Kriterium bezeichnet, wodurch die Zuteilung gewisser 
Phänomene zum Sexualtrieb ermöglicht wird. Dieses psychoanalytische Kriterium 
im menschlichen Verhalten ist nach meiner Meinung nichts anderes als der Nach- 
weis der eben aufgezählten Zeichen in verschiedenen menschlichen Verhaltens- 
weisen — in unauffälliger oder verschleierter Form; oder auch ihre Ableitung aus 
anderen Verhaltensweisen, in denen jene besonderen Anzeichen von Sexualität 
deutlich erkennbar sind. 

Teilweise stimmen diese besonderen Zeichen mit Triebziel und Triebobjekt, 
wie Freud sie beschrieben hat, überein. Der Ursprung ist das einzige der Kriterien, 
das ganz hypothetisch ist. Er entzieht sich der Beobachtung und ist vielleicht 
gerade dadurch in besonderem Mass geeignet, als Basis für eine allgemeine Klas- 
sifizierung zu dienen. 

Ein letztes Kriterium der Triebe, das als Grundlage einer Triebeinteilung ge- 
dient hat, ihre energetische Seite, zeigt einige Eigentümlichkeiten. Bei der Auf- 
stellung des Lustprinzips in der alten Fassung hatte die Beobachtung von Tat- 
sachen als Ausgangspunkt gedient. Die alte Fassung verdankt ihren Wert haupt- 
sächlich der Tatsache, dass es sich hierbei um ein durch Definition festgelegtes 
Prinzip handelte, die neue Form, die sich das Regulationsprinzip zu eigen gemacht 
hatte, die von einer Spannungszunahme und Abnahme spricht, ist in ungünstiger 
Weise durch die Begriffe Lebens- und Todestrieb, die an ihr hängen, belastet. 
Diese quantitativen termini stören die Ordnung der grundlegenden energetischen 
Sachverhalte; so kommt es, dass die offenbar auf energetischer Grundlage aufge- 
baute Einteilung nicht mehr den Tatsachen in einem qualitativen System ent- 
spricht, sobald man sie darauf anwenden will. Im übrigen ist der Wert einer 
Arbeitshypothese, und auch die Triebeinteilung ist nichts anderes, nur genau zu 
ermessen, wenn sie mit den Tatbeständen konfrontiert wird. Nur einige Tatsachen 
will ich anführen, deren Widerspruch zur Theorie mir völlig unüberwindlich 
erscheint. So führen z. B. B i b r i n g und N u n b e r g das Bedürfnis nach 
Schlaf, nach Ruhe als Beispiel des Nirwanaprinzips, als Ausdrucks des Todestriebs, 
an. Nun sind aber Ruhe und erholender Schlaf gerade Ausdruck der Kräfte, die 

25) Saussure macht den Versuch einer Einteilung der Triebe, je nach den Mechanismen, die sie 
auslösen oder denen sie gehorchen. 



13 Vol. 25 



194 R. Loewenstein 



dem Leben dienen. Dieselben Widersprüche ergeben sich, wenn man die energeti- 
schen Begriffe der Spannung und Entspannung auf die Sexualität und Aggression 
anwendet. 

Wohlbekannt ist der Widerspruch zwischen der Entspannung, zu der die sexuelle 
Befriedigung führt und der Zuordnung der Entspannung zu den Todestrieben. 
Ein anderer Widerspruch, den ich nirgends erwähnt gefunden habe, liegt in dem 
für den Hass und das Aggressionsbedürfnis so bezeichnenden Umstand, dass sie 
ihre Existenzberechtigung zu vergrössern trachten, im Bedürfnis, die vorhandene 
Spannung zu steigern, ganz analog dem sexuellen Bedürfnis, das mit allen Mitteln 
sucht, die Spannung zu erhöhen. Zugegeben, diese Tatsachen können im Notfall 
in der Terminologie der Theorie des Todestriebs beschrieben werden, aber nur 
wenn man Triebbegriffe zugrundelegt, welche so völlig verschieden sind von 
denjenigen der ersten Arbeiten Freuds, dass man sich gezwungen sieht, zwischen 
der einen und der anderen Vorstellung zu wählen; auf der einen Seite der Vor- 
stellung einer Energiespannung, die auf das Seelische einwirkt, auf der anderen 
Seite jenes „Etwas", 26 das über Leben und Tod herrscht. Diese beiden Vor- 
stellungen sind grundlegend verschieden voneinander und es ist unmöglich, sie 
auf einander zurückzuführen. Gewiss versucht man diesen Widerspruch dadurch 
zu lösen, dass man von den ersteren als Trieben, von den letzteren als Grundtrieben 
spricht. Diese terminologische Unterscheidung erscheint mir aber sehr unzu- 
länglich. Leiten sich doch, wie wir wissen, Triebe aus den Grundtrieben ab. Mir 
scheint, die Bezeichnung Trieb sollte nur für den von Freud in seiner früheren 
Theorie definierten Begriff reserviert werden, zu der wir uns bemüht haben, einen 
biologischen wie methodologischen Beitrag zu leisten. Das Wort „primäre Trieb- 
regung" sollte nach meiner Meinung besser durch ein anderes ersetzt werden, etwa 
„allgemeine Tendenz der lebenden Materie". Diese terminologische Änderung 
würde gleichzeitig eine Klassifizierung unserer theoretischen Hypothesen erlauben 
und gewisse unnötige Verwechslungen vermeiden. 

Die Begriffe „vitale Triebe der Selbsterhaltung" oder „somatische Triebe" 
die ich in die Psychoanalyse wieder einzuführen versuche, können zu Missver- 
ständnissen Anlass geben. Ich habe mich während meiner Ausführungen bemüht 
sie zu vermeiden. Trotzdem scheint es mir nützlich, meinen Gedanken noch deut- 
licher auszudrücken. 27 Er betrifft die mögliche Verwechslung der vitalen E r _ 
haltungstriebe mit dem „Selbsterhaltungsinstinkt". 

Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, die Sexualtriebe unabhängig von dem Ge- 
danken an die Erhaltung der Gattung zu betrachten und zu ergründen. Die Sexual- 

26) Siehe E. Bibring, Imago, 1936. 

27) Ich danke H. Hartmann, dass er mich in der auf meinen Vortrag folgenden Diskussion dazu 
angehalten hat. 



L 



Von den vitalen oder somatischen Trieben 195 

triebe können und können nicht der Gattung dienen. Für uns Analytiker besteht 
die Frage nicht so sehr hierin wie in der Erforschung der verschiedenen sexuellen 
Kräfte und ihres Einflusses auf die menschliche Seele. Ebenso verhält es sich bei 
den Erhaltungstrieben. Es ist allgemein bekannt, dass das Individuum Kräfte 
entwickelt, um sich der Gefahr zu entziehen, sich zu verteidigen, sich zu ernähren, 
ja sogar seinen Willen anderen aufzudrängen und sie zu beherrschen. Offenbar 
handelt es sich hier nicht, im Gegensatz zu dem, was man leicht glauben würde, 
um eine unfehlbare automatische Reaktion. Es ist nun ganz besonders diese Auffas- 
sung, die im Begriff des „Selbsterhaltungsinstinkts" zum Ausdruck kommt. Was 
aber den Psychologen interessiert, das ist nicht so sehr die Frage, ob eine derartige 
Reaktion dem Interesse des Individuums dient oder nicht. Ausserdem sind ja 
Erhaltungsreaktionen oft unnötig, manchmal schaden sie sogar dem Individuum. 
Was den Psychologen interessiert, ist die Existenz gewisser Kräfte im Menschen, 
die für die Handlungen oder das Benehmen des Individuums bestimmend sind, 
und die darauf hinzielen, dieses zu verteidigen, zu ernähren, es Gefahren zu ent- 
ziehen oder es anderen überzuordnen. Diese Kräfte sind es, die man, mangels eines 
geeigneteren Ausdrucks, vitale Kräfte der Erhaltung oder auch, nach ihrer bio- 
logischen Quelle, somatische Triebe nennen kann. 

Und diesem Ursprung nach kann man auch die Aggressionstriebe zu ihnen 
rechnen. Um es noch einmal kurz zu fassen, Kräfte, die man oft den Ichreakrionen 
zurechnete, die aber meiner Ansicht nach aus dem Es stammen, geradeso wie die 
Sexualität. 

Präzisieren wir unseren Gedanken durch ein Beispiel. Der Augenlidreflex des 
Säuglings wird durch die Annäherung eines Gegenstands ausgelöst. Diesen Reflex 
einfach auf den „Selbsterhaltungsinstinkt" zurückzuführen, macht den Psycholo- 
gen wenig klüger. Sagt man aber, der Reflex sei durch von uns so genannte Er- 
haltungskräfte oder somatische Triebe ausgelöst worden, so kann das zu einer 
psychologischen Untersuchung führen. Wie mir Hartmann in einer Dis- 
kussion über dieses Thema ganz richtig sagte, geht uns Analytiker die biologische 
Frage nach der „Selbsterhaltung", „Arterhaltung" usw. nicht unmittelbar an; 
dagegen ist die Frage, welche Kräfte sich, deskriptiv und genetisch, in den Kund- 
gebungen der Seele äussern, gerade dasjenige, was die Psychoanalyse daran interes- 
siert; die Frage der Analyse nach der Ontogenese dieses Kräftespiels fällt danach 
nicht mit der Frage der Biologie zusammen, welcher Kategorie von Lebensfunk- 
tionen diese Kräfte dienen. 

Spricht man in der Analyse von Aggression, so meint und untersucht man 
gewisse Kräfte. Schreibt man sie den Todestrieben zu, so nimmt man eine gene- 
tische Extrapolation der Theorie vor. Rechnet man eine Aggression zu den 
somatischen Trieben, so tut man dasselbe. Aber meiner Meinung nach ist die 



196 R- Loezvenstein 



Theorie der Todestriebe weniger gesichert und von den Tatsachen viel weiter 
entfernt als die andere. 



Die tiefe Ursache der Vorliebe der Psychoanalytiker für eine dualistische Trieb- 
theorie liegt im Bedürfnis, den pathogenen Konflikt, diese grundlegende Tatsache 
des menschlichen Seelenlebens, auf Konflikte zwischen den wichtigsten Bedürf- 
nissen, den Haupttrieben, zurückzuführen. F e n i c h e 1 hat sehr richtig bemerkt, 
dass Freuds frühere Theorie dieses Ziel nicht erreicht, aber dass die spätere 
die der Todestriebe, in diesem Punkt noch weniger überzeugend ist. 

Meine Arbeit bezweckt, einige terminologische Unklarheiten zu beseitigen und 
mitzuhelfen, der alten Theorie durch Unterscheidung von somatischen und 
sexuellen Trieben neue Geltung zu verschaffen; zu diesem Zwecke habe ich einige 
unbeachtet gebliebene Gesichtspunkte eingeführt. So verstanden, scheint sie mir 
in einem höheren Masse geeignet, als theoretische Grundlage für das zu dienen 
was man psychoanalytisch beobachten kann. 



Beiträge zur Ätiologie und Konstitution der 

Spermatorrhoe 

von 

Eduard Hitschmann 

London 

Die Psychoanalyse hat immer die Konstitution als Grundlage für den psychi- 
schen Aufbau anerkannt, wenn sie auch für den psychologisch interessierten 
Forscher wenig greifbar scheint. Hat die Wissenschaft die Bisexualität des Indi- 
viduums längst als unbestreitbare Voraussetzung angenommen, so bestehen für 
den Kliniker doch noch viele Unklarheiten. Die Mischungsverhältnisse von W 
und M im Individuum festzustellen, ist auch für den Psychoanalytiker schwer, 
dem die unbewusste Homosexualität neben der überwiegenden Heterosexualität 
doch so oft klar an seinen Objekten begegnet. 

Abraham hat in seiner Abhandlung über Ejaculatio praecox gezeigt, dass die 
an dieser Störung leidenden Patienten den männlichen Charakter ihrer Sexualität 
eingebüsst haben. Die Glans penis hat bei vielen derselben ihre normale Erreg- 
barkeit verloren, hingegen besteht häufig eine besondere Erregbarkeit (Erogeneität) 
des Dammes und der angrenzenden Partien des Scrotums. Diese Gegend ent- 
spricht entwicklungsgeschichtlich dem Introitus vaginae und seiner Umgebung. 
Diese Neurotiker sind mit starken Widerständen gegen die spezifisch männlichen, 
aktiven Leistungen behaftet. Sie entleeren den Samen — in den schwereren Fällen 
— in Form eines kraftlosen Abfliessens und zeigen oft in der Vorgeschichte starke 
urethral-erotische Tendenzen. Trotz manchen späteren Arbeiten, so der von 
Werner Kemper „Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus" 
und der gleichfalls die Entwicklung der Leitzonen behandelnden Arbeit von 
H a n n - K e n d e, ist hier noch keine Klarheit gewonnen. Trotz allen Fort- 
schritten der Endokrinologie fehlt eine eindeutige Orientierung über die Kon- 
stitution dieser Patienten, gibt es doch ausübende Homosexuelle mit allen männ- 
lichen sekundären Geschlechtscharakteren. Hinweise auf eine weibliche 
Konstitution finden sich aber nicht nur bei Ejaculatio praecox, sondern 
auch bei einer zweiten, ihr nahestehenden Sexualstörung, der Spermatorrhoe. 
Ich bringe zunächst einige Krankheitsberichte. 

Ein 26jähriger Student und Schriftsteller litt an Spermatorrhoe ohne jede 
neurasthenische Erscheinung. Der Samenfluss bestand seit einem Jahre, seit er 



198 Eduard Hitschmann 



die gewohnte homosexuelle Betätigung, die in mutueller Onanie bestand, unter- 
brochen hatte. Zuletzt war er in einen Kollegen im College verliebt gewesen 
erregte sich dabei sehr oft und stark. Der Kollege wies aber die Zumutung homo- 
sexueller Betätigung zurück. So fasste der Patient den Entschluss, sich von seiner 
Homosexualität sowie von seiner Spermatorrhoe heilen zu lassen. Während der 
psychoanalytischen Behandlung entwickelte er gesellschaftliche Interessen, schrieb 
ein neues Buch und fand endlich auch den Weg zur Frau. Neurasthenische Be- 
schwerden bestanden während dieses Intermediärstadiums nicht. In der Kindheit 
hatte Bettnässen noch mit 5 Jahren bestanden, nachher machte er eine Phimose- 
operation mit. Bei den homosexuellen Akten war Ejaculatio praecox nicht selten 
Der Samenfluss verschwand mit der wieder aufgenommenen Sexualbefriedigune- 
der Patient ist glücklich verheiratet und hat Kinder. 

Der beschriebene Patient war also seit der Knabenzeit ein ausübender 
Homosexueller gewesen oder, wie seine relativ rasche psychoanalytische 
Heilbarkeit erwies: ein Bisexueller. — Als ich diesen Fall in meiner ersten Arbeit 
über psychogene Spermatorrhoe veröffentlichte, wies in seiner Besprechung dieser 
Arbeit E. B i e n bestätigend darauf hin, dass es sich bei den von ihm beobachteten 
Fällen von Samenfluss durchwegs um manifest Homosexuelle, die mit ihrer Trieb- 
richtung in Konflikt waren, oder um jene Bisexuellen gehandelt habe, die im 
folgenden als latent oder unbewusst homosexuell bezeichnet werden. Von den 
Spermatorrhoikern meiner Beobachtung war nur einer manifest homosexuell, die 
übrigen wiesen in verschieden hohem Ausmass eine unbewusste homosexuelle 
Einstellung auf, die durch die bekannten, neben einer bewussten Männlichkeit 
einhergehenden Zeichen seelischer Einstellung zum gleichen Geschlecht, insbe- 
sondere nachweisbar an homosexuellen Träumen, weiblichen Allüren, unvoll- 
ständiger Befriedigung durch weibliche Liebesobjekte, Vorliebe für Dirnen 
Ejaculatio praecox u.dgl. m. kenntlich ist. Diese Männer weisen sozusagen die 
Eigentümlichkeiten beider Geschlechter auf seelischem Gebiet auf und wären 
eigentlich zu den Intersexuellen zu rechnen. 

Periodische Enthaltsamkeit, Missbrauch in Form frustraner Erregungen, reich- 
liche Onanie spielen in Vergangenheit oder Gegenwart dieser Spermatorrhoe- 
Fälle immer eine bedeutende Rolle. In drei Fällen war eine wenig bewusste 
allnächtliche Selbsterregung durch Bauchlage im Schlaf zur Gewohnheit ge- 
worden. In keinem Falle wurde ein regelmässiger, mit stossweisem Orgasmus und 
ohne Ejaculatio praecox einhergehender Beischlaf ausgeübt. Wo der Sexualverkehr 
— wie es aus seelischen Gründen oft genug der Fall ist — nicht aufgegeben war 
bestand Schwäche der Erektion und vorzeitige Ejaculation. 

Als übergeordneter Tatbestand lässt sich also einerseits Enthaltsamkeit ver- 
schiedenen Grades nachweisen, was einer Einwendung oder doch einer konflik- 



Beiträge zur Ätiologie und Konstitution der Spermatorrhoe 199 

tuösen Einstellung zum Sexualakt gleichkommt, andererseits besteht auch in 
manchen Fällen eine sexuell überreizte Phantasie. 

Bei zweien dieser Kranken fand sich eine einseitige retentio testis inguinalis. 
Diese Befunde sind umso bemerkenswerter als beide Anomalien, sowohl Homo- 
sexualität wie Kryptorchismus, von Moszkowiczals dem Hermaphroditismus 
nahestehend, bezw. als Zeichen von Intersexualität angesehen werden. Beide 
Falle, die übrigens auch vorzeitige Samenentleerung aufwiesen, waren trotz ihren 
sehr häufigen, wechselnden sexuellen Beziehungen zu Frauen in hohem Grade 
homosexuell eingestellt. Beide wiesen auch die Gewohnheit auf, nachts in Bauch- 
lage zu schlafen. 

Ein weiterer Fall bot folgendes Bild: 

Der 33jährige Kaufmann war vor 3 Jahren von seinem, ihm im 13. Lebensjahr 
aufgefallenen Leistenhoden durch Exstirpation befreit worden. Der Samenfluss 
trat bei ihm bei der Defäkation auf und bestand schon seit der Pubertät. Onanie 
übte er seit dem 9. Lebensjahr. Er wurde von seinem älteren Bruder, der — wie 
der Patient angab — ein grösseres Genitale hatte und bei dem die Samenentleerung 
viel später auftrat, zur mutuellen Onanie verführt, der er auch später gelegentlich 
huldigte. Trotz manchen sexuellen Minderwertigkeitsgefühlen hatte er viel mit 
Frauenzimmern zu tun, wobei er die Ejaculation aufzuschieben oder sogar 
gelegentlich ganz zu verweigern pflegte. Auch sonst nahm er immer Gelegenheit 
für frustrane Erregungen wahr und betrieb auch Masturbatio interrupta. Der 
Samenfluss trat auch beim Urinieren auf, aber seltener als bei der Defäkation; der 
Patient hatte überhaupt sehr häufig den Drang zu urinieren. Sein polygames, 
nicht recht befriedigendes Sexualleben ist gewiss kein Gegenbeweis gegen seine 
homosexuelle Einstellung, die sich in der mutuellen Onanie und in charakteri- 
stischen Träumen immer wieder äusserte. 

Während der Behandlung fiel ihm eine längere Enthaltsamkeit nicht mehr 
schwer, da Pollutionen und Spermatorrhoe ihm nun auch Entspannung brachten. 
Ein realer Erfolg war hier nicht zu erzielen; ein Urologe glaubte, gleichzeitig die 
obligate Prostata- und Samenblasen-Massage anwenden zu müssen, was nichts 
änderte. 

Noch viel deutlicher kam die Bisexualität, deren gleichgeschlechtlicher 
Anteil unbewusst blieb und sich nur in gewissen psychischen Erscheinungen 
äusserte, bei dem zweiten Spermatorrhoiker mit Leistenhoden in Erscheinung. Der 
Patient erlebte das Fehlen des einen Hodens im Hodensack als „Krüppeltum" und 
verbarg daher diese Tatsache vor den Frauen. Er kam wegen Impotenz und 
Samenfluss zum Arzt. Auch ihm musste von seiner gewohnten nächtlichen Bauch- 
lage erst abgeraten werden. Trotz Angst vor der Frau, Abneigung vor dem weib- 
lichen Genitale, dessen Beschaffenheit ihm auffallend lange unbekannt blieb, trotz 



200 Eduard Hitschmann 



nur flüchtigem Genuss bei seinen vorzeitigen Ejaculationen — meist waren sie 
„ante portas" — , trotz alldem ist der Patient immer darauf aus, bald bei dieser 
bald bei jener flüchtigen Bekanntschaft seinen Akt vorzunehmen. 

Dabei ist er sich seiner Unmännlichkeit, seiner femininen Artung bewusst. 
Schon als Knabe hatte er eine Vorliebe dafür, seiner Mutter im Häuslichen, beim. 
Kochen und Nähen, behilflich zu sein. Er mache, sagte er selbst, unwillkürlich 
weibliche Bewegungen, hebe bei nassem Wetter die Hose auf, wie Frauen ihr Kleid. 
Er uriniere auch gerne sitzend wie Frauen. Seine sexuelle Leitzone ist nicht am 
Gliede, sondern er gibt an, am Damm Wollust zu empfinden; er habe „das Gefühl 
dass dort die Scheide läge, wenn er ein Weib wäre". 

Die Mutter ist dem Erwachsenen noch immer Gegenstand der Angst, er ist 
ganz von ihr abhängig. Auch sonst fehlt ihm männlicher Stolz oder Überlegenheit. 
Er ist häufig Gegenstand des Spottes in seinem Kreis, der aus Kameraden besteht 
von denen er sich animieren und zu Frauen führen lässt. Kleine homosexuelle 
Versuche und Spiele werden aus der Knabenzeit berichtet. Die Träume sind oft 
von homosexuellen Akten erfüllt, oder ein weibliches Liebesobjekt verwandelt sich 
im Traum in ein männliches. Vor der sexuellen Erregung stellt sich immer Harn- 
drang ein, manchmal auch Stuhldrang. Urindrang tritt übrigens vor jedem Ereignis 
in seinem Leben ein; in vielen Träumen von Wasser verrät sich gleichfalls Ure- 
thralerotik. 

Der Eindruck dieses Patienten als eines intersexuellen Individuums 
mit männlichem Körper, das infolge der starken seelischen Homosexualität sozu- 
sagen nicht recht weiss, wohin es gehört, ist ziemlich intensiv. Er ist zu männlich 
kraftvoller, phallischer Sexualität nicht fähig; der Samenfluss mag überdies dazu 
beitragen, die volle Sexualspannung nicht entstehen zu lassen. 

Ich möchte hier anfügen, dass ich öfters ein stark feminines und zu geringerer 
sexueller Aktivität neigendes Wesen, oft mit Fixierung an die Mutter und Identi- 
fizierung mit ihr verbunden, auch bei solchen Jünglingen und Männern kon- 
statieren konnte, bei denen die Hoden sehr verspätet in den Hodensack eingetreten 
waren, etwa zur Zeit der Pubertät sich noch im Leistenkanal befanden. Dies mag 
auch im Zusammenhang mit der jetzt üblichen Hormontherapie des Kryptor- 
chismus von Interesse sein. Die Brüder solcher Intersexueller und Femininer sind 
bei normalem Hodenbefund — trotz dem selben Kindermilieu und der gleichen 
Erziehung — viel männlicher geartet und finden von selbst den Weg zu kraftvoller 
Sexualität und Gesundheit. 

Die beiden Kryptorchen mit schwerer Spermatorrhoe, die oben geschildert 
wurden, wiesen ferner jene unerklärte übernormale Libido und Scheinpotenz auf 
wie sie bei Kryptorchen oft beschrieben wurde, obwohl doch der kryptorche Hoden 
in der Regel bezüglich Spermatogenese defekt ist. 



Beiträge zur Ätiologie und Konstitution der Spermatorrhoe 201 

Auch die kryptorchen Hengste sind als sogenannte ,, Klopf hengste" verschrien; 
sie belästigen die Stuten und geben — wenn auch selten — unerwünschten, 
ebenfalls abnormen Nachwuchs. Moszkowicz glaubt, dass diese übertriebene 
Potenz so zu erklären ist, dass beim Coitus der Kryptorchen nicht wirkliches 
Sperma, sondern hauptsächlich Prostata- und Samenblasen- Sekret entleert wird, 
Als solche Schein-Hyperpotenz dürften auch die gesteigerte sexuelle Erregbarkeit, 
das ruhelose Aufsuchen von Frauen, das fast nur sexuelle Träumen, das immer 
zur Verfügung stehende Sexualsekret zu deuten sein. 

Mag hier noch manches unklar sein und weiterer Untersuchung bedürfen, es ist 
klar, dass die Diagnose der Spermatorrhoe nur nach Untersuchung des Sekretes 
gestellt werden darf. Vor allem kommt Prostatorrhoe zur Differentialdiagnose in 
Betracht. 

Ein (nicht in der Analyse) beobachteter Fall sei berichtet: Der 28jährige Mann 
aus dem Volk bemerkte seit 1£ Jahren bei jedem harten Stuhl das Abgehen von 
Tropfen aus der Harnröhre, die aber mikroskopisch sich als reines Prostatasekret 
erwiesen. Auch dieser Patient hatte keine Libido mehr, was er auf seelische Gründe 
zurückführt, auf die Tatsache, dass ihn sein Mädchen betrogen habe. Seit einem 
Jahr habe er auch keine Pollutionen mehr, hingegen noch immer normale Morgen- 
erektionen. Der Patient, der aus Hypochondrie mehrere Ärzte konsultierte, beob- 
achtete aber auch mit Besorgnis die klaren Tropfen, die aus dem Gliede traten, 
wenn ihn eine Frau im Gespräch doch erregt hatte. Es handelte sich hier um das 
schleimige klare Sekret aus den Cowperschen Drüsen, das ohne rechte Erektion 
bei grosser Erregung austreten kann. Dieses Sekret macht Hypochondern oft viel 
Kopfzerbrechen und käme neben der Prostatorrhoe für die Differentialdiagnose 
gegenüber der echten Spermatorrhoe in Betracht. (Urethrorrhoea ex libidine, 
„Venustränen".) 

Auf das Symptom vom Samenfluss als Teilerscheinung eines symptomreichen 
Bildes von chronischer Neurasthenie hat seinerzeit Wilhelm Reich 
hingewiesen. Dieser Autor hat Patienten analysiert, deren Krankheitsbild von 
folgendem Symptomenkomplex beherrscht war: Ermüdungszustände, Reizbarkeit, 
Arbeitsunlust, Denkunfähigkeit, allgemeine körperliche Beschwerden, Kopfdruck, 
habituelle Obstipation, Meteorismus, Übelkeiten, Impotenz in der Form der 
ejaculatio praecox oder ante portas, Harnträufeln. 

Wir wollen hier nicht auf das seelische Material, das der Autor durch Analyse 
gewonnen hat, eingehen, sondern auf die sexuellen Missbräuche, zu denen die 
Patienten griffen. Ihre Onanie war eine gehemmte und ängstliche: sie hielten den 
Samen gern zurück, rieben nicht das Glied, sondern zogen und quetschten es. 
Diese Patienten sind nicht an der Eichel am erregbarsten (wie der Normale), 
sondern haben ihre sexuelle Leitzone am Damm, am Scrotum oder nahe dem After, 



202 Eduard Hitschmann 



gelegentlich auch an der Peniswurzel, also eine Leitzone, die wir — wie erwähnt 

bei passiv-anal-homosexuellen Individuen finden. Diese Patienten lassen es nicht zu 
einem richtigen Orgasmus kommen, ihre sexuelle Spannung kommt nicht zur 
Lösung. Eine weitgehende Schädigung der erektiven, ejaculativen und orgastischen 
Potenz ist das Resultat. Reich führt die Spermatorrhoe im Sinne urologischer 
Autoren auf eine Hyperämisierung des prostatischen Teiles der Urethra zurück 
Auf eine Hypertrophie des Colliculus seminalis 1 als angebliche Ursache der 
Ejaculatio praecox und Spermatorrhoe, wie überhaupt der sexuellen Neurose hat 
vielfach Orlowski hingewiesen. Bei den Fällen, die den von Reich geschil- 
derten Neurasthenikern ähneln, setzt Schilder regelmässig einen seelischen 
Konflikt voraus: „Die gestörte Sexualfunktion macht nur dann Erscheinungen 
wenn ein seelischer Konflikt den Sexualakt unbefriedigend lässt". Auch die hier 
mitgeteilten Fälle zeigen, dass der sexuelle Konflikt im Vordergrund steht. Ent- 
haltsamkeit trotz Bedürfnis und Phantasien, Enthaltsamkeit nach Zeiten frustraner 
Erregungen, Enthaltsamkeit aus idealen Vorsätzen, Wendung zur Abstinenz und 
Narzissmus — all diese Einstellungen, Missbräuche und Wandlungen gehen auf 
tiefere und unbewusste Motive zurück. Prägenitale Triebformen 
Kastrationsangst, feminine Einstellung zu Männern, die konfliktvollen Folgen 
einschüchternder Erziehung u.dgl. spielen eine bedeutende Rolle. Ohne dass i e 
eine entzündliche Erkrankung in den Sexualorganen stattgefunden hat, führen 
diese seelischen Momente — bei organischer Disposition — zu Spermatorrhoe 
Diese Veranlagung besteht wohl in Ubererregbarkeit de Blasenhalses (Ure- 
thralerotik), unbewussterhomosexuellerEinstellung, bezw. wirk- 
licher Homosexualität; die Kombination mit Kryptorchis- 
m u s weist in dieselbe Richtung der Intersexualität. Inwieweit die 
Bisexualität eine Minderwertigkeit des Sexualorganes einbegreift, bleibt dahinge- 
stellt. 2 Andererseits stehen die Hemmung der männlichen Aktivität, die Angst 
kraftvoll und aggressiv sich die Befriedigung zu holen, das Ausweichen vor der 
Immissio und vaginalen Friktion so im Vordergrund, dass die Therapie — sei sie 
nur suggestiv oder ausführlich psychoanalytisch — als Endziel die normale 

1) Der Utriculus masculinus, der Colliculus seminalis entwickeln sich bei der Geschlecht 
diffcrenzierung des Individuums aus indifferenten Vorstufen und haben als Aequivalent beim 
Weibe Scheide und Uterus. Eine angeborene Hypertrophie jener Bildungen könnte als femin' 
ausgelegt werden. 

2) Es wurde klinisch noch nicht kontrolliert, was im endokrinologischen Versuch eine gro 
Rolle spielt: die Grösse der Samenblasen und ihr Wachstum unter dem Einfluss von Hormone 
Z.B. wird berichtet: Vergrösserung der Hoden und Samenblasen durch Hypophysenhormon B. beim 
geschlechtsreifen Männchen, aber auch beim Menschen: „Bei verstärkter Zufuhr von Psolan B 
beim Tier entwickeln sich Hoden und Nebenhoden, und Samenblasen wie Prostata sind bis auf 
das Sfache vergrössert". 



Beiträge zur Ätiologie und Konstitution der Spermatorrhoe 203 

orgastische, regelmässige Sexualbefriedigung aufstellen muss. 
Erst wenn diese unter Aufgeben aller Missbräuche wie hypochondrischen Befürch- 
tungen erreicht ist, kann dauernde Heilung eintreten. 

Da oft generalisierend behauptet wird, Spermatorrhoe sei regelmässig mit 
Sexualneurasthenie verbunden, sei zunächst über einen Fall berichtet, der nie mit 
Frauen zu tun hatte, anscheinend auch nicht onaniert hatte und sich seelisch zwar 
gehemmt und isoliert fühlte, aber keinerlei neurasthenische Krank- 
heitszeichen aufwies. 

Ein 19jähriger Beamter konsultierte mich, weil er an Samenfiuss bei der Stuhl- 
entleerung litt. Er gibt an, nie onaniert zu haben, da die Mutter dies sehr streng 
kontrollierte und ihn sehr einschüchterte. Erst seit einem Jahr schiebt er wegen 
Balanitis die Vorhaut zur Reinigung zurück. Die Mutter, mit der der Patient lebt, 
ist seit seinem 6. Lebensjahr geschieden, da ihre Ehe sehr unglücklich war. Der 
Vater, der seine Frau auch schlug, heiratete später eine Dirne. Des Vaters 
schlechtes Vorbild gab dem Milieu die Atmosphäre vollkommener Sexualableh- 
nung. Patient kennt nur „Kratzen am Hodensack hinten, wegen Jucken", hat 
selten eine Pollution, ohne begleitende Träume. Er lebt zurückgezogen seinem 
Bureau sowie seiner Vorliebe für Landkarte und Reise. Er anerkennt nur das 
Geschlechtsleben in der Ehe. Patient kennt wohl Tagträume über Mädchen, aber 
sobald sie entkleidet phantasiert werden, „legt es sich wie ein Schleier um sie". So 
lag er auch oft im Ann der Mutter. Immerhin lässt sich in der Nähe eines 
weiblichen Wesens gelegentlich eine Erektion nicht vermeiden, doch meldet sich 
sofort die unterdrückende Tendenz aus asketischer Ideologie. Pollu- 
tionen im halbwachen Zustand sowie der Samenfluss bei der Defäkation sind 
lustlos: Libido mache sich keine bemerkbar. Über die Lage beim Coitus, die 
Wollust dabei, behauptet Patient nichts zu wissen. 

Im Lauf der Behandlung anerkennt der Patient dankbar Aufklärung und 
Befreiung von der Beängstigung über Schäden der Onanie, gestattet sich letztere 
als Provisorium bis zur angestrebten Ehe und verliert alsbald den Samenfiuss. 
Dieser Fall zeigt eindeutig den Zusammenhang zwischen Sperma- 
torrhoe und seelisch bedingter Enthaltsamkeit. Die asketische 
Ideologie der in Liebe und Ehe schwer enttäuschten Mutter verliert ihre Kraft 
gegenüber dem der Mutter so ergebenen Sohne, sobald der Arzt die Mutter- 
bindung aufklärt: Der asketische Sonderling, schüchtern und überernst, wendet 
sich nach kurzer, teilweise suggestiver Behandlung mehr der Welt zu und beab- 
sichtigt, eine Ehe einzugehen. Homosexuelle Züge fehlen; urethrale Reizungen 
waren mit den sexuellen verbunden. 

Dieser Fall gilt als Musterbeispiel für Erkrankung an Defäkationsspermatorrhoe 
bei einem jungen, sich zur Enthaltsamkeit zwingenden Mann, der seelisch an die 

13 Vol. 25 



204 Eduard Hitschmann 



Mutter fixiert ist, das sexuelle Phantasieren nicht ganz lassen kann und vielleicht 
eine gewisse urethralerotische Veranlagung aufweist. Von Onanie oder Gonorrhoe 
ist keine Spur, nur Samenstauung aus asketischer Ideologie ist als Ursache erweis- 
bar. 

Ein weiterer typischer Fall, dessen Samenfluss in kurzer Zeit geheilt werden 
konnte, ohne dass die Besserung des Seelenzustandes gleichen Schritt hielt, ist 
ein 26jähriger unverheirateter Mann, der klagt, seit etwa drei Jahren verstimmt zu 
sein, weder Lebens- noch Arbeitsfreude zu haben, sowie an Samenfluss und 
Pollutionen zu leiden. Er habe zwar eine Beziehung zu einem Mädchen, aber 
wenig Lust zum Liebesverkehr, auch trete die Erektion schwer ein. Er ist sehr 
befangen, glaubt im Gespräch, namentlich mit Gebildeteren, zu versagen. Man 
bemerke oft, er sehe schlecht aus; tatsächlich schlafe er schlecht, esse wenig und 
leide an Stuhlverstopfung. Sein Leiden bestehe seit drei Jahren; er habe damals 
seine regelmässig geübte Onanie aufgegeben und sei an gehäuften Pollutionen und 
Samenfluss erkrankt. 

Es war klar, dass es sich um eine Befangenheitsneurose handelte, mit 
gesteigerter enttäuschender Selbstbeobachtung, wie sie bei den paranoiden Psv. 
chosen nahestehenden Neurosen, hier ohne das Symptom der Errötungsangst 
nicht selten zu beobachten ist. Die Spermatorrhoe war ausgelöst worden durch das 
Unterlassen der bisherigen habituellen Samenentleerung durch die Onanie. Sper- 
matorrhoe und Pollutionen konnten nur zum Aufhören gebracht werden durch 
einen regelmässigen Geschlechtsverkehr mit normaler Ejaculation, was durch 
Aufklärung und suggestive Behandlung auf Basis psychoanalytischer Erfahrung 
nach einiger Zeit auch erreicht wurde. Samenfluss und Pollutionen sistierten; die 
Obstipation wurde diätetisch behoben, Esslust und Lebensfreude nahmen zu. 

Ich verfüge noch über fünf weitere Fälle von Spermatorrhoe, die nie eine 
Gonorrhoe oder andere entzündliche Lokal erkrankung mit- 
gemacht haben; die seelischen Voraussetzungen der Erkrankung fanden z.T 
durch ausführliche Psychoanalysen überraschende Aufklärung. 

Eine Reihe von solchen zeigte ebenfalls seelisch bedingte Enthaltsamkeit als 
Hauptursache; zuweilen waren ,,frustrane Erregungen" mit einer geliebten Person 
die aber ihre Hingabe verweigerte, vorausgegangen. Surmenage mit folgender 
Abstinenz ist offenbar besonders schädlich. 

Die seelischen Momente, welche die Enthaltsamkeit dann längere Zeit fortsetzen 
lassen, sind den Patienten keineswegs bewusst. Meist ist, wie bei unserem letzten 
Fall, narzisstische Veranlagung oder häufiger eine Regression zum Narzissmus 
zur Hypochondrie, auslösend. 

Doch soll das Thema der Spermatorrhoe nicht verlassen werden, ohne es in ein 
allgemeineres Thema einzuordnen, für das wir den Namen „Incontinentia sper- 



Beiträge zur Ätiologie und Konstitution der Spermatorrhoe 205 

matica" vorschlagen. Wir verstehen darunter alle pathologischen Formen des 
Samenfliessens im Gegensatz zur normalen orgastischen, stossweisen und wollü- 
stigen Samenausstossung beim Coitus, aber auch bei ungehemmter Masturbation; 
ihr geht notwendigerweise länger dauernde lustvolle Friktion regelmässig voraus. 

Es gibt folgende krankhafte Abweichungen der Samenentleerung: 

1.) die Tagespollution bei unbefriedigten, überreizten Enthaltsamen, z.B. 
beim Tanzen u.dgl. Diese Tagespollutionen wirken oft sehr verstimmend. Zu er- 
wähnen wären hier die gelegentlichen durch Angst hervorgerufenen Tagespollu- 
tionen bei Knaben, z.B. vor einer Schularbeit. 

2.) die Ejaculatio praecox, deren schwere Form in einer ejaculatio ante 
portas besteht. Die konstitutionelle feminine Grundlage ist oft betont worden 
(Abraham). Wir heben sie hervor auch für die folgende Form. 

3.) die Spermatorrhoe, d.i. der Abgang weniger Tropfen von Samen bei 
Stuhlentleerung oder auch am Schluss des Urinierens, ohne Lust, oft sogar vom 
Patienten lange übersehen, in anderen Fällen Grundlage von hypochondrischen 
Befürchtungen. 

4.) die gehäuften nächtlichen Pollutionen, die auch neben Coitus weiter- 
bestehen können und deren Unstillbarkeit, die jedenfalls einer psychischen Be- 
handlung bedarf, auf unbewussten seelischen Zusammenhängen beruht. 

LITERATUR 

Abrah-m, Karl: Über Ejaculatio praecox. Int, Ztschr. f.Psa., 1917. 

Bien, £.: Psychother. Praxis, 1934. 

Denk, W.: Die Hormonbehandlung des Kryptorchismus. Wiener Klin. Wochenschr., 1935. 

Kann-Kende, F.: Über Klitorisonanie und Penisneid. Int.Ztschr.f.Psa., 1933. 

H i t s c h m a n n, E.: Zur Psychoanalyse der Spermatorrhoe. Wiener Med. Wochenschr. No. 3, 
1933. 

Hitschmann, E.: Psychogene Spermatorrhoe. Psychiatr. en Neurolog. Bladen, Amsterdam, 
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Ke m p e r, Werner: Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus. Int.Ztschr.f.Psa,, 
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Moszkowicz, L.: Die Entstehung des Kryptorchismus. Archiv f.klin. Chirurgie. Bd. 179, 
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Orlowski, P.: Über Collikulushyperthrophie und Kaustik. Ztschr.f.Urologie, 1909. 

Reich, W.: Über die chronische hypochondrische Neurasthenie mit genitaler Asthenie. Int. 
Ztschr.f.Psa.,1926. 

Schilder, P.: Über Neurasthenie. Int.Ztschr.f.Psa., 1931. 



Lösung und Bindung von Angst und Zwan? 

in der israelitisch-christlichen 

Rehgionsgeschichte 1 

von 

Oskar Pfister 

Zürich 

Die israelitisch-christliche Religionsgeschichte zeigt eine unaufhörliche Abfolge 
von Erscheinungen , die Angst und Zwang beseitigen sol len , und von Vorgängen 
die beides, Angst und Zwang, erzeugen. Auf längere Entwicklungen, in denen 
Angst und Zwang verstärkt werden, in denen peinliche Orthodoxien sich bilden 
folgen jeweils kürzere Reformbewegungen, die eine befreiende Wirkung ausüben - 
aber sogleich setzt wieder ein neuer Prozess in entgegengesetztem Sinne ein. 

In unserem Kreise brauche ich nicht den Nachweis zu führen, dass es sich dabei 
um die Bildung von Kollektivneurosen und um Versuche, von ihnen geheilt zu 
werden, handle. Unter Orthodoxie verstehe ich ein kirchlich vorgeschriebenes 
System von Dogmen und mit ihnen verbundenen Zeremonien, von deren gläubiger 
Annahme und korrektem Vollzug Seligkeit und Verderben abhängen sollen, deren 
Ablehnung dagegen mit schreckenerregenden Strafen bedroht wird. 

Lassen Sie mich den unregelmässigen Rhythmus der Herstellung und Abschaffung 
oder doch Milderung von Angst und Zwang in der israelitischen und christlichen 
Religion kurz andeuten! Mit Freud gehe ich dabei von der Ansicht aus, dass alle 
Religion ursprünglich der Angstbeschwichtigung dienen soll. Nur bin ich nicht 
der Ansicht, dass damit alle Motive und Wurzeln der Religion angegeben seien 

Mose ersetzte den altsemitischen Polydämonismus durch den Glauben an 
Jahwe, der aus Güte und Erbarmen Israel zu seinem Volk erwählte und aus der 
aegyptischen Gefangenschaft errettete, vor allem beim Durchzug durchs Rote 
Meer und durch zahlreiche Kriegstaten. Das dankbare Vertrauen zu ihm linderte 
die Angst, wenn auch Jahwe noch immer furchterregende Züge trug. 

In den folgenden Jahrhunderten wurde der mosaische Kriegsgott mit dem 
Bauerngott Baal der Kanaaniter verschmolzen. Der Kultus tritt stärker hervor. 
Das Opfer wird aus einer sakralen Kommunion mit der Gottheit zur Spende, di e 
das Wohlgefallen des Numens verschaffen soll. Das Menschenopfer nimmt 

1) Referat.gehalten am XIV. internationalen psychoanalytischen Kongress am 5. August 1938 
in Paris. 



Lösung und Bindung von Angst und Zwang 207 

überhand, eingegeben von der Angst. Das Zeremoniell gewinnt stark an Bedeutung. 
Die Kollektivneurose nimmt beträchtlich zu. 

Eine befreiende Reform brachten die klassischen Schriftpropheten, ein Arnos, 
Hosea, Jesaja, Jeremia, Deuterojesaja u.a. Sie sind die Begründer des ethischen 
Monotheismus. Jahwe ist für sie weder Kriegs- noch Kultusgott. Er fordert in 
erster Linie sozialethische Werke, Gerechtigkeit und Erbarmen gegen Witwen und 
Waisen, Bedürftige und Fremde. Der strenge Gerichtsgott wird mehr und mehr 
zum Gütigen, Liebenden, Israel zum oder zur Geliebten. Micha lässt als einzige 
Forderung Jahwes gelten: Recht handeln, sich der Liebe befleissigen und demütig 
wandeln vor Gott. Von Opfer ist keine Rede mehr. Vor der Liebe weichen Angst 
und Zwang zurück. 

Seit dem Exil setzt eine scharfe Orthodoxierung ein, bedingt durch die politische 
und soziale Not. Eine Reihe von Gesetzgebungen, gipfelnd im sogen. Priester- 
gesetz des 3. und 4. Buches Mose, zeugen von stärkster religiöser Angst, die sich in 
peinlicher Schriftauslegung und subtilem Zeremoniell eine zwangsneurotische 
Bahn bricht. Die Angstgestalt des Satans hält Einzug. Der strenge Gott rückt in 
weite Ferne; er wird so sehr gefürchtet, dass man seinen Namen nicht mehr 
auszusprechen wagt. Pharisäismus, Sadduzäismus und Rabbinismus verkörpern 
schon in ihrem Fanatismus stark die Angst vor dem Buchstaben der Heiligen 
Schrift und dem religiösen Zeremoniell. 

Jesus führt die Liebe zum gütigen, gnädigen Gott, der dem Reumütigen ohne 
Opferentgelt vergibt, in den Mittelpunkt der Frömmigkeit ein. Die bisherige 
strenge Bindung an den Vater wird durch Liebe zum liebenden Vatergott ersetzt. 
Der Nationalismus muss der Menschenliebe Platz machen. Alsbald treten Angst 
und Zwang zurück, sie sind grundsätzlich, wenn auch nicht tatsächlich über- 
wunden. Jesus ersetzt immer entschiedener harte Forderungen des Alten Testa- 
mentes durch neue, die dem allumfassenden Gebot der Liebe zu Gott und dem 
Nächsten entsprechen. Dem Kultus wird alles Zwanghafte und Magische genom- 
men. Es bleibt von ihm nur übrig, was die Liebe zu Gott und dem Nächsten 
fördert. — Der frühe Tod Jesu verhinderte die Austilgung der letzten Angstspuren, 
die in der Vorstellung von der Hölle und dem nahen Weltgericht noch deutlich 
erkennbar sind. Der Rückfall der Urapostel in jüdischen Nomismus beweist, dass 
die Überwindung der Angst und des Zwanges beim Meister noch nicht mit 
ganzer Entschiedenheit vollzogen war. 

Paulus setzt einerseits das Befreiungswerk fort, leitet aber zugleich neue Zwangs- 
bildungen ein. Die Liebe steht im Zentrum seiner Frömmigkeit und Ethik. Ihm 
gilt nur der Glaube, der in der Liebe tätig ist. Damit überwindet er die Schuldangst, 
die ihn zuvor beinahe in Verzweiflung drängte. Dem Gesetzeszwang bereitet er 
ein radikales Ende, indem er das ganze Gesetz abwirft und ungültig erklärt. Jesu 



208 Oskar Pfister 



freiwilliger Tod ist das einzige, für alle Zukunft ausreichende Opfer. Der Buchstabe 

tötet, der Geist aber macht lebendig. Wo der Geist des Herrn, da ist Freiheit 

Allein Gott ist nicht mehr die absolute Gnade. Er vergibt nicht ohne Entgelt 
sondern fordert den Tod seines unschuldigen Sohnes. Die gottfeindliche Welt 
steht unter dem Zorn Gottes, der Satan und die Geistermächte knechten sie. Die 
Ehe wird nur als Mittel gegen die Brunst schon im Hinblick auf das erwartete 
nahe Ende der Dinge ungern gelten gelassen. Paulus selbst behält trotz seiner 
geistigen Euphorie hysterische Symptome: In seiner Epilepsie glaubt er Faust- 
schläge des Satans zu empfangen. Das ekstatische Zungenreden gilt ihm als Gnaden- 
geschenk Gottes. Angst verrät die Forderung an den Frommen, sich um sein Heil 
mit Furcht und Zittern zu bemühen. 

Im Katholizismus rückt die Angst- und Zwangsbildung rapid vor. Der Glaube 
verliert den bei Paulus vorherrschenden Grundton der Liebe und wird intellek- 
tualisiert, sodass gute Werke als Zugabe zum Glauben gefordert werden müssen 
Gott wird so weit weggedrängt, dass eine ganze Reihe von Mittelinstanzen den 
Verkehr mit ihm aufrecht erhalten müssen: Die Kirche, der Priester, das Sakra- 
ment, Fürbitter mit der jungfräulichen Gottesmutter Maria an der Spitze. Ab- 
weichungen von der irrationalen Kirchen lehre werden mit Todesstrafe bedroht 
Angsterzeugnisse, zugleich Angstproduzenten erblicken wir in den Vorstellungen 
von Teufel, Hölle und Fegfeuer. Der kirchliche Zwang wird, besonders mit Hilfe 
der Inquisition, noch weit strenger und bedrohlicher als im jüdischen Nomismus 
Die Angst vor dem Teufel führt zu den Sadismen der Hexenverfolgungen und der 
Ketzerkriege, zu denen die strengen asketischen Forderungen seltsam kontra- 
stieren. Zwangsneurotischen Charakter tragen die stereotypen Gebete. Die apo- 
tropäischen Gebräuche und Einrichtungen, das Schlagen des Kreuzes, das Weih- 
wasser u.dergl. dienen der Angstabwehr. Die Bindung an den leiblichen Vater 
wird durch das Gebot der Unterwerfung unter Priester, Papst, Kirche ersetzt und 
symbolisch erneuert. Die Sexualität wird im höchsten Grade suspekt: Der Prieste 
darf keine Ehe eingehen, und die Geschlechtslust wird zur eigentlichen Ursache 
der Erbsünde. Die Mönchsgelübde der Keuschheit, der Armut und des unbeding- 
ten Gehorsams sollen die Gefahr der ewigen Höllenpein, die dem argen Sünder 
droht, verringern; sie sind deutlich Angstprodukte und wollen der Angstbe- 
schwichtigung dienen. 

Die Reformation, über ihre grossen Vorläufer, Renaissance und Humanisrnu 
weit hinausgehend, steht im Zeichen der Angst- und Zwangsabwehr. Luther, Vo 
und während seiner Askese durch Schuldangst gequält, erlebt die Rechtfertigun 
durch den paulinisch verstandenen Glauben und damit starke Befreiung von Anest 
und Zwang. Zwingli, durch elterliche Strenge unbeschwert und dem Trieblebe 
Zugeständnisse machend, kam mehr von der humanistischen und ethischen Seit 



Lösung und Bindung von Angst und Zwang 209 



her zu einer die Liebe betonenden Religion und Moral durch die Verbundenheit 
mit Christus. Beide zerbrachen das römische Angst- und Zwangssystem nach 
seiner dogmatischen, wie seiner kultischen Seite, machten die Sündenvergebung 
von magisch-sakralen Handlungen unabhängig, wie auch von Kirche und Priester. 
Beide stellten eine neue positive Übertragung auf Gott in den Vordergrund. Bei 
Zwingli wird die sozialethische Forderung stärker als bei Luther betont; er be- 
kämpft das Reislaufen, schafft die Leibeigenschaft ab, ruft das erste Armengesetz 
ins Leben, während Luther sich mehr auf das Erlebnis der Gnade konzentriert. 
Beide sind Sexualreformer, sofern sie die Priesterehe zulassen. Allein sie räumen 
der Bibel die Zwangsrolle ein, die bisher der Papst gespielt hatte, lassen die Ehe 
nur als Mittel gegen die Brunst gelten und führen eine neue, allerdings weltliche 

Askese ein. 

Es begann daher sehr bald nach ihrer befreienden Tat eine neue, altprotestan- 
tische Orthodoxie, die in Bezug auf Angst und Zwang der römischen wenig nach- 
gab Furchterregende Zeitereignisse, wie Krieg und Pest, verstärkten die Angst- 
stimmung Bindende Bekenntnisschriften wurden als Fussangeln für Ketzer 
abgefasst, Glaubensgerichte traten in Tätigkeit, allerdings nicht so sadistisch, wie 
zuvor Die Lehre von der Erbsünde wird in der lutherischen, die Lehre von der 
Vorherbestimmung der grossen Masse der Menschheit zur ewigen Höllenpem vor 
ihrer Geburt in der reformierten Konfession zur Zentrallehre. Die Hexenprozesse 
zeugen von der Angst vor dem Teufel, der im Volksglauben an Bedeutung gewinnt. 

Dieser von ungefähr 1550-1700 dauernden Periode der Angst- und Zwangs- 
verschärfung folgt eine Erlösungsbewegung, die den grössten Teil des Neu- 
protestantismus auszeichnet. Eingeleitet wird sie hauptsächlich von der Aufklarung, 
und zwar durch Laien, die selbst der religiösen Angst und dem Zwang nicht 
unterworfen gewesen waren. Die Vernunft führte auf Bahnen des Optimismus 
zum Glauben an einen wohlgesinnten Gott, der eine nüchterne Moral, durch- 
tränkt mit Menschenliebe, als einzige Forderung aufstellte. Gottvertrauen galt als 
höchstes Kennzeichen der Christlichkeit. Angst und Zwang wichen denn auch 
rasch; allein es trat auch eine starke Tendenz, zur Desublimierung zu Tage, und 
zwar innerhalb der Religion, wie auf dem Boden der Sitte. 

Von ausschliesslich religiöser, nicht rationaler Seite her trat der Pietismus der 
altprotestantischen Angst- und Zwangsneurose in den Weg. Er hob die Liebe zu 
Gott, der in Christus offen vor die Menschheit hintrat, auf den Thron und gab in 
kleinen Konventikeln, wie in grossartigen sozialen Hilfswerken dem Bedürfnis 
nach Nächstenliebe reiche Betätigungsgebiete. Erweichte er damit den Dogmen- 
zwang so schuf er anderseits durch seine strenge Askese und Abkehr von der 
Welt neue Ängste und Zwänge, die bei vielen Anhängern Rückkehr zur Ortho- 
doxie im Gefolge hatten. 



14 Vol. 25 



210 Oskar Pfister 



Wir brechen den Überblick ab, um zu theoretischen Schlussfolgerungen über- 
zugehen. Wir erkundigen uns zunächst nach den allgemeinen Bedingungen der 
Lösung von religiöser Angst und ihrer zwangsneurotischen Auswirkung in Lehre 
und Kultus. Wir sahen die befreiende Reform immer eingeleitet und durchgeführt 
von Persönlichkeiten, die in sich selbst Gottesliebe erlebt hatten 
und sie auf Menschen übertrugen. Mit der erlebten Liebe 
hing die Liebesforderung zusammen. Aus Freuds Individualanalysen 
wissen wir, dass die Heilung von Einzelneurosen von der Erschliessung neuer 
Liebesbahnen mit Hilfe der Übertragung und von ihr aus auf andere Menschen 
abhängt. Dasselbe gilt von der religiösen Kollektiv- und Einzelheil ung. 

Prüfen wir die in der israelitisch-christlichen Religionsentwicklung zu Tage 
tretenden Angst- und Zwangsabschwächungen näher, so treten uns zwei verschie- 
dene, aber oft in einander übergreifende Methoden entgegen. Die eine können wir 
als diejenige des Schulderlasses, die andere als diejenige der Schuldabbüssuns 
bezeichnen. 

Der Glaube an Schulderlass setzt voraus die Gewissheit eines absoluten Liebes- 
angebotes der Gottheit, sowie eine auf sie antwortende Gegenliebe des Frommen. 
Mose, einzelne Propheten, vor allem Jesus glauben an diese entgegenkommende 
Gnade Gottes. Im Christentum ist Jesus, der aus Liebe und Erbarmen für die 
Menschen in den Tod ging, die stärkste Bürgschaft und Verkörperung dieser gratia 
praeveniens. Psychologisch findet bei der Angst- und Zwangsüberwindung stets 
eine Regression vom gestrengen zum präpönalen, noch nicht strafenden, schlechthin 
gütigen Vater der allerersten Lebensstrecke statt. 

Wirkungen dieses religiösen Heilungsvorganges erblicken wir in maximalen 
Befriedigungsgraden, die mit der neuen Liebesentfaltung und Freiheit zusammen- 
hängen, in der Entbindung der zuvor angst- und zwangsneurotisch gebundenen 
psychischen Energien, die nun der Bewältigung sittlich-kultureller Aufgaben zuge- 
führt werden können; allein es bestehen folgende Schranken und Schwierigkeiten: 
Der Glaube an den entgeltfreien Schulderlass ist bei stark angst- und zwangs- 
besetzter Frömmigkeit meistens viel schwerer zugänglich, als die Übernahme 
einer Schuldabbüssung. Nur verhältnismässig innerlich freie Menschen können 
sich zum Glauben an einen satisfaktionslosen Schulderlass aufschwingen. Sünde 
und Gnade müssen in direkt proportionalem Verhältnis zu einander stehen: Je 
stärker Sünde und Schuld betont wird, desto stärker muss Gottes Gnade einge- 
schätzt und erlebt werden. Bei schwachem Schuldgefühl genügt eine schwächliche 
Auffassung der Gnade, um Heilung von Angst und Zwang zu bewirken. Aber 
dabei ist auch nur recht wenig Schuldgefühl zu überwinden. (Extremes Beispiel; 
Heinrich Heines: „Dieu me pardonnera, car c'est son metier"). Starkes Schulder- 
ebnis bedarf zu seiner Beschwichtigung eines gewaltigen Gnadeneindruckes, das 



Lösung und Bindung von Angst und Zwang 21 1 

in der christlichen Religionsgeschichte meistens durch die Gestalt Jesu vermittelt 
wurde und nur bei sehr intensiver Liebe zu ihm sich durchsetzen konnte. Die 
dabei stattfindende Wiederherstellung der Liebe ist der psychoanalytischen Thera- 
pie verwandt. Die Gefahr der Desublimierung ist mit ihr durchaus nicht not- 
wendig verbunden, liegt aber nahe, wie bei der Erziehung durch einen Strafe 
grundsätzlich ablehnenden Vater. 

Der Glaube an die Angstbesänftigung durch Schuldabbüssung tritt innerhalb 
der israelitisch-christlichen Kultus geschichte nur als Abschwächung des 
jus talionis auf. Das Opfer ist stets eine Milderung der eigentlich dem Schuldigen 
zukommenden Strafe und insofern mit Gnade durchsetzt. Die Schlachtung des 
Opfertiers vertritt dem Israeliten, die Kreuzigung Jesu dem paulinisch fühlenden 
Christen den selbstverdienten Tod. Gott begnügt sich mit einem blossen Teiler- 
satz. Doch wird dem Strafbedürfnis des Gläubigen Genüge geleistet. Der Tatsache 
des begangenen Unrechts wird eine durch die Sozietät gebilligte, durch das Numen 
als zureichend erklärte Sühneleistung entgegengestellt. Aus meinen Untersu- 
chungen über die Psychologie des Hasses und der Versöhnung weiss ich, dass ohne 
eine Abfindung mit der Schuld eine Ablösung vom Schuldgefühl nicht möglich 
ist. Das Opfer stellt eine Revokation des begangenen Unrechts durch eine Sühne- 
leistung dar. Dabei wird aber unter Umständen die Liebe zum strengen Gott 
beeinträchtigt. Darum geht bei den Anhängern der Sühnopferlehre die Liebe oft 
von Gott Vater auf Christus über, den man dann zum Gott der praktischen 
Frömmigkeit macht. Es kommt hinzu, dass die vorhandenen Verdrängungen auf 
diesem Wege nicht aufgehoben werden, wie es bei der psychoanalytischen Heilung 
geschieht. 



Wir befassen uns noch mit der Frage, wie denn die israelitisch-christliche 
Religionsgeschichte, die ihrer eigentlichen Absicht nach, wie jede Religion, der 
Beseitigung von Angst und Zwang dienen sollte und wollte (siehe Freud), de 
facto vorwiegend die entgegengesetzte Wirkung ausübte, nämlich Angst und 
Zwang zu stände brachte. Wir fügen erklärend bei, dass es sich bei der Orthodoxie 
freilich um organisierte, kollektive, von der religiösen Gemeinschaft geteilte und 
sanktionierte Angst- und Zwangsformen handelt, denen in Gestalt der Dogmen 
und Riten das Beschwichtigungsmittel gleich an die Seite gestellt wird, sodass im 
Bewusstsein des Orthodoxen neben der stets lauernden Angst und dem Zwang 
auch für Euphorie noch Raum vorhanden sein kann. Wenn auch Kollektivangst 
und -zwang niemals so peinlich sind, wie ihre das Individuum heimsuchenden 
profanen Vorläufer, so ist es doch ein psychoanalytisches Problem, warum so rasch 
die israelitisch-christliche und jede andere Religionsentwicklung ihrer eigentlichen 



212 Oskar P fister 



Absicht und Bestimmung zuwider Angst und Zwang schafft und auf diese Tätig- 
keit viel mehr und längere Arbeit verwendet, als auf die Erlösung. Freuds Lehre 
kann allein das Rätsel lösen. 

Auf kurze Perioden vorwiegender Befreiung von angstbesetzter Rechtgläubigkeit 
folgt regelmässig eine länger dauernde Angst- und Zwangsbildung, weil 

1) verdrängungsbewirkte Triebstauungen übrig geblieben waren. Weder die 
Propheten, noch Jesus, noch die Reformatoren, noch Aufklärung und Pietismus 
konnten unter ihren Gemeinden durch ihren Ruf zu neuer Liebe die infolge 
starker Verdrängung gefesselten Triebe völlig befreien. Es blieben so viele Trieb- 
verklemmungen zurück, dass Angst unvermeidlich war. Ihre Spuren finden wir 
bei allen angstlösenden Reformatoren der verschiedensten religiösen Entwick- 
lungsstufen. 

2) Der beglückende Enthusiasmus der Reformationsepochen mit ihren grossen 
Erlebnissen empfangender und gebender liebe pflegt abzuflauen. Damit steigert 
sich die Wahrscheinlichkeit, dass die der Liebe entgehenden psychischen Energien, 
soweit sie nicht der Desublimierung verfallen und zur Erzeugung von Trieb- 
befriedigung verwendet werden, aufs neue der Verdrängung verfallen und der 
Neurosenbildung dienstbar werden. 

3) Der Sühne heischende Gott, der im Alten Testament stets ein furchtbarer 
Gott bleibt, aber auch im Neuen Testament, indem er den Tod des unschuldigen 
Gottessohnes fordert, Schrecken einflösst, hemmt die Liebe zu ihm und bewirkt so 
eine Liebesstauung, aus der Angst hervorgehen muss, gleichzeitig läuft die Liebe 
zu den Menschen Gefahr, gemäss der Vorstellung vom grausamen Gott Störungen 
zu erleiden. Jedes orthodoxe Zeitalter zeigt denn auch wirklich schwere Defekte 
der Liebe zu Gott und den Menschen. Die Höhepunkte der kirchlichen Recht- 
gläubigkeit, deutlicher: des Eifers um sie sind durch Grausamkeit ausgezeichnet. 

4) Die Angst und Zwang abschwächenden religiösen Reformen stellen sittliche 
Forderungen auf, die manchmal diejenigen der vorangegangenen angstschaffenden 
Zeit an Strenge weit übertreffen. Mose, die Propheten, Jesus, die Reformatoren 
die Pietisten forderten nicht weniger, sondern mehr sittliche Leistungen als 
ihre Vorgänger, damit aber auch mehr Verzichte auf Lusterwerb, der dem Es 
entsprach. Zuerst überwogen Liebe und Freiheitsgefühl, Befriedigung über gelöste 
Fesseln. Allein indem das Lebensideal höher gesteckt wurde, kam es zu stärkeren 
Triebeinschränkungen, zu einer neuen Askese, und wegen der Unerreichbarkeit 
des neuen Ideals musste neues Schuldgefühl entstehen. Neue Verdrängungen und 
Triebverklemmungen, neue Ängste und Zwänge wurden unvermeidlich. Bei den 
Nachfolgern Zwingiis, bei den Calvinisten und Puritanern erreichte die Angst 
einen höheren Grad, als bei den allermeisten Katholiken, gerade weil die strengere 
Lebensforderung am Widerstand der Triebnatur scheiterte. Der Rückfall in 



Lösung und Bindung von Angst und Zwang 213 



Sünde verstärkte die Schuldangst: damit wurden aber auch die zwanghaften dog- 
matischen und rituellen Heilungsversuche stärker betont. Wie wir im profanen 
Leben so oft die Tendenz der Selbstverstärkung der Neurosen wahrnehmen, so 
auch innerhalb der israelitisch-christlichen Religionsgeschichte. Hat die Not 
einen unerträglichen Grad erreicht, so setzt jeweils wieder eine Befreiungstat ein 
nach den Prinzipien, die wir vorhin dargelegt haben. 

So stimmt die Pathogenese der religiösen Kollektivneurose, wie wir sie in den 
angst- und zwangsbeherrschten Orthodoxien wahrnehmen, haarscharf mit den 
Entstehungsbedingungen der individuellen angstbesetzten Zwangsneurosen über- 
ein. Je tiefer wir unseren Gegenstand untersuchen, desto völliger stellt sich die 
Übereinstimmung heraus. Dass äussere Erlebnisse, namentlich „furchtbare", 
furchterregende Nöte, die Neurosenbildung begünstigen und fördern können, sei 
besonders hervorgehoben. Auch die bei der Angst- und Zwangsbildung hüben 
und drüben eingeschlagenen Bahnen, in erster Linie die Neubelebung der Ödipus- 
bindung und primitiver Vorstellungen, verdient beachtet zu werden. Wir müssen 
uns indessen hier auf Andeutungen beschränken. 

Wie Freud uns die wissenschaftlichen Voraussetzungen einer Religionspathologie 
schenkte, so verhilft er uns auch zu einer Religionstherapie und -hygiene, mag er 
auch das ihm durch diese These zugeschriebene Verdienst noch so entschieden 
ablehnen. 



Zur Psychologie der Todfeindschaft 

(Bemerkungen über das Kopfjägertum) 
von 

Maria Weigl-Pisk 

Chicago 

Das Kopfjägertum, mit dem wir uns hier befassen wollen, ist in den letzten 
Jahrzehnten im Zuge fortschreitender Kolonisation zurückgedrängt worden. Das 
Verbreitungsgebiet lässt sich schwer genau feststellen; es gibt Kopfjägerei 
bei den Naga- Völkern in Assam, bei den Wa in Zentral-Hinterindien, bei den 
birmanischen Chin, Kuki und Lushei, bei den Dayak auf Borneo. An verschiedenen 
Orten in Neu-Guinea (von der Geelvink-Bai bis zum MacCIuer-Golf, an der 
Südwestküste, am Fly River, am Papua-Golf), auf der Insel Pannaet im Osten von 
Neu-Guinea, auf den mittleren und südöstlichen Salomonen. In Afrika findet sich 
nach G u s i n d e die eigentliche Kopfjagd in Nigeria, während die Schädeltrophäe 
in weiten Gebieten des Kontinents verbreitet ist, so im West-Sudan, an der Guinea- 
Küste, bei den westlichen Bantu. Die S k a 1 p j ä g e r e i, die man als eine Sonder- 
form des Kopfjägertums betrachten darf, war im 18. und 19. Jahrhundert fast über 
den ganzen nordamerikanischen Kontinent verbreitet. Manche nordamerikanische 
Stämme (Yuma u.a.) führten auch den ganzen Schädel als Trophäe heim. In Süd- 
Amerika scheint sich das Kopfjägertum stellenweise bis auf den heutigen Tag 
erhalten zu haben; es wurde bei den Karaiben, Mesayas, Jibaro und anderen 
Amazonas-Stämmen beschrieben. 

Die hier herangezogenen Beispiele entstammen durchwegs dem hinterindischen 
und indonesischen Gebiet, über das eine Reihe gründlicher und zuverlässiger 
Berichte vorliegen, und sie weisen auf eine Reihe Characteristica hin, die durchaus 
nicht für alle Kopfjägerstämme zutreffen. 

Das Wesentliche und Ursprüngliche an der Kopfjagd besteht darin, dass man 
Angehörige fremder Dörfer oder Völker überfällt und tötet, ausschliesslich urn 
sich in den Besitz ihrer Schädel zu setzen, die dann auf eigenem Gebiet in typischer 
Weise aufbewahrt werden. Die Opfer der Jagd sind immer „Fremde", was etwa 
für den mit der Kopfjagd vielfach parallel gehenden Kannibalismus nicht gilt- 
auch bei dem mit der Kopfjagd zusammenhängenden Schädelkult können die 
Objekte sowohl Stammesgenossen als auch „Aussenseiter" sein. 

Zunächst ein Wort zur Frage der Genese des Brauches: entsteht das Phänomen 
der Kopfjägerei im mutterrechtlichen oder im sogenannten vaterrechtlich-totern- 
istischen „Kultur kreis"? Nach Gräbner würden die Kopfjägerstämme Assarrw 



Zur Psychologie der Todfeindschaft 215 

der sogenannten Bogenkultur — dem „frei-mutterrechtlichen Kulturkomplex" — 
angehören. Fürer dagegen weist auf den kaum zu übersehenden Zusammenhang 
der Kopfjägerei in Assam mit der totemistischen Südsee-Kultur hin. Heine- 
Geldern, der sich in mehreren Arbeiten ausführlich mit der Materie ausein- 
andergesetzt hat, warnt vor der Gleichsetzung der Kopfjagd mit dem Mutterrecht, 
obwohl in Assam die weiblichen Gottheiten vorherrschen. Wenn die Kopfjagd 
keinen Anspruch erheben darf, als ausgesprochen mutterrechtliche Kulturer- 
scheinung zu gelten, und dennoch in ihrem Verbreitungsgebiet viele mutterrecht- 
liche Züge zu erkennen sind, so ist das nur ein Anzeichen dafür, dass es das 
sozusagen „totale" Mutterrecht nirgends gibt und höchstwahrscheinlich auch nie 
gegeben hat. Dasselbe gilt natürlich auch von einem rein vaterrechtlichen Kultur- 
kreis, sofern man darunter eine Durchdringung aller kulturellen Gebiete, wie 
Wirtschaft, Recht und soziale Ordnung, Religion, Kunst, mit vaterrechtlichen 
Prinzipien, resp. mit dem „Männlichen" im psychologischen Sinn, versteht. So 
wenig man heute vom biologischen und psychologischen Standpunkt aus von 
einem Individuum aussagen kann, es sei 100%ig männlich oder weiblich, so wenig 
kann eine analoge Aussage von einer Gesellschaft gemacht werden. Es bleibt aber 
das unbestrittene Verdienst Gräbners, die Typen der mutterrecht- 
lichen und vaterrechtlichen Ergologie ( = Kunde von den Ge- 
brauchsgegenständen) herausgearbeitet zu haben. Danach wären charakteristisch 
für den vaterrechtlich-totemistischen Kulturkreis: Speerschleuder (mit Dorn zum 
Aufsetzen des Speeres), die Steinspitze, der Dolch, die Kegeldachhütte, die 
Kopfstütze (auf der der Kopf während des Liegens erhöht ruht) , die Plattform- 
bestattung, die spitzovale Holzschüssel, das Einbaumboot, der Rückenschmuck 
in Wedelform, das Penisfutteral (welches das Membrum nicht so sehr schützt — 
das könnte auf andere Art viel leichter erreicht werden — als vielmehr es zu 
betonen bestimmt ist), zylinderförmige Umwicklung des Haares und Kopf- 
zylinder. 

Für das sogenannte mutterrechtliche Zweiklassen-System (älteres Mutterrecht 
mit zwei exogamen Heiratsklassen) wären hingegen folgende Gegenstände charak- 
teristisch: das breite Giebeldachhaus, das Plankenboot, die Kolbenkeule, das 
Breitschild; für die sogenannte melanesische Bogenkultur (jüngeres Mutterrecht 
ohne exogame Beschränkungen): der Bogen, die Töpferei, die Hängematte, die 
Korbflechterei, das Ruder mit dem breiten kurzen Blatt und die Regenkappe. 

Diese Aufzählung erinnert an das Inventar der Traumsymbolik. Bei jedem 
einzelnen dieser Elemente liegt der männliche, resp. weibliche Symbolcharakter 
klar zutage. Dass selbst eine der Psychoanalyse so fernstehende Richtung wie die 
der „Kulturhistorischen Schule" zur Anerkennung einer solchen Aufstellung 
gekommen ist, freilich ohne sich ihres Symbolcharakters bewusst zu werden, 



216 Maria Weigl-Pisk 



beweist, dass sich tatsächlich die überwiegende männliche oder weibliche Kom- 
ponente einer Kultur überall durchsetzt und sich selbst in den täglichen Gebrauchs- 
gegenständen manifestiert. Übrigens zeigt W i r z, dass sich bei manchen Natur- 
völkern Gebrauchsgegenstände in ihrer Form differenzieren, je nachdem sie für 
Männer oder Frauen bestimmt sind: so existieren in Indonesien grosse schwere 
Weiberboote zum Transport von Früchten etc., neben schlanken Männerbooten, 
die Sport- und Verkehrsmittel sind. Es gibt auch zweierlei Paddel, nämlich mit 
breiten Ruderblättern für die Frauen, und lanzettförmige für die Männer. „Alles 
Männliche ist langgestreckt und spitz, alles Weibliche gerundet" (Wirz). 

Es zeigt sich aber, dass das Vorhandensein vieler „weiblicher" Formen noch 
nicht genügt, um auf eine überwiegend mutterrechtliche Kultur schliessen zu 
dürfen, da ja diese Formen das Vorhandensein männlicher keineswegs ausschliessen. 
Das gilt auch dann, wenn die einen oder anderen nicht aufgefunden worden sind 

Jedenfalls ist es nicht angängig, nach der in Assam vorhandenen Ergologie auf 
eine bestimmte historische Stellung des Kopfjägertums zu schliessen und aus 
dieser den Sinn der Kopfjagdgebräuche abzuleiten. Vielmehr müssen wir ver- 
suchen, dies aus dem vorhandenen Tatsachenmaterial zu erschliessen, und zwar 
mit Hilfe psychologischer Ergebnisse. 

Wir stellen zunächst zwei Fragen: 1 . Zu welchem Zweck werden Köpfe gejagt? 

2. Welche Beziehung hat der Kopfjäger zu seinem Opfer? 

Zur ersten Frage: Die nächstliegende Erklärung wäre wohl, dass der Besitz 
möglichst vieler Schädel als Kriegstrophäen dem Besitzer als dem Bezwinger 
ebensovieler Feinde ein gesteigertes Ansehen unter seinen Stammesgenossen 
verschaffe. Dass aber diese und ähnliche rationelle Begründungen nicht aus- 
schlaggebend sein können, sondern dass der Primitive hier, wie überhaupt, von 
magischen Vorstellungen geleitet wird, wurde schon früh erkannt. Scott berich- 
tet 1910 von den Wa, dass bei der Kopfjägerei Sammeltrieb, Blutrache oder der 
Wunsch, sich auszuzeichnen und sich dadurch die Mädchen geneigt zu machen 
eigentlich keine Rolle spiele; dagegen sei das Hauptmotiv der Wunsch, sich den 
Schutz des Geistes des Getöteten zu verschaffen; denn man glaube 
der Geist des Toten bleibe bei seinem Schädel und sei imstande, andere Geister 
zu verscheuchen. Der Geist des Toten „tut das nicht aus Wohlwollen für den 
Bewohner des betreffenden Dorfes, denn er ist selbst so böse wie andere Geister* 
die ihm zugedachte Rolle ist beiläufig die eines bissigen Wachthundes" (zit. nach 
Heine-Geldern). Wir werden weiter unten sehen, dass wir gerade diesen 
Vergleich ernster zu nehmen haben und werden uns fragen müssen, wie es kommt 
dass der Primitive den Geist des von ihm Getöteten so sieht wie einen Wachthund 
der den Räuber verbellt, aber seinen Herrn liebt. 

Die Wa wie die Garo versprechen sich von einer geglückten Kopfjagd reiche 



Zur Psychologie der Todfeindschaft 217 

Ernte und allgemeines Wohlergehen des Dorfes. Den Feldern kommt die Auf- 
stellung eines oder mehrerer Schädel zugute; sie rufen den Regen herbei. Die 
Nagastämme legen die Köpfe der Opfer auf die Felder oder in die Vorratshäuser. 

Der Schädel wird also mit dem Acker (mit dem Haus, mit einem Baum) in 
Verbindung gebracht; es handelt sich dabei um einen Fruchtbarkeitszauber. „Was 
die psychologischen Ursachen des Glaubens betrifft, dass man durch einen 
abgeschnittenen Menschenkopf die Ernte beeinflussen könne, so stehen magische 
Beweggründe im Vordergrund. Es wird . . . vielleicht auch Analogiezauber betrie- 
ben. Blut ist gleich Wasser" (Heine-Geldern). Und ist gleich Samen, 
dürfen wir hinzufügen. 

Es liegt wohl auf der Hand, die Vereinigung des Schädels mit dem Acker (Haus, 
Baum) als symbolischen Befruchtungsakt aufzufassen. Damit stimmt es gut überein, 
dass der Schädel, wie erwähnt, ein exquisit männliches Symbol ist, Acker, Haus 
und Baum aber weibliche Symbole sind. Sollte es in diesem Zusammenhang noch 
eines Beweises für den weiblichen Charakter des Schädelbaumes bedürfen, so sei 
auf den Kult der Göttin Kali im Tempel Kali-Ghat bei Kalkutta verwiesen. Der 
Kali oder Durga werden, ebenso wie den ganz analogen assamesischen Göttinnen, 
Schädelopfer dargebracht; die Kali wird ja auch stets mit einem Schädelkranz 
abgebildet. Im Tempel Kali-Ghat aber werden die Köpfe der zu opfernden Ziegen 
in die Verzweigungsstelle von gegabelten Hölzern gesteckt. Als im 
Jahr 1866 bei einer Hungersnot die Ziegenköpfe offenbar für nicht genügend 
wirksam gehalten wurden, brachte man auch neuerdings Menschenopfer dar, 
deren Köpfe gleichfalls im Gabelholz staken. Das Gabelholz kommt auch bei den 
Wa vor, die es allerdings als Erinnerungszeichen, sozusagen als Denkmäler für 
geopferte Büffel aufstellen. Das gleiche tun auch manche Naga-Stämme. Dass die 
Chin die erbeuteten Schädel auf Gabelzweige aufhingen, wurde schon erwähnt. 

Für die Symbolfunktion des Kopfes liegt in der psychoanalytischen und ethnolo- 
gischen Literatur hinreichend beweiskräftiges Material vor. Hier sei noch auf den 
Kopfjägerstamm der Marind in Holländisch-Neu-Guinea verwiesen, der seine 
erbeuteten Schädel „mit geradezu phantastisch langen Nasen" aus Holz oder 
Rotang, mit Ton bedeckt, versieht (Wirz) und so ihren phallischen Charakter zu 
betonen scheint. 

Von den verschiedenen Problemen, die die Kopfjägerei dem Ethnologen auf- 
gibt, scheint uns dieEigenartdesAufbewahrungsortesder erjagten 
Köpfe bisher noch wenig beachtet worden zu sein. Es ergibt sich, dass der Ort der 
Aufbewahrung bei den einzelnen Kopfjagdvölkern jeweils konstant ist, und dass 
der rituellen Aufbewahrung grosses Gewicht beigemessen wird. Die Chin hängen 
die Köpfe am Teilungspunkt sich gabelnder Äste (zwischen die beiden Zweige) 
auf, die östlichen Angami, ein Naga-Stamm, pflanzen sie auf langen Stangen an 



218 Maria Weigl-Pisk 



der Haupteingangsstrasse des Dorfes auf, die Garo bewahren die Köpfe im Abort 
des Hauses auf, während bei anderen Angami-Stämmen jeder Krieger den von 
ihm erbeuteten Schädel fünf Tage unter seiner Bettstatt liegen hat. Während 
dieser Zeit ist er ,,genna", d.h. er darf mit Frauen keinen geschlechtlichen Verkehr 
haben, keine Speisen essen, die von Frauen gekocht sind, und muss deren Gegen- 
wart überhaupt meiden. Es ist, als wäre der Schädel ein Ersatz für den Sexual- 
partner; man schläft nicht mit der Frau, weil und solange man mit dem Schädel 
schläft. Die Opfer der hinterindischen Kopfjäger sind, von wenigen Ausnahmen 
abgesehen, immer Männer. In der Sprache des Unbewussten ist der Schädel 
ein Penissymbol. Die Forschungen von W i n t h u i s u.a. haben diese Symbol- 
bedeutung auch für die Sprache der Primitiven nachgewiesen. Marie Bona- 
parte hat gezeigt, dass Genitaltrophäen und Kopftrophäen einander gewisser- 
massen ersetzen: ,,Le trophee de tete semble etre un progres sur Ie trophee genital 
etre du dejä ä une avance dans le sens de la civilisation." 

Wir dürfen also das „Schlafen mit dem Schädel" als einen homosexuellen Akt 
deuten, wobei dann das tote Opfer „geliebt" wird, obwohl von dieser Regung dem 
lebenden gegenüber nichts zu merken war. 

Minder deutlich ist die erwähnte Beziehung zum Schädel bei den Tangkhul 
erkennbar, die die Schädel zwar nicht in ihr Haus nehmen, aber sie 5 Tage lang 
auf kleine Steinhaufen in ihren Dörfern placieren und in dieser Zeit auch ein 
strenges Tabu gegenüber den Frauen zu wahren haben. Die Mao-Naga besitzen 
einen sogenannten Kriegsstein, ein Heiligtum, das nie von einer Frau erblickt 
werden darf und dem man die heimgebrachten Köpfe zeigt. 

Die östlichen Naga verteilen Köpfe und Gliedmassen auf die Felder, ebenso wie 
die Wa. Die Lhota errichten einen Baum in der Mitte des Dorfes, auf dem alle 
Schädel befestigt werden; einige Stämme Manipurs befestigen die Schädel an 
ihrer Haustüre; das gleiche tun die Naga südlich von Sibsagar. Die Ao-Naga 
sowie die Nordost-Stämme, die sogenannten Nackten Naga, behandeln die Schädel 
unterschiedlich, je nachdem ob sie bei gemeinsamen Kriegszügen erbeutet wurden 
oder bei Einzelüberfällen. Im ersten Fall kommen sie ins Männerhaus des Dorfes 
im zweiten Fall über die Haustür des betreffenden Jägers oder in die Vorratshäuser. 

Das alles zeugt von einem ganz persönlichen Verhältnis des Jägers zu seinem 
Opfer, das erst nach dessen Tode einsetzt. Es drängt sich nun die Frage nach der 
Art dieser Beziehung auf. Was verlangt der Jäger vom erbeuteten Kopf, was kann 
dieser für ihn tun? 

Wenn der Schädel des Feindes an der Aussenseite des Hauses befestigt wird, so 
wirkt er als Apotropeion. Soweit ist das Tun der Naga klar und sinnvoll. Höchst 
sonderbar und für uns unverständlich wird aber das ganze Unternehmen, wenn 
man die Stellung des Naga zum Schädel überlegt. Er mutet diesem nicht mehr 



Zur Psychologie der Todfeindschaft 219 

und nicht weniger zu, als dass er ihn, seinen Mörder, beschütze. Der Schädel wird 
ge wissermassen ein Mitglied des Hauses, er hat die reiche Ernte herbeizuführen, 
er hat die Aufgabe, diejenigen abzuwehren, die seinem „Herren" übelwollen; 
dessen Feinde sind von nun ab auch seine Feinde. Der Naga erwartet mit einem 
Wort, dass der Schädel seines Feindes sich mit ihm identifiziere. Diese Erwartung 
erscheint umso sonderbarer, als der Naga wie jeder Primitive Furcht vor den 
Geistern der Toten hat. Nun könnte man einwenden, diese Furcht sitze eben 
nicht sehr tief, liesse sich etwa so unterdrücken wie der Aberglaube eines sonst 
durchaus rational denkenden Menschen, der z.B. bestimmte Zahlen fürchtet. Dem 
ist aber nicht so. Der Aberglaube des modernen Grosstadtmenschen ist, wenn er 
nicht krankhaft ist, eine in der gesamten Lebensführung nur unwesentliche An- 
gelegenheit, durchaus beeinfiussbar durch eigene vernünftige Überlegung und 
den Spott der Mitmenschen. Die Angst des Primitiven vor Toten ist für ihn „Real- 
angst", u.zw. deshalb, weil das gefürchtete Objekt innerhalb seiner Welt real ist. 
Wir können unseren Realitätsbegriff nicht auf die Welt der Naga übertragen. 
„Hysterische" Erscheinungen, wie Hellsehen, Schwarze und Weisse Magie und 
andere Funktionen der Allmacht der Gedanken erheben in der primitiven Gesell- 
schaft den Anspruch auf Wirklichkeit (auch im Sinne von Wirksamkeit). Ein 
Primitiver stirbt an einem Analogiezauber, er findet den Verbrecher wirklich dort, 
wo er ihn in der Trance gesehen hat. Für den Primitiven gilt die „materielle 
Realität des Transzendenten" (Speiser). Für den Naga ist das Übel, das ihm von 
seiten eines Toten-Geistes droht, echte Gefahr. Nur für den von ihm selbst 
getöteten Feind scheint das nicht zu gelten, obwohl er doch dessen Rache be- 
sonders zu fürchten Ursache hätte. Wie kommt es also, dass der Kopfjäger der 
freundlichen Gesinnung seines Opfers mit einem Mal so sicher ist? Mit welcher 
Berechtigung erwartet er dessen Schutz? Wenn auch einzelne Stämme (Garo, 
Kuki etc.) die abgehauenen Schädel durch Speiseopfer „versöhnen", so bleibt die 
auffallende Tatsache bestehen, dass der Jäger dem Opfer mit einem Mal freundlich 
gesinnt ist, nachdem er es erschlagen hat. Er verlangt die Identifizierung von 
seinem Opfer, weil er sich selbst mit ihm identifiziert. Der Freundschaftsdienst des 
Wächters wäre dann eine Revanche für die an ihn in der Identifizierung ver- 
schwendete Liebe. „ . . . Völker haben die Mittel gefunden, aus ihren früheren 
Feinden Freunde, Wächter und Beschützer zu machen." (Freud). 

Obwohl sich bei einigen Angami so etwas wie eine sexuelle Beziehung feststellen 
lässt, erscheint der Gedanke zunächst etwas befremdlich, dass ein Naga-Krieger 
sein Opfer liebe. Freud hat einen im Prinzip ganz gleichen Mechanismus in 
„Totem und Tabu" aufgezeigt: in der Urhorde gelingt den Söhnen die Identi- 
fizierung mit dem Vater, nachdem sie ihn erschlagen haben. Etwas Ähnliches tut der 
Kopfjäger mit seinem Feind (s. Marie Bonaparte: „Tous les trophees preleves 

14 Vol. 25 



220 Maria Weigl-Pisk 



sur l'ennemi . . . participent tous du trophee primitif . . . que les fils vainqueurs 
purent prelever sur le corps enfin battu du pere primitif"). Analog dazu offenbart 
sich das Prinzip der Identifikation mit dem gemordeten Opfer somit nicht nur 
ausschliesslich in der Beziehung Vater-Sohn, 1 sondern diese ist nur eine Art 
Vorbild oder nur eine Analogie für eine Reihe ähnlicher Erscheinungen. Die 
libido-ökonomischen Vorgänge bei dieser Art von Identifizierung sind grund- 
sätzlich andere als diejenigen, auf denen die Identifizierung mit einer gestorbenen 
Person basiert, die man bei Lebzeiten geliebt hat. Liebe zum getöteten Feind ist 
aber auch unserem heutigen Kulturbereich keineswegs fremd. 

Wie der Neurotilcer nach dem Tode des geliebten Vaters die Konsequenzen des 
Umstandes tragen muss, dass er ihn ,,auch" gehasst hat, so muss der Feind nach 
der Ermordung seines Feindes die Konsequenzen dessen tragen, dass er ihn 
„auch" geliebt hat. Der Satz ,,de mortuis nil nisi bene" scheint also nicht nur für 
den zu gelten, dessen Todeswünsche unbewusst geblieben waren, und der daher 
die Rache des Toten fürchtet, sondern in einem versöhnlicheren Sinn auch für den 
der nur von seinem Hass gewusst hat und endlich lieben darf. 

LITERATUR 

K. Abraham: Versuch einer Entwicklungsgesch.der Libido. Int. Psa.Verl., 1924. 

M. Bonaparte: Du Symbolisme des Trophees de Tete. Revue Francaise de Psychanalyse 

Tome I.No.4,1 927. 
St. Bornstein: Zum Problem der nareisst. Identifizierung. Int.Ztschr.f.Psa.XVI,1930. 
S. Freud: Totem und Tabu.Int. Psa.Verl. 1925. 
S. Freud: Trauer und Melancholie. Int.ZtschT.f.Psa.lV,1916-17. 
Chr. Fürer-Haimendorf: Zur Frage der Kulturbeziehungen zwischen Assam u.d. Südsee 

Anthropos,XXIV,1929. 
Chr. Füre r-H aimendorf: Bericht über eine Expedition zu den Kalyu-Kengyu. Anthropos 

XXVIII.1937. 
R. Heine-Geldern: Kopfjagd und Menschenopfer in Assam u.Birma und ihre Ausstrahlungen 

nach Vorderindien. Wiener Anthropol.Ges.XLVlI. 
R. Heine-Geldern: Die Megalithen Südost -Asiens und ihre Bedeutung. Anthropos, 1928. 

F. Gräbner: Die melanes.Bogenkultur und ihre Verwandten. Ztschr.f.Ethnogr.,1909. 
P. M. Gusinde: Ursprung U.Verbreitung des Schädelkultes.Ciba 49, Sept.1937. 

P. M. Gusinde: Kopftrophäen in Nord-Amerika.Ciba 49.Sept.1937. 

A. Koch-Grünberg: Anthropophagie bei den Südamerikan. Indianern. Archiv f.Ethnogr 

1908. 
O. Rank: Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage.Verl.Deutickc, Wien,1912. 

G. Rohe im: Nach dem Tode des Urvaters. Imago,IX,1923. 
A. Türe!; Bachofen-Freud. Verl.Huber,Bern,1939. 

P. Wirz: Kopfjagd u.Trophäenkult im Gebiet d. Papuagolfes. Ethnol.Anzeiger.111,1933. 
P. Wirz: Ref.im Erdball S.65. 

l)Wie wir ja überhaupt mit der einfachen Übertragung verwandtschaftlicher, familiärer, sozialer 
Beziehungen von unserer Familie auf die der Primitiven sehr vorsichtig sein müssen, worauf u,a 
auch E.Fromm hinweist. 



REFERATE 



Psychoanalyse 

BAK, ROBERT: Regression of Ego-Orientation and Libido in Schizophrenia. 

The International Journal of Psycho-Analysis XX, 1, 1939. 

Es ist schon mehrfach darauf hingewiesen worden, wie nahe „Temperaturlust", 
pertipiert an der erogenen Zone der Haut, und „Oralerotik" mit einander verbunden 
sind. Diese aber hat weit mehr psychoanalytische Untersuchung erfahren als jene. 
B a k s Arbeit stellt einen Beitrag dar zur Ausfüllung dieser Lücke. Er meint, dass die 
Phänomene der Kontakt-Magie, bei der die Idee des „Überfliessens" eine so grosse 
Rolle spielt, wesentlich mit der Temperatur-Orientierung des kleinen Kindes zusammen- 
hängen, in dem Wärme als „überfliessende Materie" aufgefasst wird. Sowohl die 
Temperatur-Orientierung als auch das Denken nach den Gesetzen der Kontakt-Magie 
könne man besonders gut bei bestimmten Typen der Schizophrenie studieren. Besonders 
die „unio mystica", das Wiederzusammenfliessen mit der verlorenen Allmacht („ozea- 
nisches Gefühl") hat damit zu tun. — Die physiologische Grundlage für dieses Phä- 
nomen sieht B a k darin, dass die Körpertemperatur des Kindes nach der Geburt 
rapide falle (innerhalb sechs Stunden um 1£ bis 2\ Grad), während das Kind noch 
verhältnismässig „thermolabil" ist; die „Tendenz zur Rückkehr in den Mutterleib" 
se.i vor allem eine „Tendenz, zur früheren Temperatur zurückzukehren". — B a k 
wagt schliesslich noch weitere Verallgemeinerungen: Er nennt den Wärmeverlust bei 
der Geburt „das Vorbild des Kastrations-Komplexes", die primäre relative libidinöse 
Uberbesetzung der Haut (der Peripherie) — eine „Randbevorzugung" nach Hermann. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



BARRETT, WILLIAM G.: Penis Envy and Urinary Control; Pregnancy Fantasies 
and Constipation; Episodes in the Life of a Little Girl. The Pscyhoanal ytic 
Quarterly, VIII, 1939. 

Der Titel dieser sehr interessanten Kinderbeobachtung gibt gleichzeitig ihren Inhalt 
an: Im Alter von zweieinhalb Jahren muss ein kleines Mädchen das Trauma erleben, 
dass es von ihrem älteren Bruder wegen ihres Penismangels gehänselt wird. Sie ant- 
wortet zunächst mit der Behauptung, sie hätte einen grösseren Penis als er; solche 
„Leugnung" kann aber nicht fortgesetzt werden, — und es entwickelt sich eine Hem- 
mung im Urinieren und schliesslich eine Enuresis. Pädagogische Massnahmen, die dem 
Mädchen eine Identifizierung mit ihrer Mutter lockend erscheinen lassen, helfen darü- 



222 Referate 

ber hinweg. — Zwei Jahre später entwickelt sich eine „Obstipation", von der sich bald 
herausstellt, dass sie ein willkürliches Zurückhalten des Stuhles ist. Gespräche mit 
dem Kinde zeigen, dass dies die Art ist, wie sie sich mit ihrer Mutter, die inzwischen 
schwanger geworden war, identifiziert. Gespräche über die bevorstehende Geburt des 
Geschwisterchens beseitigen das Symptom. — Barrett macht es wahrscheinlich 
dass die Art, wie das Kind auf die Schwangerschaft der Mutter mit Obstipation reagierte, 
mitbestimmt war durch die vorausgegangene Reaktion auf das Erlebnis des „Kastriert - 
seins". O. Fenichel (Los Angeles) 

BERGLER, EDMUND: Preliminary Phases of the Masculine Beating Fantasy. 

The Psychoanalytic Quarterly, VII, 4. 

In seiner Arbeit: „Ein Kind wird geschlagen" 1 stellt Freud fest, dass den beiden 
„masochistischen" Phasen dieser Phantasie beim Mädchen eine aktiv-sadistische Vor- 
phase vorangeht („mein Vater schlägt das mir verhasste andere Kind"), während bei 
den entsprechenden Phantasien der Knaben eine solche sadistische Vorstufe noch nicht 
nachgewiesen sei. — B e r g 1 e r meint nun, dass seine Forschungen über die Be- 
deutung der oralen Konflikte bei Knaben 2 ihm das Material lieferten, um diese Lücke 
auszufüllen: Der ursprüngliche Sadismus des Knaben richtete sich gegen die M u 1 1 e r 
und zwar als Ausdruck seiner oralen Unzufriedenheit mit ihr. Die sadistische Neigung, 
die ursprünglich den Brüsten galt, wurde auf die Nates verschoben, was dann nach 
Wendung der Aggression gegen das eigene Ich und Änderung des Geschlechtes des 
Objektes zur zweiten Phase: „Mein Vater schälgt mich", führt. Die Tatsache, dass der 
männliche Masochist feminine Wünsche gegenüber Frauen hat — was Freud als 
ungelöstes Problem bezeichnet — würde sich dann dahin erklären, dass die Verän- 
derung des schlagenden Vaters zur schlagenden Mutter eine regressive Entstellung 
ist, indem in der allerersten Entwicklungsphase dieser Phantasie die M u 1 1 e r das Ob- 
jekt gewesen ist. — Diese These, deren Allgemeingültigkeit nachgeprüft werden 
müsste, wird durch interessantes klinisches Material gestützt, besonders die psychische 
Gleichung Nates = Brüste mit eigenem Material und durch Zitate aus der Literatur 
belegt. (Bergler nennt dabei u.a. die libidinöse Besetzung der Nates „einen nar- 
zisstischen Versuch, die verlorenen Brüste der Mutter wiederherzustellen"; in dieser 
und ähnlichen Formulierungen findet Ref. eine Unterschätzung der genuinen biolo- 
gisch fundierten Erogeneilät gewisser Körperstellen). — Die Krankengeschichte eines 
masochistischen Patienten, der, fixiert an den negativen Oedipus-Komplex, unbewusstc 
Schläge-Phantasien mit dem Vater als Subjekt hatte, und der in der Tendenz, diese zu 
verdrängen, die orale Aggression gegen die Brüste der Mutter bewusst behalten resp. 
wieder bewusst gemacht hatte, bringt eine indirekte Bestätigung der These. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



\)Freud: „Ein Kind wird geschlagen" Ges. Sehr., Bd. V. 

2) Berg ler, Edmund: „Zur Problematik der Pseudodebilität, Int. Ztschr. f. Psa., XVIII, 1932 
Berglerund L. Eideiberg: „Der Mammakomplex des Mannes", Int. Ztschr, f. Psa., XIX, 1933 
Bergler: „Some Special Varieties of Ejaculatory Disturbances Not Hitherto Described" 
Int. J. Psa., XVI, 1935, Bergler: "Further Observations on the Clinical Picture of Psycho! 
genic Oral Asperrnia ", Int. J. Psa, XVIII, 1937. 



Referate 223 

BISCHLER, W.: Schopenhauer and Freud: A Comparison. The Psychoanalytic 

Quarterly, VIII, 1. 

B ischler versucht „einen kurzen Vergleich einiger der wichtigsten Lehren" von 
Freud und Schopenhauer, insbesondere ihrer Anschauungen über das Leben 
im allgemeinen, über Aesthetik, über Ethik und über Liebe. Dieser Vergleich stellt 
gewisse Ähnlichkeiten in den Lehren von Freud und Schopenhauer fest, aber, wie zu 
erwarten war, auch gewaltige Differenzen. — An einzelnen Stellen hat Ref. den Eindruck, 
dass der Autor Freud nicht richtig interpretiert; so wenn er von ihm und Schopenhauer 
sagt: „Beide sehen im Überwiegen unserer Begierden, Triebe und persönlichen 
Wünsche die grundlegende Ursache für unsere Uebel." 

O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 



DUNBAR, FLANDERS: Character and Symptom Formation. The Psychoanalytic 

Quarterly VIII, 1, 1939. 

Auf Grund von umfangreichen klinischen Beobachtungen stellt die Autorin gewisse 
Korrelationen zwischen somatischen Symptomen und psychischen Tatbeständen fest; 
als solche interessieren sie sowohl die zugrunde liegenden Konflikte als auch die Art des 
Ichs, auf diese Konflikte zu reagieren. Dies soll die wichtigere Frage vorbereiten, welche 
von diesen Korrelationen wesentlich, und welche bloss zufällig sind. 

Untersucht werden in erster Linie Kreislaufsymptome: Patienten mit hohem Blutdruck 

und zwar sowohl Arteriosklerotiker, als auch essentielle Hypertoniker — sind meist 

Introvertierte, Menschen, die die Abfuhr ihrer gestauten (aggressiven) Impulse hemmen 
und durch Fantasien, bezw. Erhöhung der Muskelspannung, ersetzen; sie zeigen meist 
mehr oder weniger ausgesprochen Züge eines Zwangscharakters. Unter Umständen 
kann eine oberflächliche Besprechung ihrer Konflikte zwischen der Neigung zu Aufleh- 
nung und der zu Unterwerfung therapeutisch wirksam sein. — Patienten, bei denen als 
Symptome Herzklopfen und Dyspnoe überwiegen, — und zwar wiederum sowohl 
Herzkranke als auch sog. Herzneurotiker — haben mehr angst- und konversions- 
hysterische Züge, besonders häufig klaustrophobe; (Ref. würde meinen, dass bei 
diesen klaustrophoben Zügen eine Projektion der Herzsensationen in den Raum eine 
Rolle spielt) „Pseudo-Heredität", d.h. Herzkranke in der Umgebung, und Krankheiten 
in der Kindheit sind nie fehlende anamnestische Daten; die Patienten zeigen eine Neigung 
zu plötzlichen Affektausbrüchen und haben ein lebhaftes Phantasieleben. — Patienten, 
deren Symptome besonders in Schmerzen bestehen, zeigen wieder andere gemeinsame 
Züge: Gelenkschmerzen werden unbewusst allgemein als Strafe für Masturbation aufge- 
fasst; bei Angina pectoris und Pseudo-Angina pectoris steht vor allem die gehemmte 
Aggression im Vordergrund; der Vergleich eines Koronarsklerotikers mit einem Patienten 
mit Pseudo-Angina zeigt eine weitgehende Übereinstimmung der beiden in Lebens- und 
Krankheitsgeschichte, dagegen Differenzen in der Art, wie dieselben Konflikte sich 
ausdrücken. 

Die Ausführungen von D u n b a r, die, wie sie selbst wiederholt betont, nur vor- 
läufige Eindrücke wiedergeben, verdienen gewiss systematischer nachgeprüft und 
analytisch vertieft zu werden. O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 



224 Referate 

EISSLER, KURT: On Certain Problems of Female Sexual Development. The 

Psychoanalytic Quarterly VIII, 1939. 

Die lesenswerte Arbeit von Eissler tritt an Hand von klinischem Material und 
theoretischen Überlegungen für die Wahrscheinlichkeit einer infantilen „vaginalen" 
Sexualität ein. Es scheint ihm wahrscheinlich, dass im allgemeinen kleine Mädchen die 
Vagina schon vor der Pubertät entdecken und autoerotisch benutzen. Äussere Einflüsse 
innere Hemmungen oder konstitutionelle Momente mögen manchmal diese Entdeckune 
verhindern. Die psychoanalytischen Schemata über die kindliche weibliche Sexualent- 
wicklung aber unterschätzen sicher die Häufigkeit dieser Entdeckung. Es gibt allerdings 
viele Hindernisse für das kleine Mädchen, vaginale Befriedigung zu erreichen und 
dies mag schuld daran sein, dass man in analytischen Krankengeschichten so selten 
eindeutig auf infantile vaginale Masturbation stösst. 

O. Fenichel (Los Angeles) 



ERICKSON, MILTON H, and KUBIE, LAWRENCE S.: The Use of Automatic 
Drawing in the Interpretation and Relief of a State of Acute Obsessional De- 
pression. The Psychoanalytic Quarterly VII, 4. 

Erickson hat in einer früheren Studie gezeigt, wie das unter hypnotischem Ein- 
fluss vor sich gehende „automatische Schreiben" dazu geeignet ist, gewisse psycho- 
analytische Funde in experimenteller Weise zu bestätigen. * Jetzt teilt er — zusammen 
mit Kubie — einen besonders eindrucksvollen Fall mit, wo solches automatische 
Schreiben zur kathartischen Heilung einer akuten neurotischen Depression benutzt 
werden konnte. Es handelt sich um eine 24jährige Studentin, deren akut-neurotischem 
Verhalten die Tatsache zugrunde lag, dass ihr Vater ein Liebesverhältnis mit ihrer 
besten Freundin begonnen hatte. Von dieser Tatsache wusste zwar die Patientin nichts 
— aber die Neurose und deren Aufklärung mit Hilfe des „automatisches Zeichnens" 
zeigte, dass die Patientin das Liebesverhältnis aus verschiedenen Indizien erraten, das 
Resultat ihres Ratens aber verdrängt hatte. Die plötzliche neurotische Unruhe der 
Patientin äusserte sich u.a. auch im „Doodeln", — d.h. in der Neigung, sinnlose 
Kritzelzeichnungen auszuführen. Als sie von den Experimenten Erickson's mit auto- 
matischem Schreiben hörte, wollte sie versuchen, ob ihre Kritzeleien einen Sinn ergeben 
könnten, und ob die Aufdeckung dieses Sinnes ihr in ihrer neurotischen Unruhe helfen 
könnte. — Die Autoren schildern nun genau und sehr eindrucksvoll, wie in einigen 
Sitzungen die Kritzeleien deutlicher und schliesslich deutbar wurden, womit die ver- 
drängte Tatsache der Patientin bewusst wurde. 

Eine interessante theoretische Diskussion vergleicht sodann die angewandte Methode 
mit der Psychoanalyse, das automatische Zeichnen mit der freien Assoziation, und be- 
merkt u.a. mit Recht, dass unter gewissen Umständen die Anwendung auch anderer 
Verständigungsmittel mit dem Unbewussten als der Sprache ihre Vorteile hat. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

1) Erickson, Milton H.: „The Experimental Demonstration of Unconscious Mentation by 
Automatic Writing", Psa. Quarterly, VI, 1937, Referat: Diese Zeitschrift 



Referate 225 

FRENCH, THOMAS M.: Defence and Synthesis in the Function of the Ego. The 

Psychoanalytic Quarterly VII, 4. 

French gibt ein ausführliches und übersichtliches Referat über das Buch von 
Anna Freud 1 und knüpft daran einige interessante und wichtige Diskussionsbemer- 
kungen. Es kommt ihm dabei darauf an, zu zeigen, dass, was in einzelnen Fällen im 
Ich als „Abwehr-Mechanismus" eine pathogene Rolle spielt, in geringerer Intensität 
einen Beitrag zur normalen Ich-Entwicklung, zum „Lernen" richtigen Urteilens, leistet; 
dann sollte es allerdings nicht „Abwehr-Mechanismus" genannt werden, sondern als 
Mechanismus anerkannt werden, der die synthetischen Funktionen des Ichs fördert, 
bezw. ausbildet. „Es scheint, dass der Abwehr-Mechanismus an der Stelle in Erscheinung 
tritt, wo die normale Integrations- Funktion des Ichs zusammenzubrechen beginnt." — 
So spielt der Mechanismus der „Leugnung in der Phantasie" in der normalen Ich-Ent- 
wicklung eine gewisse Rolle, die notwendig wird dadurch, dass das Kind viele Dinge 
sieht und hört, die es vorläufig nur in seiner Phantasie beherrschen kann. Die Fähig- 
keit, unliebsame Wirklichkeit bis zu einem gewissen Grade durch eine bessere Phantasie 
zu ersetzen, ist für die normale Entwicklung des Ichs notwendig, und die Vorwegnahme 
der zukünftigen Befriedigung in der Phantasie ist die Bedingung, unter der der zeit- 
weilige Lustverzicht, den das Realitätsprinzip auferlegt, angenommen werden kann. 
Die Phantasie darf dabei allerdings keine psychische Zurückziehung von der Wirklich- 
keit bedeuten; vielmehr wirkt die normale Phantasie als Antrieb für die spätere Reali- 
sierung (Ref. meint, dass das „Denken", bezw. Phantasieren, überhaupt zweierlei Funk- 
tionen dient: der Vorbereitung zur späteren Realität und dem Ersatz einer unliebsamen 
Realität. Diese beiden Kategorien von Phantasieren, die ursprünglich einander sicher 
sehr nahe standen, unterscheiden sich später durch eine Reihe von Kriterien vonein- 
ander: Die Phantasie, die „Realitätsersatz" ist, ist mit Abfuhr verbunden, diejenige, die 
„Vorbereitung zur Realität" ist, nicht). Das normale Gegenstück zur „Ich-Einschrän- 
kung" wäre die Notwendigkeit, die Grenzen seiner Wirkungsmöglichkeit einzusehen. 
Ebenso stellt die von Anna Fr eud beschriebene „Form von Altruismus" die patho- 
logische Zerrform einer Stellungnahme dar, die in gewissem Grade auch in der normalen 
Entwicklung des Ichs notwendig ist. — Zu den Untersuchungen von Anna Freud 
über die Psychologie der Pubertät meint French ebenfalls, dass ihre Untersuchimg 
der Abwehr-Phänomene ergänzt werden müsste durch eine Untersuchung der inte- 
grierenden und konstruktiven Prozesse, die während der Pubertät statthaben. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

GROTJAHN, MARTIN: Dream Observations in a Two-Year-Four-Months-Old 
Baby. The Psychoanalytic Quarterly VII, 4. 

Die Beobachtung der Äusserungen eines kleinen Knaben nach dem Erwachen zeigen, 
dass seine Träume nicht nur Wunscherfüllungen, sondern auch Wiederholungen nicht 
besonders lustvoller, aber eindrucksvoller Erlebnisse des Vortages zum Inhalt haben. 

Als Freud seinerzeit die „Wunscherfüllungs-Theorie" des Traumes aufstellte, 
fügte er auch hinzu, warum man während des Schlafes seine Wünsche als erfüllt 
halluziniert: um schlafstörende innere Spannungen loszuwerden. Das Ziel der Span- 

1) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. 

15 Vol. 25 



226 Referate 

nungsbewältigung war also allgemeiner als das der „Wunscherfüllung". In „Jenseits 
des Lustprinzips" hat er dann bekanntlich das auch ausdrücklich formuliert und zuge- 
geben, dass es eine Ausnahme von der Wunscherfüllungs-Theorie gibt: die Träume 
der traumatischen Neurotiker, die das unlustvolle Trauma immer wieder wiederholen 
um die eingebrochene Spannung nachträglich zu bewältigen. 1 Das „Lustprinzin" 
selber muss man sich, als eine bestimmte Modifikation dieses übergeordneten Soan 
nungs-Bewältigungs-Prinzips" vorstellen. — Das kleine Kind, das sein Ich ausbildet 
bildet ja damit nichts anderes aus als seine Fähigkeit zur „Spannungsbewältieune"' 

Vom Kinderspiel war erkannt worden, dass es dem Zwecke dient, zunächst so wir 

die „traumatischen Träume" — erst eingebrochene Spannungen nachträglich zu be 
wältigen, sodann erwartete Spannungen in der Phantasie vorwegzunehmen. Es war 
eigentlich eine selbstverständliche Folgerung, dass das auch für die Träume der 
kleinen Kinder gelten müsse. 

Die Arbeit von Grotjahn zeigt, dass diese theoretische Erwartung sich in der 
Wirklichkeit bestätigt. O. Fenichel (Los Angeles) 



HEROLD, CARL M.: A Controversy about Technique. The Psych oanalytic Quar 
terly VIII, 1939. 

Herold vergleicht in interessanter Weise die technischen Vorschriften, die W 
R e i c h in seinem Buche „Charakter-Analyse" gibt, mit den Diskussionen über Technik 
in Th. Reiks Buch „Der überraschte Psychologe". Er klärt in erfreulicher Weise 
Missverständnisse auf, die zwischen diesen beiden Autoren herrschen, und wendet sich 
dann den Punkten zu, in welchen ihre Technik wirklich entgegengesetzt ist: Es ist die 
Art, wie die Aggression des Analytikers von ihm im therapeutischen Verfahren ver- 
wendet wird. Herold vergleicht die Form, in der die beiden Autoren einen latenten 
Ubertragungswiderstand angreifen: „Wilhelm Reich greift den Obertragungswider- 
stand direkt an, indem er all seine Deutungstätigkeit auf ihn und nur auf ihn konzen- 
triert. Theodor Reik erwähnt ihn überhaupt nicht, aber liegt sozusagen im Anschlag 
um den unbewussten Konflikt zu verstehen, der hinter dem Verhalten des Patienten 
liegt. . . . Intuitives Verständnis ist sein wesentliches technisches Mittel, während 
Reichs wesentliches technisches Mittel der direkte, aggressive Angriff auf die narziss- 
tischen Abwehrhaltungen des Patienten ist." — Beide Methoden führen zum Ziel. Im 
Idealfall müsste die Person des Patienten und die Art seines Widerstandes den Ausschlag 
dafür geben, wie weit die eine, wie weit die andere Methode herangezogen wird. T n 
Wirklichkeit aber sei das technische Vorgehen nicht nur von der Persönlichkeit des 
Patienten, sondern auch von der Persönlichkeit des Analytikers abhängig: „Ich glaube 
nicht, dass der Analytiker während der Arbeit affektgeleitet sein soll; er muss sehr 
häufig Beherrschung seiner Affekte üben. Aber diese Affekte würden sehr bald 
unbeherrschbar werden, wenn er ständig versuchen würde, sich in einer Weise zki 
benehmen, die sein persönliches psychisch-dynamisches und ökonomisches Gleich- 
gewicht bedrohen würde." — Es sei auch kein Zweifel, dass verschiedene Analytiker 
für verschiedene Patienten verschieden geeignet sind. O. Fenichel (Los Angeles) 



1) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Sehr., Bd. VI 



Referate 227 

ISAACS, SUSAN: Criteria for Interpretation. The International Journal of Psycho- 
analysis XX, April 1939, 2. 

Mrs. Isaacs diskutiert die uns zur Verfügung stehenden Kriterien, wonach wir 
Richtigkeit oder Falschheit unserer Deutungen beurteilen. Ausschlaggebend ist immer 
die Gesamtreaktion des Patienten, manchmal die unmittelbare, oft die spätere. — 
Falsche Deutungen machen meist überhaupt keinen Eindruck. — Inhaltlich richtige, 
aber dynamisch oder ökonomisch falsche (an falscher Stelle gegebene) Deutungen oder 
solche, die nur teilweise richtig sind, erzeugen oder erhöhen oft die Angst der Patienten, 
manchmal so spezifisch, dass wir aus der Reaktion des Patienten die Natur unseres 
Fehlers erkennen können. — R i c h t i g e Deutungen finden u.a. folgendermassen Be- 
stätigung: Der Patient kann ihre Richtigkeit unmittelbar einsehen, oder es tauchen neue 
Erinnerungen auf, oder der gedeutete Impuls wird auf irgend eine andere Weise deut- 
licher und spezifischer, es werden neue Wege der Assoziationen eröffnet, oder das 
Benehmen des Patienten ändert sich; es kann vergessenes Material, z.B. vergessene 
Träume, auftauchen; es gibt das Phänomen der „nachhinkenden" Träume; oder der 
Patient entwickelt ein neues Verständnis für seine aktuellen Situationen; vor allem 
aber entwickelt sich oft ein spezifisches Nachlassen von Ängsten oder ein Wechsel in 
Inhalt oder Richtung der Ängste, besonders in der Übertragung. — Konstruktionen 
über die Kindheitsgeschichte des Patienten können bestätigt werden: durch weitere 
neue Erinnerungen, durch Koinzidenz von vorher chaotischem Material, durch objektive 
Bestätigungen, durch das Verständlichwerden von bisher unverständlichen Verhaltens- 
weisen. — Die Autorin diskutiert dann noch die wissenschaftliche Wertigkeit psychoa- 
nalytischer Einsichten, besonders Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten von analytischer 
und experimenteller Situation; sie kommt zu dem Schluss, dass die psychoanalytischen 
Erkenntnisse naturwissenschaftlichen Charakter tragen. 

O. Fenichel (Los Angeles) 

LORAND, SANDOR: Role of the Female Penis Phantasy in Male Character 
Formation. The International Journal of Psychoanalysis XX, 2. 

Bei Patienten, die den Glauben an den Phallus der Frau unbewusst festhalten, ist diese 
Fantasie immer „deuterophallischer" Natur, d.h. sie dient zur Beschwichtigung einer 
Kastrationsangst, die die ganze Persönlichkeitsstruktur beherrscht. Es ist interessant, 
dass die gleichen Patienten oft auch von Männern mit weiblichen Genitalien, resp. von 
Männern, die sich in Frauen verwandeln, phantasieren oder träumen. Sie tun dies, um 
durch einen „mütterlichen Schutz von Seiten des Vaters" ihrer Angst zu entgehen. Es 
handelt sich meist um passive Charaktere, für die alle Aktivität mit Angst verbunden 
ist, und die sich als Kinder besonders an die weiblichen Mitglieder ihrer Familie ange- 
schlossen haben. 0. Fenichel (Los Angeles) 

OBERNDORF, C. P.: On Retaining the Sense of Reality in States of Deperson- 
alization. The International Journal of Psychoanalysis XX, 2. 

In früheren Arbeiten l hatte Oberndorf eine Theorie der Depersonalisation ent- 



1) Oberndorf, „Depersonalization in Relation to Erotisation of Thought", Int. lournal of Psa. 
XV 1934, „The Genesis of the Feeling of Unreality", Int. Journal of Psa., XVI, 1935. 



228 Referate 

wickelt: Sie beruhe im Wesentlichen auf einer Identifizierung mit dem gegenge- 
schlechtlichen Eltemteil, die eintrat, nachdem eine Sexualisierung der Denkfunktion 
vorgenommen worden war; die „gegengeschlechtliche Denkweise" im Uber-Ich wird 
dann als „fremdartig" empfunden und verdrängt. — Weitere klinische Beobachtungen 
die Oberndorf nunmehr mitteilt, scheinen ihm diese Theorie zu bestätigen. Besonders 
untersucht Oberndorf das Phänomen, dass bei Depersonalisations-Kranken manchmal 
gewisse Erlebnisse von der Depersonalisation ausgenommen erscheinen und emotionell 
voll erlebt werden. Bei einer Patientin bildete ein Interesse für Bücher eine solche 
Ausnahme. Die Bücher hatten einerseits wegen ihrer symbolischen Bedeutung das 
Interesse der Patientin auf sich gezogen, andererseits waren sie doch ihres harmlosen 
Charakters wegen von der Depersonalisation ausgenommen geblieben. — Ferner dis- 
kutiert Oberndorf die Tatsache, dass Patienten, die an Depersonalisation leiden, sich oft 
mit toten Objekten identifiziert haben; endlich bespricht er auch spezielle, der Deperso- 
nalisation zugeordnete Widerstandsformen: das Gefühl, die Deutungen des Analytikers 
wären gar nicht wirklich, schützt die Patienten vor der vollen Annahme der Deutungen 

O. Fenichel (Los Angeles) 

PAYNE, S. M.: Some Observations on the Ego Development of the Fetishist. The 

International Journal of Psychoanalysis XX, 2. 

Die Arbeit untersucht die Beziehungen zwischen Fetischismus und bestimmten Ab- 
wehrhaltungen des Ichs, nämlich einer besonderen Ich-Schwäche, die das Ich in 
höherem Grade der Kastrationsangst aussetzt. Die Autorin meint, dass die unbewusste 
Struktur des Ichs des Fetischisten gemeinsame Züge mit der des Depressiven und 
Paranoiden habe; wie diese bleibe auch der Fetischist oral-abhängig und entwickle im 
Zusammenhang mit dieser Abhängigkeit Konflikte um den Sadismus. Die Sehnsucht 
nach dem Fetisch sei eine Sehnsucht nach „einzuverleibenden guten Eltern", die vor der 
Angst schützen sollen, — aber auch die Sehnsucht nach Wiedergutmachung einer in 
solchen phantastischen Tendenzen phantasierten Vernichtung der Eltern: „Die Bezie- 
hung eines Mannes zu seinem Fetisch ist dieselbe wie seine Beziehung zu seinen verinner- 
lichten Eltern." — In der Vorgeschichte der Patienten finden sich häufig Ereignisse 
die geeignet waren, die Abhängigkeit des Kindes von den Eltern besonders zu erhöhen. 
— Unklar war u.a. dem Ref. eine Diskussion darüber, dass der Fetischismus noso- 
logisch zwischen den Neurosen und den Perversionen stehe; ist er nicht per definitionem 
eine Perversion? O. Fenichel (Los Angeles) 

PECK, MARTIN W.: Notes on Identification in a Case of Depression Reactive to 
the Death of a Love ObjecL The Psychoanalytic Quarterly VIII, 1. 

Die analytische Krankengeschichte eines 40jährigen Mannes, dessen Frau während 
der Analyse starb, zeigt eine überaus deutliche Bestätigung der Freud' sehen The- 
orie der Depression: Der Patient, dessen Verhalten durch seinen Zwangscharakter und 
die anal-sadistische Struktur seines Trieblebens charakterisiert war, hatte schon stets eine 
besondere narzisstische Bedürftigkeit gezeigt und war in seiner Ehe von seiner Frau 
die nach dem Typus einer Schwester gewählt war, entsprechend abhängig. Nach deren 
Tode zeigte er eine ausserordentliche Verstärkung seiner Identifizierung mit ihr; seine 
pathologische Trauer, die mit Selbstvorwürfen und Idealisierung der Verstorbenen 



Referate 229 

einherging, erwies sich als das Wüten eines selbstherrlichen, durch Regression sadistisch 
gewordenen Über-Ichs gegen das introjizierte Objekt. (Schon während der Todes- 
krankheit der Frau hatte der Patient dieser ständig den Vorschlag zu einem Doppel- 
selbstmord gemacht). — Das analytische Material zeigt zwar diese Mechanismen mit 
besonderer Deutlichkeit, aber ein frühzeitiger Abbruch der Analyse machte es unmög- 
lich, sie auch dem Patienten in genügendem Ausmasse verständlich zu machen. 

O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 

SAUL, LEON J.: Psychoanaiytic Case Records. The Psychoanalytic Quarterly VIII, 

1939. 

Es ist bekannt, dass das Chicagoer psychoanalytische Institut von seinen Mitarbeitern 
verlangt, dass sie über die von ihnen durchgeführten Psychoanalysen Protokolle füh- 
ren. Der kurze Aufsatz von Saul versucht, diese Forderung zu begründen und die 
Vorteile solcher „Protokolle" auseinanderzusetzen: sie ermöglichen nachträgliche 
Durchsicht des Materials, „objektive" Kontrolle durch andere Kollegen, bestimmte 
Formen der wissenschaftlichen Auswertung, besonders der Träume, und ein Studium 
formaler Details, von denen Saul glaubt, dass sie bisher vernachlässigt worden waren. (Er 
schreibt:,, Vor allem eröffnete die Psychoanalyse in ihren frühen Jahren ein Beobachtungs- 
feld von derartigem Reichtum, dass es genügte, die besonders bedeutungsvollen Phäno- 
mene im grossen und ganzen zu skizzieren und zu beschreiben, ohne sich um allzu viele 
Details zu kümmern. Solche Beobachtungen konnten entsprechend ohne ausführliche 
Protokolle gemacht werden." Es scheint dem Ref., dass die Lektüre der Freud'schen 
Krankengeschichten zeigt, dass Freud durchaus und sehr ausführlich auch Details des 
Materials beobachtet hat, ja, dass es eines der Kennzeichen der Psychoanalyse ist, kein 
Details für so gering zu erachten, dass es der Aufmerksamkeit entgehen dürfte.) — 
Die Einwände gegen das Mitschreiben während der analytischen Stunde, die F r e u d 
formuliert hat, werden nicht sehr ausführlich diskutiert; jedenfalls hält Saul sie für 
vernachlässigenswert angesichts der Fülle von Vorteilen, die die Protokolle angeblich 
bieten. Wenn einige Analytiker meinen, das Mitschreiben störe ihre ,, gleichschwebende 
Aufmerksamkeit", so erwidert Saul bloss: „Aber andere finden, dass es ihre Konzentra- 
tion erhöht." Auf den Einwand, dass nur Worte, die der Patient äussert, mitgeschrieben 
werden, während es auf sein ganzes Benehmen ankomme, antwortet er: „Immerhin sind 
die Worte das zentrale Mittel, mit dem der Analytiker arbeitet, und die intuitive Reaktion 
des Analytikers fehlt im Protokoll nicht, wenn er seine Deutungen auch notiert." 

An einer Stelle möchte Ref. dem Autorrecht geben: Derartige „Protokolle" können 
als Lehrmaterial ausgezeichnete Dienste leisten. Aber hebt dieser Vorteil wirklich all die 
Nachteile des Mitschreibens auf, von denen Saul nur einen kleinen Teil erwähnt? 

O. Fenichel (Los Angeles) 

SCHOENBERGER, STEPHEN: A Dream of Descartes: Reflections on the Uncon- 
scious Determinants of the Sciences. The International Journal of Psycho- Analysis, 

XX, 1, 1939. 

Maxim L e r o y hat einen Traum von Descartes veröffentlicht und Freud um eine 
Beurteilung dieses Traumes gebeten. Freud antwortete, dass das Material zu einer ausgiebi- 
gen psychoanalytischen Deutung nicht ausreiche, dass ihm aber, der Traum im ganzen den 
Eindruck eines „Traumes von oben" mache, der den Tagträumen nahestehe und keine 



230 Referate 

eingehenden Rückschlüsse auf das Unbewusste erlaube. 1 — Schoenberger hat 
sich dadurch nicht von dem Versuche abhalten lassen, gerade diesen Traum zum Aus- 
gangspunkt einer Untersuchung über die unbewussten Motive zur wissenschaftlichen 
Forschung überhaupt zu nehmen. Er versucht, einzelne Elemente des Traumes sym- 
bolisch zu deuten und diese Deutungen dann mit anderen Äusserungen Descartes' über 
sich selbst in Verbindung zu setzen. Auf solche Weise glaubt er es wahrscheinlich zu 
machen, dass in Descartes sowohl Tendenzen zur „Zerstörung der introjizierten Mutter 
in anderen Worten des Ober-Ichs" wirksam waren, als auch Wiedergutmachunes- 
Tendenzen gegen solchen Sadismus. Die letzteren zeigen sich besonders in der Tendenz 
„böse Objekte in gute Objekte zu verwandeln". Dabei konnten leider weder die speziel- 
len noch die allgemeinen Deutungen des Autors den Ref. ganz überzeugen, so wenn es 
z.B. beisst: „Wenn wir an die Verbindung zwischen Unwissenheit und destruktiven 
Tendenzen, die bis jetzt noch nicht gelähmt wurden, denken, so dürfen wir sagen, dass 
die analen Funktionen dadurch, dass ihre Produkte nicht durchsichtig sind, dazu neigen 
das Kind zu überzeugen, und zwar durch tägliche Wiederholung, dass im Innern seines 
Körpers Konflikte und Zerstörung herrschen, dass es ein böses Über-Ich mit sich 
trägt, mit anderen Worten, dass der Inhalt seines Körpers böse ist." 

Diese Skepsis will jedoch nicht das Gesamtresultat des Autors anzweifeln: dass wissen- 
schaftliches Interesse aus dem Drang entstehen kann, in der Phantasie vollzogene Zer- 
störungen wieder gut zu machen, bezw. eine „gute Mutter", die man verloren hat, wieder 
zu finden. O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 

SPRING, WILLIAM J.: Observations on World Destruction Fantasies. The P S y- 

choanalytic Quarterly VIII, 1, 1939. 

Spring stimmt mit Freud darin überein, dass die Weltuntergangsphantasie 
des Schizophrenen der inneren Wahrnehmung ihres Objektverlustes entspricht. E r 
ergänzt diese Deutung durch den Hinweis darauf, dass sein Material ihn lehrte dass 
diese Phantasie auch die Erfüllung eines destruktiven Wunsches darstellt. Dieser de- 
struktive Wunsch war zuerst gegen bestimmte Individuen gerichtet gewesen; es ist schon 
das Werk der Abwehr, wenn er sich in Form der Weltuntergangsphantasie gegen die 
Allgemeinheit wendet. Diese „Wendung von bestimmten Objekten zur unbestimmten 
Menge" ist vergleichbar der „Wendung gegen das eigene Ich". Der eigene Tod wird ia 
im Weltuntergang ebenfalls erwartet. Sehr oft findet sich die Weltuntergangsphantasie 
gleichzeitig mit Suizidideen. O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 

STERN, ADOLPH: Psychoanalytic Investigation of and Therapy in the Border 

Line Group of Neuroses. The Psychoanalytic Quarterly VII, 4. 

Als „Border Line Group" bezeichnet S t e r n diejenigen Krankheitsbilder, die -wir 
etwa allgemein „neurotische Charaktere" zu nennen pflegen, bei denen das Ich selbst 
in den Krankheitsprozess einbezogen ist. Wie andere Autoren stellt auch er fest, dass in 
der gewöhnlichen analytischen Praxis solche Fälle immer häufiger, „Psychoneurosen" 
im engeren Sinne immer seltener werden. Als „narzisstische Eigenheiten" solcher 
Patienten bespricht Stern insbesondere die Behandlung von narzisstischer Kontakt- 



1) Freud: Brief an Maxim Leroy über einen Traum des Cartesius, Ges. Sehr., Band 12, Seite 403ff 



Referate 231 

losigkeit, „psychischem Blutertum" (d.h. Bereitschaft, auf relativ kleine Traumen mit 
völliger Zurückziehung von der Aussenwelt zu antworten), leichte Verletzlichkeit, 
Starrheit der Persönlichkeit, negative therapeutische Reaktion, schwerste Minder- 
wertigkeitsgefühle, Masochismus, tiefe Unsicherheit der Persönlichkeit, besondere 
Benutzung des Mechanismus der Projektion, affektive Störungen der Realitaetsprüfung. 
Stern stellt fest, dass alle diese Eigenheiten im Grunde Angstabwehrformen sind, und 
dass sie gewisse Modifikation der klassischen analytischen Technik notwendig machen. 
Merkwürdigerweise zieht Stern dabei die zahlreiche psychoanalytische Literatur, die 
zu diesem Thema bereits besteht, nicht heran. Seinen technischen Vorschägen wird 
man meist zustimmen: Die Patienten brauchen oft eine die eigentliche analytische Arbeit 
erst vorbereitende augenblickliche Hilfe; im allgemeinen muss die „Inhaltsanalyse" der 
Kindheitsgeschichte zurücktreten gegenüber der Analyse des „rezeptiv-passiven" 
Übertragungsverhaltens, der falschen Realitäts-Orientierung und der Angst vor dem 
Erwachsen werden. — Dagegen scheint eine ätiologische Gegenüberstellung, die Stern 
vornimmt, den Sachverhalt zu sehr zu vereinfachen: Stern meint, dass die eigentlichen 
Psvchoneurotiker an Konflikten der infantilen Sexualität erkrankt seien, die Border Line 
Cases dagegen an Konflikten des infantilen Narzissmus. Es seien meist Fälle, die als 
Kinder zu wenig Liebe erhalten hätten. — Diese Gegenüberstellung von „Sexualität" 
und „Narzissmus" scheint uns nicht vielversprechend, weil gerade in der frühen Kind- 
heit erotische und narzisstische Bedürftigkeit noch nicht voneinander differenziert sind. 
Auch zeigt die genaue analytische Durchforschung der charakterlich verankerten Abwehr- 
mechanismen meist spezifischere infantile Vorgeschichten als „Mangel an Liebe". 

O. F e n i c h e I (Los Angeles) 

STRACHEY, JAMES: Preliminary Notes upon the Problem of Akhenaten. The 

International Journal of Psycho-Analysis XX, 1, 1939. 

Seit der bekannten schönen Arbeit von Abraham über Echnaton, 1 der durch 
Freuds neues Buch neuerdings in den Mittelpunkt des Interesses der Psychoanalytiker 
gerückt wurde, haben sowohl Aegyptologie als auch Psychoanalyse bedeutende Fort- 
schritte gemacht. Die Heranziehung neuer psychoanalytischer Einsichten zur Aufklärung 
neuerer aegyptologischer Funde gibt dem Autor den Mut, die Deutungen Abrahams zu 
ergänzen, bezw. abzuändern. Es scheint ihm, dass Echnaton eine stark feminine (viel- 
leicht adiposogenitale) Anlage hatte, auf die er mit der Entwicklung bestimmter paranoider 
Mechanismen reagierte. Sein Hass gegen den Vater wurzelte nicht nur in einem normalen, 
sondern auch in einem negativen Oedipus-Komplex. — Strachey scheint Die Bedeutung 
des „grossen Mannes in der Geschichte" hoch einzuschätzen, indem er schreibt: „Wenn 
dies der Fall ist, so scheint es möglich, dass der Zufall, dass ein Mensch mit dieser 
speziellen Geistesart gleichzeitig die mächtigste Persönlichkeit der ganzen Welt war, 
verantwortlich gewesen sein mag, für das erste Auftreten des Monotheismus in der 
Geschichte der Menschheit." O. F e n i c h e 1 (Los Angeles) 

WARBURG, BETTINA: Suicide, Pregnancy, and Rebirth. The Psychoanalytic 
Quarterly VII, 4. 
Bettina Warburg teilt die Krankengeschichte einer jungen Frau mit einer schweren 



1) Abraham, Karl, Amenhotep IV (Echnaton), Imago 1, 1912. 



232 Referate 

Zwangsneurose mit, deren ganzes Leben der Ausdruck der Wirksamkeit gewisser unbe- 
wusster Phantasiebildungen war. Diese Phantasiebildungen waren das Resultat ihrer 
unglücklichen Kindheit. Wir sehen, wie diese Phantasien — entsprechend äusseren 
Erlebnissen und später entsprechend dem Fortgang der Analyse — sich modifizieren 
und schliesslich die Herrschaft, die sie über das wirkliche Leben der Patientin ausgeübt 
hatten, verlieren. In diesen Phantasien überwiegen Todesgedanken, was darauf zurück- 
geht, dass der Vater der Patientin in deren viertem Lebensjahre gestorben war, was die 
Begriffe „sexuelle Befriedigung" und „Tod" im Unbewussten der Patientin einander 
besonders nahe gebracht hatte. Nach dem Tode des Vaters hatte sich die Patientin, die 
sich von ihm verlassen fühlte, mit ihm in einer feindseligen Weise identifiziert, was eine 
Einstellung in die Höhe brachte, die dem negativen Oedipus- Komplex entsprach. 
Gleichzeitig aber wirkte der dem positiven Oedipus-Komplex angehörige Hass gegen 
die Mutter. Er beherrschte eine zweite Phantasie-Reihe, derzufolge die Mutter den Vater 
getötet und seines Penis beraubt hatte. — Unter den Erlebnissen, die später diese 
Phantasien besonders beeinflussten, heben sich ein Selbstmordversuch und eine Schwan- 
gerschaft durch einen ungeliebten Mann hervor, beides durch — Rache-, Busse- und 
Wiedergeburts-Phantasien determiniert, letztere mit der Idee, das zweite Mal mit einem 
Penis geboren zu werden. O. Fenichel (Los Angeles) 

ZACHRY, CAROLINE B.: Contributions of Psychoanalysis to the Education of 
the Adolescent. The Psychoanalytic Quarterly VIII, 1. 

Die Autorin tritt in erfeulicher Weise für die Psychoanalyse ein, indem sie darlegt, 
von welcher Bedeutung sie für die Erziehung im Pubertätsalter ist. Diese Bedeutung 
sieht sie in dreifacher Hinsicht: Zunächst vermag die Psychoanalyse jedem Erzieher 
Kenntnisse über die tatsächlichen Vorgänge im Seelenleben seiner Zöglinge zu 
geben; sodann vermag sie in schwierigeren Fällen besonderen psychoanalytisch ge- 
schulten Erziehern eine Methode in die Hand zu geben, auch besondere Schwierigkeiten 
des Jugendlichen zu verstehen und unter günstigen Umständen zu beseitigen; drittens 
endlich können Jugendliche, bei denen es bereits zur Ausbildung einer eingewurzelten 
Neurose gekommen ist, einer wirklichen psychoanalytischen Behandlung unterzogen 
werden, wobei allerdings die Technik in mancher Hinsicht sowohl von der klassischen 
psychoanalytischen Technik als auch von der, die man in der Kinderanalyse anzuwenden 
pflegt, wird abweichen müssen. O. Fenichel (Los Angeles) 



. 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



Berichte der Internationalen 
Unterrichtskommission 

Redigiert von Edward Bibring, Sekretär der I.U.K. 

Infolge der gegenwärtigen Situation sind nicht alle Berichte rechtzeitig einge- 
langt. Im Zusammenhang mit den Vorgängen im vergangenen Jahr hat die 
Unterrichtstätigkeit in den Europäischen Ländern natürlicherweise grosse Ein- 
schränkungen erfahren. 

A. Institute 

American Association 

Boston Psychoanalytic Institute 

i93 8 -i939 

Kandidatenstand: Gesamtzahl der Kandidaten: 24; in Lehranalyse: 12; 
in Analysen Kontrolle: 12; in Ausbildung für Anwendungsgebiete: 2. 

Lehrausschuss: Dr. Isador H. Coriat, Dr. William G. Barrett, Dr. Helene 
Deutsch, Dr. John M. Murray, Dr. Martin W. Peck, Dr. Hanns Sachs, Dr. M. 
Ralph Kauf man (Ex-Officio), Obmann. 

Kurse und Seminare: Dr. Helene Deutsch: Technisches Seminar — 
Dr. Robert Waelder: Theoretische Grundlagen der Psychoanalyse — Dr. Hanns 
Sachs: Libidotheorie — Dr. Ives Hendrick: Einführung in die Psychoanalyse — 
Mrs. Beata Rank: Kinderanalyse — Dr. Isador H. Coriat: Anwendungen der 
Psychoanalyse — Dr. Gregory Zilboorg: Geschichtlicher Überblick über die 
medizinische Psychiatrie — Dr. Helene Deutsch, Dr. M. Ralph Kaufman und 
Dr. John M. Murray: Seminare für Fürsorger — Dr. William G. Barrett, Dr. 



234 Korrespondenzblatt 



Florence Clothier, Dr. Jenny Waelder: Seminare für Anwendung der Psycho- 
analyse auf die Pädagogik. 

Chicago Institute for Psychoanalysis 
I 93 8 ~ I 939 

Kandidatenstand: Gesamtzahl: 48; in Lehranalyse: 19; in Analysen- 
kontrolle: 29. 

Lehrausschuss: Dr. Thomas M. French (Obmann), Dr. Franz Alexander, 
Dr. Leo. H. Bartemeier, Dr. N. Lionel Blitzsten, Dr. Helen Vincent McLean. 

Kurse und Seminare: I. Für Kandidaten: Dr. Leon J. Saul: Seminar 
für Psychoanalytische Literatur — Dr. Catherine L. Bacon: Probleme der Psy- 
chologie des Weibes — Dr. Thomas M. French: Freud's Traumdeutung — Dr 
Margaret Gerard, Dr. George J. Mohr, Miss Helen Ross: Kinderanalyse — Dr. 
Thomas M. French: Probleme der Traumpsychologie — Dr. Thomas M. French* 
Spezifische Neurosenmechanismen — Dr. Therese Benedek: Systematische Dar- 
stellung der Psychoanalytischen Technik — Dr. Gregory Zilboorg: Zur Klinik 
und Psychologie des Sexualmords — Dr. Franz Alexander: Seminar über Traum- 
deutung — Dr. Leon J. Saul: Seminar über Freuds Krankengeschichten — Dr. 
Franz Alexander, Dr. Thomas M. French: Anwendung der Psychoanalyse auf 
Geisteskranke — Dr. Franz Alexander, Dr. Therese Benedek: Klinische Be- 
sprechungen. II. Für sonstige Hörer: Dr. Franz Alexander: Einführung in die 
Psychoanalyse — Dr. Gregory Zilboorg: Episoden aus Marcel Proust — Dr 
Franz Alexander, Dr. Karl Menninger, Dr. Gregory Zilboorg, Dr. George T. 
Mohr, Dr. Leon J. Saul, Dr. Helen V. McLean, Dr. Thomas M. French: Neuere 
Fortschritte der Psychoanalyse — Dr. Helen V. McLean: Psychoanalytische 
Biographik — Dr. Margaret Gerard, Dr. George J. Mohr: Psychoanalyse und die 
Probleme des Schulkindes — Dr. Edwin Eisler: Psychoanalyse und Fürsorge. 

Dr. Franz Alexander 

New York Psychoanalytic Institute 
*93 8 ~ I 939 

Kandidatenstand: Gesamtzahl: 84; in Lehranalyse: 41; in Analysen 
Kontrolle: 43. 

Lehrausschuss: Dr. Adolph Stern (Obmann), Dr. George E. Daniels 
Dr. David M. Levy, Dr. Bertram D. Lewin, Dr. Sandor Lorand, Dr. Monroe 
A. Meyert, Dr. Sandor Rado. 

Kurse und Seminare: I. Für Kandidaten: Dr. Phyllis Greenac-e % 
Seminar über Freuds Krankengeschichten — Dr. Adolph Stern, Dr. Clara 
Thompson: Seminar über Psychoanalytische Literatur — Dr. George E. Daniels- 



Korrespondenzblatt 235 



Seminar über Freuds Schriften zur Technik — Dr. Abraham Kardiner: Kritischer 
Überblick über die Entwicklung der Psychoanalyse — Dr. Bertram D. Lewin: 
Indikationsstellung und die Technik der Psychoanalyse — Dr. Sandor Rado: 
Spezielle Psychopathologie der Neurosen und Psychosen. I. Teil — Dr. M. A. 
Maeder; (in Philadelphia): 1) Seminar über die Trieblehre; 2) Kurs über Ich- 
psychologie — Dr. David M. Levy: Klinische Probleme der frühesten und späteren 
Kindheit vom Standpunkt der Psychoanalyse — Dr. Abraham Kardiner: Ver- 
gleichende Kulturkunde — Dr. Emil Oberholzer (als Gast): 1) Einführung in die 
Theorie des .Rorschach-Tests, 2) Praktische Anwendung des Rorschach-Tests — 
Dr. Sandor Rado, Dr. Sandor Lorand, Dr. Karen Horney, Dr. Phyllis Greenacre, 
Dr. Lawrence S. Kubie, Dr. George E. Daniels: Klinische Besprechungen — Dr. 
David M. Levy: Ärztliche Kinderanalyse. 

II. Für sonstige Hörer: Dr. I. T. Broadwin: Psychoanalyse und Fürsorge — 
Dr. Richard L. Frank: Psychoanalytische Betrachtung in Krankheitsfällen. 

Sandor Rado, 
Leiter des Instituts 

British Psycho-Analytical Society 

Während des Jahres wurden 2 neue Kandidaten aufgenommen und auf die 
Warteliste gesetzt. 1 Kandidat wurde zur Ausbildung für Kinderanalyse zugelassen. 
3 Kandidaten wurden zur praktischen Ausbildung zugelassen. In Analysen Kon- 
trolle: 8 (5 für Erwachsenenanalyse, 2 für Kinderanalyse, 1 für beides). Dr. Burke 
hat die Ausbildung für Erwachsenenanalyse erfolgreich beendet. 2 Kandidaten 
traten zurück. 

Kandidatenstand: (30. Juni 1939). In Ausbildung für Erwachsenen- 
analyse: 15; auf der Warteliste für Erwachsenenanalyse: 7; in Ausbildung für 
Kinderanalyse: 3 (1 davon auch in Ausbildung für Erwachsenenanalyse). 

L e h r a u s s c h u s s: Dr. G. Bibring, Dr. Brierley, Anna Freud, Dr. Glover, 
Melanie Klein, Dr. Payne, Dr. Rickman, Ella Sharpe, J. Strachey. 

Kurse und Seminare: Melanie Klein: Über Technik =E. Kris: Über 
Träume — Susan Isaacs: Über Kinderanalyse — Dr. Foulkes, Dr. E. Bibring: 
Freuds Theoretische Schriften — J. Strachey: Theorie der Psychoanalyse — E. 
Kris: Angewandte Psychoanalyse — Dr. W. Hoffer: Psychoanalyse der Pubertät — 
Dr. G. Bibring, Dr. Jones, Dr. Payne, Dr. Rickman, Dr. Scott, Ella Sharpe: 
Technische Seminare für Erwachsenenanalyse — Anna Freud, Melanie Klein, 
Dr. M. Schmideberg, Dr. Winnicott: Seminar für Kinderanalyse. 

Edward Glover 



15 Vol. 25 



236 Korrespondenzblatt 



Indian Psycho-Analytical Society 
Kandidatenstand: In Ausbildung: 7; in Analysenkontrolle; 3. 
Lehrausschuss: Dr. G. Böse (Obmann), M. N. Banerji (Sekretär), Lt. 
Col. O. Berkeley-Hill, H. P. Maiti, Dr. S. C. Mitra, Dr. G. Pal. 

Öffentliche Vorlesungen: Dr. Mitra: Geschichte der Psychoanalyse/ 
Psychoanalyse und Religion — Mr. Berkeley-Hill: Sexualleben — Mr. Banerji: 
Über seelische Dynamik — Mr. Maiti: Traumlehre/ Symptombildung/ Psycho- 
analyse und Erziehung — Dr. Böse: Seelische Mechanismen — Banerji, Maiti 
Berkeley-Hill, Dr. Laha, Dr. Böse: Typische Krankengeschichten. 

Magyarorszagi Pszichoanalitikai Egyesület 
1938-1939 

Kandidatenstand: 7 Ärzte, 10 Nicht-Ärzte. 

Lehrausschuss: Almasy, Hermann (Vorsitzender), Hollös, Frau Kovacs 
Frau Levy, Pfeifer, Revesz (Sekretär). 



I. u. II. Quartal 

A. Seminare für Kandidaten: A. Balint, Zs. Pfeifer: Technisches Proseminar 

M. Bälint, Zs. Pfeifer: Ausgewählte technische Schriften von Ferenczi — M 
Dubovitz: Kinderanalytisches Seminar — I. Hermann: Theoretisches Seminar 
Über Freud's „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose" — V. Koväcs: 
Technisches Seminar für Fortgeschrittene. 

B. Seminar für Pädagogen usw.: E. Gyömröi. L. Kertesz- Rotter: Pädagogische 
Besprechungen mit Müttern — E. Gyömröi: Seminar für Pädagogen — K. Läzar- 
Pädagogisches Seminar (II. Jahrg.) 



III. Quartal 

A. Seminare für Kandidaten: M. Dubovitz: Kinderanalytisches Seminar I. 

Herrmann: Theoretisches Seminar. Freud: Geschichte einer infantilen Neurose 

L. Levy: Praktisches Seminar — Zs. Pfeifer: Technisches Seminar für Fortge- 
schrittene — L. Revesz: Einführung in die analytisch-klinische Beobachtung 

L. Kertesz- Rotter: Einführung in die analytische Technik. 

B. Seminare für Pädagogen usw.: K. Läzär: Pädagogisches Seminar — L. 
Kertesz-Rotter: Pädagogische Besprechungen mit Müttern — L. Kertesz- Rotter: 
Seminar für Pädagogen. 

Dr. Läszlo Revesz 



Korrespondenzblatt 237 



Palestine Institute of Psychoanalysis 
September 1938 bis Juli 1939 hat die Unterrichtstätigkeit des Institutes infolge 
der Unruhen ganz darniedergelegen. 

M. Eitingon 

B. Vereinigungen mit Lehrtätigkeit 

American Association 

Topeka Psychoanalytic Society 
(Unter der Leitung des Chicago Institute for Psychoanalysis) 

1938-1939 

Dr. Karl Menninger, Dr. Knight, Dr. Edoardo Weiss: Kasuistische Seminare — 
Dr. Kamm: Seminar über Probleme der Technik — Dr. Orr: Literaturseminar 
über Folie ä Deux — Dr. Knight: Literaturseminar über Freud's „Konstruktionen 
in der Analyse" — Dr. Harrington: Literaturseminar über Fenichel's „Der Trieb 
Reichtümer aufzuhäufen" — Dr. Lewy: Literaturseminar über Alexander's 
„Minderwertigkeitsgefühl und Schuldgefühl" — Dr. Orr: Literaturseminar über 
Herold's „Ein Konflikt über die Technik" — Dr. Edoardo Weiss: Seminar über 
Struktur und Funktionen des Ichs. 

Washington-Baltimore Psychoanalytic Society 

1938-1939 

Kandidatenstand: Gesamtzahl: 16; in Lehranalyse: 8; in Analysen- 
kontrolle: 8. 

Lehrausschuss: Dr. Lewis B. Hill (Obmann), Dr. Lucile Dooley (ex- 
officio), Dr. Frieda Fromm-Reichmann, Dr. Ernest E. Hadley, Dr. William V. 
Silverberg, Dr. Edith Weigert. 

Kurse und Seminare: Dr. Lewis B. Hill: Technik der Psychoanalyse — 
Dr. Edith Weigert: Spezielle Neurosenlehre — Dr. Ernest E. Hadley, Dr. Gertrud 
Jacob: Probleme der Psychoanalyse — Dr. Lewis B. Hill: Untersuchungen über 
die Psychopathologie des Alltagslebens und die Einführung in die Psychoanalyse — 
Dr. Ernest E. Hadley: Traumdeutung — Dr. Wm. V. Silverberg: Freud's Kran- 
kengeschichten — Dr. Lucile Dooley: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie; das 
Ich und das Es; Hemmung, Symptom und Angst. — Dr. Lucile Dooley, Dr. J. O. 
Chassell, Dr. Lewis B. Hill, Dr. E. Fromm-Reichmann, Dr. Edith Weigert: 
Klinische Besprechungen (abgehalten je in Baltimore, Rockville, Washington). 

Dr. Lewis B. Hill 



238 Korrespondenzblatt 



Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 
Sept. 1938 bis Juli 1939 

In Amsterdam: Dr. Landauer: 1) Technisches Seminar für Fortgeschrittene, 
2) Lektüre-Seminar — Frau Dr. Lampl-de Groot: 1) Technisches Seminar für 
Anfänger, 2) Seminar für Pädagogen. 

In Den Haag: M. Katan: 1) Technisches Seminar, 2) Theoretisches Seminar 

Frau Dr. Katan: 1) Kinderseminar, 2) Praktisches Seminar für Pädagogen. (Be- 
sprechung von Fällen — Dr. Feith: Theoretisches Seminar für Pädagogen.) 

Svensk-Finska Psykoanalytiska Föreningen 

Kandidatenstand: In Lehranalyse 3; keine Kontrollanalysen; keine 
Kurse und Seminare. 

Alfhild Tamm 

C. Analytiker mit Lehrermächtigung 

Dr. Gero in Kopenhagen hat an der Psychiatrischen Klinik 6 Diskussionsabende 
abgehalten, über: 1) Allgemeine Einführung in die Psychoanalyse, 2) Das Unbe- 
wusste und die Verdrängung, 3) Der Begriff der Libido, 4) Das Problem der Angst, 
5) Über Abwehrmechanismen, 6) Über Symptombildung. 

Dr. Adelheid Koch in Sao Paulo hat gemeinsam mit anderen Kollegen Diskus- 
sionen über technische und theoretische Fragen abgehalten. 

Dr. Sugar in Beograd hat zusammen mit anderen Mitgliedern der Beograder 
Arbeitsgemeinschaft über Klinische Probleme berichtet. 

Dr. Winnik in Bukarest hielt für Arzte, Pädagogen u.a. einen Kurs über Pro- 
bleme der Psychoanalyse.